https://www.faz.net/-gum-7vxz1

Pädophilie : Das Verhalten kontrollieren

  • -Aktualisiert am

Charité-Gebäude in Berlin im November 2012 Bild: dapd

Das Pädophilie-Präventionsprojekt „Kein Täter werden“ der Charité richtet sich an Männer, die ihre Neigungen nicht ausleben sondern unter Kontrolle bringen möchten. Nun gibt es das Angebot auch für Jugendliche.

          Es begann im Jahr 2005 mit dem Titel „Kein Täter werden“. Damals wurde das Präventionsprojekt für Pädophile an der Berliner Charité ins Leben gerufen, zunächst finanziert von der VW-Stiftung und flott betextet von der Agentur Scholz & Friends: „Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist?“ Seither hat sich das Angebot als Ansatz bewährt, Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen und Männer davor zu bewahren, jemals sexuelle Übergriffe zu begehen.

          Klaus Michael Beier, der Leiter des Projekts, berichtet, „Kein Täter werden“ sei immer noch das einzige „primärpräventive Projekt im Dunkelfeld“. Es wendet sich also nur an Männer, die ihre sexuelle Präferenz nicht in strafrechtliche Schwierigkeiten gebracht hat, sondern die es abwenden möchten, Kinder oder sich selbst zu gefährden. Auch die Politik hat die Arbeit des Präventionsnetzwerks schätzen gelernt: An diesem Mittwoch stellt Familienministerin Manuela Schwesig ein neues Präventionsangebot des Instituts für Sexualmedizin vor, das sich an pädophile Jugendliche richtet. Ihr Haus finanziert es in den nächsten drei Jahren mit 700000 Euro.

          Projektleiter Klaus Michael Beier vom Institut für Sexualwissenschaften in der Charité

          Mehr als 2000 Männer haben sich nach dem ersten Aufruf vor neun Jahren bei der Charité gemeldet. Etwa 400 von ihnen haben das Angebot bekommen, eine Therapie zu machen, 170 haben die Therapie abgeschossen, 154 Männer befinden sich in Behandlung. 84 haben die Therapie abgebrochen. Das Netzwerk umfasst heute Standorte in Stralsund, Kiel, Hamburg, Hannover, Leipzig, Regensburg, Ulm, Gießen und Düsseldorf. Im Sommer kündigte Bundesjustizminister Heiko Maas an, er werde sich mit dem Gesundheits- und dem Familienministerium ins Benehmen setzen, um das Projekt – etwa 500000 Euro im Jahr bezahlt sein Haus bis 2016 – auf eine dauerhafte Grundlage zu stellen.

          Ein Prozent aller Männer hat pädophile Neigungen

          Ein Prozent aller Männer, so wird angenommen, hat pädophile Neigungen. Pädophilie gilt als „krankheitswertige Störung“. Doch selbst das Präventionsnetzwerk hat es trotz Erfolgen wegen der Abwehrreflexe schwer, das Angebot zum Regelangebot zu machen. Sexuelle Präferenz für Kinder wird mit unüberwindlichem Abscheu belegt. Beier berichtet, er habe Richtern angeboten, Bilder von Missbrauch zu zeigen, und sei auf rigide Abwehr gestoßen. Er ist überzeugt davon, dass Missbrauchsbilder jeden Betrachter davon überzeugen können, sich für die Verhinderung solcher Delikte zu engagieren. Solche Fotos würden eindeutig hergestellt, um den Bedürfnissen von Erwachsenen zu dienen. Und doch schrecke die Erwachsenenwelt davor zurück, den Markt für sexuelle Handlungen mit Kindern zu beschränken.

          Heute bezeichnet man solche Bilder nicht mehr so oft als Kinderpornographie, sondern benennt die Gewalt und den Missbrauch. Das ist auch das Verdienst von Beier und seinen Mitstreitern. Wenn Skandale aufkommen wie im Fall Sebastian Edathy, sind sie Gäste in Talkshows und Expertenrunden – und versuchen, den hysterischen Ton zurückzunehmen und Pädophilie als behandelbar darzustellen.

          Sexuelle Präferenz für Kinder zeigt hohe Stabilität

          Die Männer, die sich bei „Kein Täter werden“ gemeldet haben, sind im Durchschnitt 37 Jahre alt. Es sei besser, mit der Therapie früher anzusetzen, sagt Gerold Scherner, der seit 2009 am Institut für Sexualwissenschaft tätig ist und seit zwei Jahren im Präventionsprojekt arbeitet. Die Hälfte aller Patienten habe Therapie-Erfahrung. Der erste Patient, den er im Rahmen des Projekts zu Gesicht bekommen habe, sei 62 Jahre alt gewesen und habe das erste Mal offen über seine sexuellen Neigungen sprechen können. Viele, sagt Beier, hätten lange gehofft, dass „es“ verschwindet. Doch zeigt sexuelle Präferenz für Kinder eine hohe Stabilität.

