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Frühere Chemtrail-Anhängerin : Das Muster der Verschwörung

Der Reichsbürger Wolfgang P. wurde am 23. Oktober wegen tödlicher Schüsse auf einen Polizisten zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Der Reichsbürger Wolfgang P. wurde am 23. Oktober wegen tödlicher Schüsse auf einen Polizisten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. : Bild: dpa

Viele fragen sich: Wie gefährlich sind Verschwörungstheoretiker? Und was tun gegen immer weiter um sich greifende Verschwörungstheorien in Zeiten, in denen „alternativen Fakten“ in dubiosen Blogs und Foren oft mehr Glauben geschenkt wird als seriösen Medien?

Ufos, Aliens, hohle Erde

In die Reichsbürgerszene sei sie zum Glück nicht mehr reingerutscht, erzählt Stephanie Wittschier mit mädchenhafter, freundlicher Stimme. Die war gerade erst im Kommen, als sie begann, zur Vernunft zu gelangen. Sonst habe sie aber das meiste mitgenommen: „Der Beginn war 9/11, dann kamen die Chemtrails, von da kommt man zu HAARP“ – eigentlich ein amerikanisches Forschungsprogramm zur Untersuchung der Atmosphäre, für Verschwörungstheoretiker aber eine „Wettermaschine“, für Erdbeben und Überschwemmungen verantwortlich.

„Dann hat es sich bei mir vermischt: Von Ufos und Aliens, für die ich mich schon als Kind interessiert habe, kam ich zu den Reptiloiden und von da aus zur hohlen Erde. Nach dieser Theorie ist die Erde ein Hohlkörper, und darin wohnen die Nazis. Es gibt dort aber auch Dinosaurier, Wikinger, Außerirdische. Manche Außerirdische sind gut, sie haben sich in der galaktischen Föderation zusammengeschlossen. Andere sind böse.“

Heute klingt das alles für Wittschier ähnlich absurd wie für ihre Zuhörer. Gleichzeitig bleibt ein Kern ihres Misstrauens, gegen die „Eliten“ und gegen offizielle Erklärungen. Journalisten will sie nicht persönlich treffen, willigt nur in ein Telefongespräch ein. Und dass die amerikanische Regierung über den 11. September im Vorhinein mehr wusste, als sie zugibt, glaubt sie heute noch.

„Doktorhut statt Aluhut“ heißt es im April auf einer Demo in Freiburg. Allein: Bildung schützt laut Wissenschaftlern nur bedingt vor Verschwörungsglauben.
„Doktorhut statt Aluhut“ heißt es im April auf einer Demo in Freiburg. Allein: Bildung schützt laut Wissenschaftlern nur bedingt vor Verschwörungsglauben. : Bild: dpa

Der Historiker Wolfgang Wippermann hat fünf Verschwörungsepochen seit dem Mittelalter identifiziert – die letzte begann mit dem 11. September 2001. Tatsächlich sind Ungereimtheiten rund um die Anschläge für viele Menschen der Einstieg in die Szene.

Sie stellte Fotos von Wolken in Verschwörer-Foren

Stephanie Wittschier war um die 30 Jahre alt, als sie vor gut sieben Jahren die Doku über die Terroranschläge sah. Sie hatte damals Urlaub oder aus einem anderen Grund viel Zeit, so genau weiß sie das nicht mehr. Was sie noch weiß: Sie verbrachte danach ganze Tage vor dem Computer. Dass Wolken immer aus Wassertröpfchen oder Eiskristallen bestehen, egal wie ungewöhnlich ihre Form erscheinen mag – diese simple Wahrheit erschien ihr bald nicht mehr plausibel: „Wolken, die sich so lange halten können, bestehen aus Polymerfäden, Aluminium und Bariumsalzen“, schrieb Stehanie Wittschier am 15.April 2011 im Online-Forum „All Mystery“.

Als „Slipknotfreak“ wetterte Stephanie Wittschier in Online-Foren gegen „die Elite“. Eine sachliche Diskussion war mit ihr nicht möglich.
Als „Slipknotfreak“ wetterte Stephanie Wittschier in Online-Foren gegen „die Elite“. Eine sachliche Diskussion war mit ihr nicht möglich. : Bild: Screenshot Allmymystery

Sie war zutiefst überzeugt, dass Wolken und Kondensstreifen in ihrer Kindheit anders ausgesehen hatten, dass irgendetwas mit dem Himmel über ihr nicht stimmte. Unglücke wie das Erdbeben in Japan, das zur Atomkatastrophe von Fukushima führte, erklärte sie sich mit den Giften der Chemtrails. Um ihr Haus zu schützen, kaufte sie eine teure Pyramide aus Kunstharz, Orgonit genannt, die sie heute als Metallschrott bezeichnet, und stellte sie im Garten auf. Sie fotografierte Kondensstreifen und ungewöhnliche Wolken, veröffentlichte die Bilder in Internetforen: Beweise für die Verschwörung der Elite. Also: „Alle höhergestellten Menschen, etwa die Queen, die Rothschilds, die Bundeskanzlerin, Illuminaten und Freimaurer.“ Welches Interesse die daran haben könnten, die Menschheit zu vernichten, hat Stephanie Wittschier sich nie gefragt.

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