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Pädophilie : Das Verhalten kontrollieren

  • -Aktualisiert am

Sexuelle Präferenz für Kinder zeigt hohe Stabilität

Die Männer, die sich bei „Kein Täter werden“ gemeldet haben, sind im Durchschnitt 37 Jahre alt. Es sei besser, mit der Therapie früher anzusetzen, sagt Gerold Scherner, der seit 2009 am Institut für Sexualwissenschaft tätig ist und seit zwei Jahren im Präventionsprojekt arbeitet. Die Hälfte aller Patienten habe Therapie-Erfahrung. Der erste Patient, den er im Rahmen des Projekts zu Gesicht bekommen habe, sei 62 Jahre alt gewesen und habe das erste Mal offen über seine sexuellen Neigungen sprechen können. Viele, sagt Beier, hätten lange gehofft, dass „es“ verschwindet. Doch zeigt sexuelle Präferenz für Kinder eine hohe Stabilität.

Wer sich angesprochen fühlt von den Publikationen des Projekts, meldet sich telefonisch oder per Mail. Die Wartezeit ist nicht lang, bis zum „Erstgespräch“ dauert es einige Wochen. „Niedrigschwellig“ zu sein ist der Ehrgeiz der Sexualmediziner. Für viele sei es ein großartiges Erlebnis, zum ersten Mal in einer Gruppe über sich offen sprechen zu können und zu merken, dass sie „nicht allein“ seien. Die Gruppen umfassen acht Patienten und zwei Therapeuten, man trifft sich etwa ein Jahr lang einmal in der Woche. Es wird auch Einzeltherapie und, wo gewünscht, Paartherapie angeboten. In die „offenen Gruppen“ kann man auch nach dem Ende der Therapie zurückkehren; auch Nachsorgegruppen werden angeboten. Niemand sei „nur pädophil“, sagt Scherner. In der Therapie versuche man, andere Ressourcen zu stärken, positive Ziele aufzubauen, Freunde zu erkennen. Wo die pädophilen Neigungen des Mannes überhaupt in einer Liebesbeziehung thematisiert würden, könne das Thema durchaus in die Beziehung integriert werden.

Motive sind oft Stress und depressive Verstimmungen

Für medizinische Laien ist das Thema Pädophilie stark von Bildern geprägt wie den gepeinigten Blicken des Schauspielers Peter Lorre, der in Fritz Langs Film „M“ einen Kindermörder spielt. Fast die Hälfte derer, die wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt wurden, sind nach Erkenntnis der Mediziner gar nicht Pädophile, sondern sie wählten aus verschiedenen Motiven Kinder für „Ersatzhandlungen“. Sexueller Trieb sei nicht das wichtigste Motiv bei der Nutzung von Missbrauchsbildern, sagt Scherner. Oft seien es Stress oder depressive Verstimmungen.

Die Männer seien Patienten des Präventionsprojektes geworden, weil sie Kindern keinen Schaden zufügen wollten. „Kognitive Verzerrungen“ – wie etwa die Beschwichtigung, es sei ja „nur ein Bild“, die Bilder seien „ja sowieso im Netz“ – werden in dem Projekt bearbeitet. Die Patienten lernen, dass negativ bewertetes Verhalten kontrolliert werden kann. Beier, der seit 1990 mit dem Thema Pädophilie arbeitet, sagt, mit dem Therapieangebot könne Männern geholfen werden, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Nicht indem Wünsche „kontrolliert“ werden, sondern indem Verhalten kontrollierbar wird.

Über mangelnde politische Unterstützung des Projekts könne er sich nicht beklagen, sagt Beier. In Deutschland konnte es daher Schule machen. In den Vereinigten Staaten, wo das „Mandatory Report Law“ eine Anzeigepflicht bei Pädophilie vorschreibt, und in Großbritannien, wo die Presse das Thema aggressiv angeht, wäre das nicht möglich. Das Therapieangebot hat, sagt Beier, einen messbar positiven Effekt. Nun müsste die Prävention nicht nur für Jugendliche angeboten werden, sondern zum Regelangebot werden. Nach Beiers Meinung gehört es ins Gesundheitswesen. Doch wie sich die Therapie für Pädophile mit den Ansprüchen an Anonymität und Niedrigschwelligkeit mit den Abrechnungspraktiken im Gesundheitswesen vertragen soll – das ist eine schwierige Frage.

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