https://www.faz.net/-gum-88abs

Charakterschauspieler : Der Kosmos Klaußner

Über die Ausdrucksstärke und Wandelbarkeit von Burghart Klaußners Gesicht staunt man auch dann noch, wenn man ihm zwei Stunden lang gegenüber sitzt. Bild: Julia Zimmermann

Ob als prügelnder Pastor in „Das weiße Band“ oder als Nazi-Jäger Fritz Bauer: Burghart Klaußner spielt gern schwierige Rollen – und ist selbst ein komplexer Charakter, der sich manchmal missverstanden fühlt.

          Es braucht nur zweieinhalb Minuten, und schon befindet man sich mittendrin im Kosmos Burghart Klaußner. Dabei ging es nur um die banale Frage, ob der Schauspieler noch immer sowohl in Hamburg als auch in Berlin zu Hause ist. Schlichteren Gemütern würden für die Antwort ein paar Worte reichen, zwei Buchstaben, und die Sache wäre erledigt.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Klaußner hingegen fängt an zu reden. In wenigen Sätzen gleitet er ab ins Jahr 1910 zu Kaiser Wilhelm II., der Deutschlands Zukunft auf dem Wasser sah, maritime Aufrüstung gegen die Engländer und koloniale Hoffnungen inklusive. „Das Bürgertum war infiziert“, erklärt er. Damit meint er auch seine Familie, die, wenige Jahrzehnte zuvor aus Franken in die frisch gegründete Hauptstadt des Deutschen Reichs eingewandert, es in der Gastronomie zu einem gewissen Vermögen gebracht hatte. Nach und nach schaffte man sich ein Automobil, zwei Doggen und eben ein Segelboot an, erst auf dem Wannsee, später an der Ostsee. „Meine Großmutter war eine der ersten Frauen überhaupt in Deutschland, die so ein großes Schiff über das Wasser bewegen konnten und durften und die entsprechenden Befähigungsnachweise hatten.“ Nicht nur, was die Fakten betrifft, auch in der Wortwahl ist Klaußner überaus genau.

          Als wäre das alles eine zwingende Begründung dafür, dass einer wie er ein Meer in der Nähe braucht. Klaußner legt Wert darauf, dass es sich bei der Segelei nicht um eine „Elitesportart, Mode oder Schnickschnack“ handelt, sondern um eine Mischung aus altem Handwerk und Abenteurertum. Dann resümiert er und klingt fast ein wenig kleinlaut angesichts des weiten Bogens, den er geschlagen hat: „Ich wollte ja nur sagen, warum ich in Hamburg bin. Und in Berlin bin ich wegen meiner Herkunft. Und meiner Geschichtssüchtigkeit.“

          Körperhaltung und minimale Gesten reichen

          Das sagt eigentlich alles. Burghart Klaußner, 66 Jahre alt, zeit seines Lebens Schauspieler und von Donnerstag an in dem Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ zu sehen, verquickt die deutsche Historie mit seiner Familiengeschichte zu einer Dynamik, die mitten in sein Leben, sein Denken, sein Schaffen führt. Jetzt also Fritz Bauer, der jüdische Generalstaatsanwalt, der eine Schlüsselfigur für das Zustandekommen der Frankfurter Auschwitz-Prozesse war. Der Film spielt einige Jahre vor diesen Prozessen in den späten Fünfzigern und erzählt von Bauers Jagd auf den SS-Mann Adolf Eichmann, während ehemalige Nationalsozialisten an maßgeblichen Positionen in der Gesellschaft die Aufarbeitung der NS-Verbrechen zu verhindern suchen.

          Klaußner in „Der Staat gegen Fritz Bauer“, von Donnerstag an im Kino

          Klaußner verkörpert diesen Mann als einen Aufrechten, der einen hohen Preis zahlt; man sieht seine Einsamkeit, den Kräfteverschleiß, die angeschlagene Gesundheit. Der Schauspieler braucht keine Worte, um das auszudrücken, ihm reichen die Körperhaltung und minimale Gesten. Mit einem Ruck richtet er die hängenden Schultern auf, bevor er seine Ermittler einbestellt, weil wieder nichts vorangeht. Er pflegt einen beißenden Humor, seine Mundwinkel jedoch lächeln nie. Aus dem Kino nimmt man das Bild eines starken Charakters mit, ohne Burghart Klaußner vor sich zu sehen. Das kann nicht nur an den angeklebten weißen Haaren liegen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.