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Frühere Chemtrail-Anhängerin : Das Muster der Verschwörung

Bildung schützt nicht vorm Glauben an Verschwörungstheorien

Woher kam ihre Bereitschaft, einfach alles zu glauben, was in Verschwörungsforen behauptet wurde, obwohl es sie in Angst und Wahn trieb? Der Glauben an die erste Verschwörungstheorie entwickelte eine Dynamik, an deren Ende nichts mehr unmöglich erschien. Tatsächlich sind es nicht das Alter, Geschlecht oder der Bildungsgrad, anhand derer man am besten voraussagen kann, ob jemand an eine Verschwörungstheorie glaubt. Sondern der Umstand, dass er oder sie an eine andere Verschwörungstheorie glaubt. Und Stephanie Wittschier sagt auch: Von politischen Prozessen habe sie nie viel verstanden. Deshalb erschien es ihr ohne weiteres plausibel, dass hinter all der schwer verständlichen Politik ein größerer Plan steckte, dass „die Eliten“ in Wirklichkeit nicht für das Volk Politik machten, sondern eigene Interessen verfolgten.

Ein Erklärungsversuch, dem Experten zustimmen. Michael Butter, Amerikanistik-Professor an der Universität Tübingen, sagt: Bildung schütze nicht vorm Glauben an Verschwörungstheorien, aber je höher die Bildung eines Menschen sei und je klarere Vorstellungen er davon habe, wie Gesellschaften funktionierten, desto skeptischer sei er. Eine wichtige Frage sei: Wie denkt man, dass die Welt funktioniert? „Anhänger von Verschwörungen glauben, dass kleine Gruppen von Individuen ihren Willen gezielt in die Tat umsetzen. Andere gehen davon aus, dass wir komplexe soziale Systeme haben, in denen Leute agieren, die ähnlich sozialisiert wurden, sich aber nicht abgesprochen haben. Und dass viele Dinge geschehen, die nicht geplant wurden.“

Was macht außerdem anfällig für Verschwörungstheorien? Eine extreme politische Haltung, zeigen Studien – egal ob links oder rechts. Impfskepsis ist eher in linksintellektuellen Milieus verbreitet, Reichsbürger sind meist rechtsradikal. Oft vermischen sich extreme politische Ansichten aber auch – wie im Falle der Chemtrail-Anhänger.

Stephanie Wittschier sind in Foren auch rechtsradikale Reichsbürger begegnet, die an die Theorie der hohlen Erde glauben – und es gut finden, dass die Nazis dort überwintert haben. „Die Theorien hängen alle irgendwie zusammen, und als Verschwörungsideologin kommt man schnell in die braune Szene“, sagt Wittschier. Neben extremen politischen Haltungen macht auch Populismus anfällig für Verschwörungstheorien. Sagen Populisten, die Eliten seien korrupt und dienten nicht dem Volksinteresse, knüpfen Verschwörungstheoretiker daran an und sagen, stattdessen dienten sie „fremden Herren“. Das können dann je nach Verschwörungstheorie die jüdische Bankiersfamilie Rothschild sein – womit man im Bereich des Antisemitismus wäre – oder Geheimdienste, Kirchen, Reptilienwesen.

Verschwörungen können immer mehr erklären

Was führt sonst noch dazu, dass Menschen Verschwörungstheorien anhängen? Zum Beispiel, dass es immer einige Dinge gibt, die sich nicht logisch erklären lassen, sagt Butter. Stephanie Wittschier wollte etwa einfach nicht glauben, dass der Pass des Attentäters Mohammed Atta zufällig unversehrt vor dem World Trade Center lag. „Verschwörungstheorien hängen sich an widersprüchlichen Punkten auf und entwerfen Gegenerzählungen, in denen diese Sinn ergeben“, sagt Butter. „So können sie immer mehr erklären als die offizielle Version.“

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