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Nicht mehr Emily Doe: Chanel Miller in San Francisco Bild: PRESTON GANNAWAY/The New York Ti

Die Frau hinter Emily Doe : Sie hat nun einen Namen

Vor Gericht verlas sie einen Brief an ihren Peiniger und wurde so als anonymes Opfer im „Stanford Rape Case“ weltbekannt. Jetzt hat Chanel Miller ein Buch veröffentlicht.

          4 Min.

          Die erste Welle des Entsetzens spürte Chanel Miller, als sie am 18. Januar 2015 im Universitätskrankenhaus von Stanford auf die Toilette ging, sich unter dem Klinikkittel den Slip herunterziehen wollte – und ins Leere griff. Sie konnte sich an nichts erinnern und hatte sich bis dahin eingeredet, es sei ein Missverständnis, dass man sie wegen eines sexuellen Übergriffs ins Krankenhaus gebracht hatte. Sie wurde eingehend untersucht. Fotos zeigten Kiefernnadeln im Haar, Abschürfungen an Nacken, Schlüsselbein und Po. Man fragte sie, ob sie Anzeige erstatten wollte. In den Gerichtsakten wurde sie zu Emily Doe.

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Anderthalb Jahre später, nach zermürbenden Prozesstagen und unzähligen Wellen immer tieferer Verzweiflung, wurde der Täter zu sechs Monaten Haft verurteilt. Eine längere Strafe, so der Richter, wäre ein „schwerer Schlag“ für den jungen Mann gewesen, der als „vielversprechender“ Student und Schwimmer in Stanford galt. Das Urteil im „Stanford Rape Case“ rief damals in aller Welt Aufsehen hervor. Die Erklärung, die Emily Doe vor Gericht verlas, wurde millionenfach gelesen und geteilt. An diesem Dienstag erscheint Chanel Millers Buch „Ich habe einen Namen“ im Ullstein-Verlag: Die Siebenundzwanzigjährige lässt das Pseudonym aus den Akten hinter sich.

          Chanel Miller durfte 2014 während des Amoklaufs von Isla Vista ihr Zimmer auf dem Campus der University of California nicht verlassen, bei dem Elliot Rodger sechs Personen tötete, weil er sich vom anderen Geschlecht abgewiesen fühlte. Nachdem ihr Peiniger mit einer milden Strafe davongekommen war, wurde Donald Trump zum Präsidenten Amerikas gewählt und Brett Kavanaugh von ihm zum Obersten Richter ernannt, obwohl beiden sexuelle Übergriffe vorgeworfen wurden. „Erst beim Schreiben wurde mir klar, wie all das zusammenhängt“, erzählt Chanel Miller. „Es sind alles Symptome eines größeren Problems, eines Musters von männlichem Anspruchsdenken, das besagt: ,Wenn ich nicht kriege, was ich will, wirst du dafür bezahlen.‘ Und dieses sexuelle Anspruchsdenken hat nichts damit zu tun, welches Kleid eine Frau trug oder wie betrunken sie war. Aber indem sie sich immer wieder auf solche Fragen stürzt, trägt die Gesellschaft zu diesem Muster bei.“

          „Twenty minutes of action“

          Am 17. Januar 2015 hatte Chanel Miller, damals 22 Jahre alt, ihre jüngere Schwester und deren Freundinnen auf die Party einer Verbindung in Stanford begleitet. Miller hatte das College schon verlassen und arbeitete bei einem Start-up in ihrer Geburtsstadt Palo Alto in Kalifornien. Sie hatte viel getrunken, vertrug aber weniger als zu College-Zeiten. In jener Nacht wurde sie halb nackt, ohne Handy oder Portemonnaie, bewusstlos hinter einer Mülltonne in der Nähe des Verbindungshauses aufgefunden. Ein Mann, der schon mit den Fingern in sie eingedrungen war und sich wohl gerade an seiner Hose zu schaffen machte, als zwei schwedische Austauschstudenten ihn entdeckten und überwältigten, kam in Untersuchungshaft.

          Vor Gericht bat der Vater des Täters den Richter, „twenty minutes of action“ nicht das Leben seines Sohns ruinieren zu lassen. Als der erste Artikel zum Fall erschien, war Brock Turner schon gegen eine Kaution in Höhe von 150.000 Dollar freigelassen worden. In dem Text stand, dass der Neunzehnjährige, Student im ersten Semester, in der Highschool zweimal den Rekord seines Bundesstaats im Freistil gebrochen hatte. Die Kommentare darunter lauteten: „Was hatte eine College-Absolventin auf einer Verbindungsparty zu suchen?“, „Wieso betrinkt sich irgendeine Frau dermaßen?“ und „Es gibt Frauen da draußen, die echten Missbrauch erleiden.“

          Das Muster sollte sich im Prozess wiederholen. Der Verteidiger befragte Miller ausführlich zu ihrem Alkoholkonsum an jenem Abend und hob Turners Talente hervor, seinen Wunsch, als Schwimmer bei Olympia anzutreten. Millers Ziele und Talente spielten hingegen keine Rolle.

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