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Film-Festival in Cannes : Gelbe Kleider auf dem roten Teppich

Der französische Schauspieler Vincent Lindon mit der amerikanischen Schauspielerin Jesscia Chastain in leuchtendem Gelb auf dem roten Teppich Bild: AFP

Trotz Vergewaltigungsvorwürfen gegen Woody Allen und erhöhten Sicherheitsmaßnahmen ist der rote Teppich bei den Filmfestspielen in Cannes auch in diesem Jahr großes Kino.

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          Das Festival beginnt mit einem Vergewaltigungswitz: „Schön, dass Sie so viele Filme in Europa drehen, auch wenn Sie nicht in den Vereinigten Staaten wegen Vergewaltigung für schuldig befunden wurden.“ Der französische Komiker Laurent Lafitte trägt den unwitzigen Witz während der Eröffnungsfeier vor. Die Gäste zeigen sich von der Spitze des Moderators mäßig geschockt. Dabei zielt sie auf Woody Allen ab, der mit seinem neuen Film „Café Society“ an diesem Abend das Filmfestival eröffnet.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Auf den ersten Blick zieht Lafitte hier nur den Vergleich zwischen Woody Allen und dem Regisseur Roman Polanski, der wegen Vergewaltigungsvorwürfen in Amerika jahrelang unter Hausarrest in der Schweiz lebte und von dort sein Filmschaffen fortsetzte. Doch wer an diesem Tag den „Hollywood Reporter“ gelesen hat, weiß, dass Lafittes Spitze noch etwas tiefer geht.

          In dem Branchenblatt hatte sich nämlich pünktlich zum Start des Filmfestivals Allens Sohn, Ronan Farrow zu Wort gemeldet. In einer Kolumne erhebt er gegen seinen Vater neuerlich Vorwürfe, seine Schwester Dylan Farrow als Kind sexuell belästigt zu haben. Der Jurist und Journalist Ronan Farrow beschuldigt auch die amerikanischen Medien, der Geschichte seiner Schwester vor zwei Jahren kaum Glauben geschenkt und der Darstellung seines Vaters hingegen weitaus mehr Platz eingeräumt zu haben.

          Der rote Teppich, das ist in Cannes ganz großes Kino

          „Die langsame Entwicklung der Old-School-Medien hat dazu beigetragen, eine Kultur der Straffreiheit und des Schweigens zu schaffen“, schreibt Farrow. Und fügt hinzu: „Ich glaube meiner Schwester.“ Allen selbst hat die Vorwürfe damals bestritten. Und in Cannes will man von dem Witz zur Eröffnungsfeier einmal abgesehen auch lieber über Allens Film reden.

          Auch die amerikanische Schauspielerin Anna Kendrick posierte im gelben Cocktailkleid auf dem roten Teppich. Bilderstrecke

          Für den sind sie immerhin alle angereist, die Journalisten, die Fans und die Hollywood-Stars. Der rote Teppich, das ist in Cannes ganz großes Kino. Denn irgendwie haben hier selbst die sonst so prüden Amerikaner Lust darauf, möglichst viel und doch nicht alles zu zeigen. Blake Lively etwa setzte die ersten Anzeichen eines Schwangerschaftsbäuchleins mit einem enganliegenden nudefarbenen Strasskleid von Atelier Versace in Szene. Kristen Stewart blieb Chanel treu und trug einen kompletten Runway-Look mit Seethrough-Bluse, bei der nur zwei schwarze Brusttaschen einen Nippelskandal verhinderten. Und Jessica Chastain, Kirsten Dunst und Anna Kendrick trugen alle gelbe Gala-Kleidchen, als hätten sie dazu sich heimlich verabredet.

          Der Parade auf dem roten Teppich steht natürlich die Parade entlang des roten Teppichs in nichts nach. Dutzende junge Frauen trotzen dem windigen Nieselwetter in bunten Cocktail-Kleidern. An den Füßen dünne Stilettos, in der Hand ein Pappschild, auf dem sie um eine Einladungskarte für die Abendvorstellung bitten. Cannes rigides Kartensystem erlaubt es den Einkäufern des Filmmarktes kaum, eine Einladung für eine Abendpremiere zurückzugeben oder diese verfallen zu lassen, ohne Sanktionen fürchten zu müssen.

          Feiern trotz verschärfter Sicherheitsmaßnahmen

          Da fallen ab und an für die jungen Damen in den Cocktail-Kleidchen noch ein paar Karten ab. Also sieht man einige von ihnen wenig später dann doch über den roten Teppich stöckeln, vorbei an der Polizeigarde, die in diesem Jahr wegen der erhöhten Terrorwarnstufe aufgestockt wurde.

          Sind das wirklich mehr Einsatzkräfte, fragen sich die Journalisten. Standen die Polizisten nicht auch in den vergangenen Jahren schon Spalier entlang der Gala-Treppe zum Palais hinauf? „Aber selbstverständlich, das ist jedes Jahr so“, erklärt ein gemütlicher Sicherheitsbeamter auf dem Pressebalkon, es seien aber trotzdem viel mehr Sicherheitskräfte im Einsatz als im Vorjahr. Ein wenig unruhig ist man trotzdem. Am Abend vor der Eröffnung soll der Festivalpalast evakuiert worden sein. Ob aus Übung oder triftigem Grund blieb Spekulation.

          Als später in dieser Nacht, während der Willkommens-Party des Festivals, am Strand ein dumpfes Knallen zu hören ist, zucken schon einige Köpfe etwas nervös herum. Dann erblicken sie die große Leinwand des Strandkinos, auf der gerade der Trailer für „Mad Max - Fury Road“ läuft. Allgemeines Aufatmen.

          Und nur weil hier verschärfte Sicherheitsmaßnahmen gelten, lässt man sich noch lange nicht am Feier hindern. Später wird eine Kollegin unter einem Partybild twittern: „Immer noch die beste Anti-Terror-Maßnahme: Das Leben genießen.“ Das Bild sammelt Likes.

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