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Interview zur Mathe-Olympiade : „Da gibt es wirklich Aufgaben, die zu schwer sind“

Ist ziemlich gut in Mathe: Norman Bitterlich Bild: Thiemo Heeg

Norman Bitterlich ist der Cheforganisator der Mathe-Olympiade und Nachfahre von Adam Ries. Im Interview spricht er über die besten Mathe-Schüler Deutschlands, den Wettkampf unter den Bundesländern und die Kritik am Mathe-Abitur.

          Herr Bitterlich, Zehntausende Schüler protestieren, weil ihr Mathe-Abitur angeblich zu schwer war. Kann das sein?

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ich kenne die Aufgaben nicht, aber ich habe tiefes Vertrauen, dass die Aufgabenkommission dem Lehrplan angepasste Aufgaben auswählt. Ich habe eher die Sorge, dass die Abiturienten viel gelernt haben, viel wissen, aber nicht mehr wissen, wie sie bei einem fremden Aufgabentext ihr Wissen anwenden. So erscheinen die Aufgaben so schwer, dass sie behaupten, das hätten sie nie im Unterricht gehört.

          Diese Schüler können nur auswendig Gelerntes und versagen im Transfer?

          Das könnte schon dahinterstecken. Für einige können die Aufgaben sicher zu schwer gewesen sein, das ist jedes Jahr der Fall, aber nicht für 60.000 Abiturienten. Schließlich hat jeder, der die Aufgaben gestaltet, eine Basis, den Lehrplan. Das ist in Wettbewerben wie der Mathematik-Olympiade ganz anders. Da gibt es wirklich Aufgaben, die zu schwer sind. Dann gewinnt man eben mit einer Aufgabe weniger und ist trotzdem der Beste. Aber für die Abiturienten habe ich schon Verständnis, das ist tragisch für sie, das würde ich nicht wegreden wollen.

          Fachleute wie der OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher sagen, es gehe im Abitur auch darum, wie ein Mathematiker zu denken. Ist diese Kunst in der Schule abhandengekommen?

          Dieser Anspruch ist nicht mehr realistisch. Dass die Masse der Schüler wie Mathematiker denkt, das kann die Schule nicht mehr leisten.

          Was bedeutet das eigentlich: wie ein Mathematiker denken?

          Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, sich selbst Dinge wieder zu erarbeiten. Wenn man mal eine Formel vergisst, muss sich ein Mathematiker die Formel wieder erarbeiten können. Die Schulrealität sieht anders aus, das habe ich bei meinen eigenen Kindern erlebt: Es ist ein schematisches Lernen. Ein schönes Beispiel: Pythagoras kennt jeder Schüler, a2+b2=c2. Dann legt der Lehrer ein Dreieck hin mit den Seiten x, y und z, und schon ist dieses Wissen nicht mehr da. Die Schüler haben nicht verstanden, was sie da gelernt haben, und können es nicht anwenden.

          Woran liegt das?

          Der Schule geht die Zeit verloren, die man braucht, hinter die Dinge zu schauen. Beweise gibt es ja fast gar nicht mehr. Damit sind die Schüler nicht mehr in der Lage, ihr Wissen in Situationen anzuwenden, wo die Lösung nicht gleich auf der Hand liegt. Viele verlieren auch das Zahlengefühl. Sie können nicht mehr interpretieren, was sie herausbekommen haben. Das liegt auch daran, dass sie technikgläubig sind. Was auf der Anzeige steht, ist richtig, da muss ich nicht nachdenken, ob das Komma an der richtigen Stelle steht.

          Fast 200 Schüler haben 2017 beim Bundesfinale der Mathe-Olympiade in Bremerhaven teilgenommen.

          Also sind die Taschenrechner schuld?

          Ich würde nie den Taschenrechner oder den Computer verteufeln. Aber man darf nicht verlernen, wie man es per Hand rechnen müsste. Das macht zum Beispiel die Mathematik-Olympiade aus: Nicht dass man ein Ergebnis findet, ist entscheidend. Die Teilnehmer müssen die Korrektoren vielmehr überzeugen, dass ihre Gedankengänge lückenlos sind und man zwangsläufig auf dieses Ergebnis kommen muss. Das lässt sich richtig üben, das geht auch verloren, wenn man nicht richtig übt.

          Die Mathematik-Olympiade startet alljährlich mit rund 200.000 Schülern, und nach drei regionalen Aufgabendurchgängen bleiben aus allen Bundesländern 200 übrig, die in die Bundesrunde eingeladen sind. Wie kommt man so weit?

          Sie trainieren erfolgreich. Das sind Profis wie im Sport. Sie trainieren nicht Aufgaben, sondern Lösungsansätze. Die Schüler können an einer Aufgabenstellung recht schnell erkennen, was ein erfolgreicher Lösungsweg sein kann. Das zeichnet sie aus. Das geht über Schulstoff eindeutig hinaus. Vielleicht braucht man auch Begabung, weil man es wohl mit Fleiß alleine nicht schafft. Und man braucht Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit.

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