          Wer sich angesprochen fühlt von den Publikationen des Projekts, meldet sich telefonisch oder per Mail. Die Wartezeit ist nicht lang, bis zum „Erstgespräch“ dauert es einige Wochen. „Niedrigschwellig“ zu sein ist der Ehrgeiz der Sexualmediziner. Für viele sei es ein großartiges Erlebnis, zum ersten Mal in einer Gruppe über sich offen sprechen zu können und zu merken, dass sie „nicht allein“ seien. Die Gruppen umfassen acht Patienten und zwei Therapeuten, man trifft sich etwa ein Jahr lang einmal in der Woche. Es wird auch Einzeltherapie und, wo gewünscht, Paartherapie angeboten. In die „offenen Gruppen“ kann man auch nach dem Ende der Therapie zurückkehren; auch Nachsorgegruppen werden angeboten. Niemand sei „nur pädophil“, sagt Scherner. In der Therapie versuche man, andere Ressourcen zu stärken, positive Ziele aufzubauen, Freunde zu erkennen. Wo die pädophilen Neigungen des Mannes überhaupt in einer Liebesbeziehung thematisiert würden, könne das Thema durchaus in die Beziehung integriert werden.

          Motive sind oft Stress und depressive Verstimmungen

          Für medizinische Laien ist das Thema Pädophilie stark von Bildern geprägt wie den gepeinigten Blicken des Schauspielers Peter Lorre, der in Fritz Langs Film „M“ einen Kindermörder spielt. Fast die Hälfte derer, die wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt wurden, sind nach Erkenntnis der Mediziner gar nicht Pädophile, sondern sie wählten aus verschiedenen Motiven Kinder für „Ersatzhandlungen“. Sexueller Trieb sei nicht das wichtigste Motiv bei der Nutzung von Missbrauchsbildern, sagt Scherner. Oft seien es Stress oder depressive Verstimmungen.

          Die Männer seien Patienten des Präventionsprojektes geworden, weil sie Kindern keinen Schaden zufügen wollten. „Kognitive Verzerrungen“ – wie etwa die Beschwichtigung, es sei ja „nur ein Bild“, die Bilder seien „ja sowieso im Netz“ – werden in dem Projekt bearbeitet. Die Patienten lernen, dass negativ bewertetes Verhalten kontrolliert werden kann. Beier, der seit 1990 mit dem Thema Pädophilie arbeitet, sagt, mit dem Therapieangebot könne Männern geholfen werden, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Nicht indem Wünsche „kontrolliert“ werden, sondern indem Verhalten kontrollierbar wird.

          Über mangelnde politische Unterstützung des Projekts könne er sich nicht beklagen, sagt Beier. In Deutschland konnte es daher Schule machen. In den Vereinigten Staaten, wo das „Mandatory Report Law“ eine Anzeigepflicht bei Pädophilie vorschreibt, und in Großbritannien, wo die Presse das Thema aggressiv angeht, wäre das nicht möglich. Das Therapieangebot hat, sagt Beier, einen messbar positiven Effekt. Nun müsste die Prävention nicht nur für Jugendliche angeboten werden, sondern zum Regelangebot werden. Nach Beiers Meinung gehört es ins Gesundheitswesen. Doch wie sich die Therapie für Pädophile mit den Ansprüchen an Anonymität und Niedrigschwelligkeit mit den Abrechnungspraktiken im Gesundheitswesen vertragen soll – das ist eine schwierige Frage.

          Weitere Themen

          Alles Liebe, wo immer du auch bist

          Entführung nach Italien : Alles Liebe, wo immer du auch bist

          Ein Mädchen, 13 Jahre alt, verschwindet – und taucht sechs Jahre später wieder auf. Der Mann, der Maria H. mit nach Italien nahm, wurde verhaftet. Jetzt geht der Prozess gegen H. wegen Kindesentführung und sexuellen Missbrauchs zu Ende.

          Topmeldungen

          Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

          Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

          Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
          Der Europarat in Straßburg

          Stimmrecht im Europarat : Die Russen sind schon in der Stadt

          Ein Akt der Verzweiflung in 220 Teilen: Wie die Ukraine versucht, in letzter Minute die Aufhebung der Sanktionen gegen die russischen Abgeordneten in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zu verhindern.

          FAZ Plus Artikel: CDU und AfD : Noch nicht mal zum Kaffeeplausch

          Die Union will sich stärker von der AfD abgrenzen und fasste einen Beschluss, in dem sie die Ermordung Walter Lübckes mit dem Handeln der AfD in Zusammenhang bringt – steht nun ihre Beziehung zu den Sicherheitsbehörden auf dem Spiel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.