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Calista Flockhart : Wir alle waren Ally

Ganz Ally: Calista Flockhart wird 40 Bild: dpa

Als „Ally McBeal“ hat sie das Lebensgefühl der thirty-something-Frauen maßgeblich geprägt. Nun ist die amerikanische Schauspielerin Calista Flockhart 40 Jahre alt.

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          Sie hat die Condition Feminine der späten neunziger Jahre geprägt wie kaum eine andere: In ihrer Rolle als Bostoner Anwältin Ally McBeal, jener Frau mit der dünnen Taille und der belasteten Psyche, hat die Schauspielerin Calista Flockhart Fernseh- und Frauengeschichte geschrieben. Der Star der gleichnamigen Serie versetzte erst in Amerika und später in Europa junge Frauen in einen neuen Seinszustand, den "McBealismus". Ihr Wunsch nach Autonomie und zugleich Intimität führte Calista Flockhart auf dem Bildschirm regelmäßig an den Rand des Wahnsinns: "Ich will nicht das, was ich will, und ich will das, was ich nicht will. Und um es noch komplizierter zu machen: Im Moment weiß ich weder, was ich will, noch, was ich nicht will."

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Was die vergrübelte Egozentrikerin allein oder mit John, Renee und Elaine, ihren Freunden und Kollegen der Kanzlei "Cage & Fish" Woche für Woche verhandelte, entsprang dem Lebensgefühl der thirty something. Vor allem aber drehte sich Ally um das metaphysische Leid der emanzipierten Selbstversorgerin, einer Spezies, der es in jenen Jahren so gut ging wie keiner Generation zuvor - und vielleicht auch danach. Doch was nutzt aller Altruismus, wenn sich Ally eingestehen mußte, daß ihr die eigenen Probleme stets am wichtigsten waren, "eben weil es meine sind"?

          Frisches absurdes Fernsehtheater

          Wie erklärt sich rückblickend der ungemeine Erfolg dieser Serie, die 2002 nach fünf turbulenten Jahren eingestellt wurde und trotz zahlreicher Nachahmungsversuche auch deutscher Sender nicht wiederholt werden konnte? Entscheidend war gewiß, daß die richtigen Akteure, neben Calista Flockhart vor allem der Erfinder der Serie, David E. Kelley, zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufeinandertrafen. Als 1997 das unbekannte Bündel von Widersprüchen den Bildschirm betrat, brachte die Serie das Fernsehen nicht nur mit erfrischend absurdem Theater gehörig durcheinander. Sie stellte zugleich eine moralische Momentaufnahme Amerikas dar. So aberwitzig manche Fälle auch gerieten, überraschte immer wieder die etwas andere Sicht der Dinge. Die kleinen Bosheiten und großen Dramen bewegten sich außerhalb der empfohlenen politischen Linien. Auf untypische Weise wurden am Beispiel dieser jungen Frau Themen wie Sexualität, Religion und Politik verhandelt. Mit Witz und Melancholie wurden Anstandsregeln durchbrochen, wurde Ehebruch, die Hartnäckigkeit der ersten Liebe oder die Arroganz der Anwaltszunft, der David E. Kelley selbst entstammt, neu dekliniert. "Ally McBeal" erzählte von Liebe und von Freiheit mithin als von so etwas Rätselhaftem wie den Fröschen, die gelegentlich aus der Unisex-Toilette sprangen. Das Absurde belebte diese Geschichten über echte Gefühle. Nur die Echtheit der Gefühle aber verschaffte dem absurden Theater seine Fallhöhe.

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          Denn es wurde auch ernst, etwa wenn Ally einen sterbenskranken Jungen vertrat, der den lieben Gott verklagen wollte, oder ihr Kollege John Cage einen Mann verteidigte, dem die Entlassung drohte, weil er an Einhörner glaubte. Neben der Liebe und den Trieben und der Erfüllung unerfüllbarer Wünsche ging es bei "Ally McBeal" immer auch um das Zusammenleben von Menschen - und um dessen Gegenteil: die Einsamkeit. Ihr eigenes Leben war freilich immer Allys schwerster Fall. Dagegen konnte auch ihre Therapeutin Dr. Tracy kaum etwas anrichten, die im Notfall mit Ally eine kleine Hymne anzustimmen pflegte oder zur Lächelsitzung riet. "Wir sind alle einsam, es ist nur einfacher in einer Beziehung", wußte dagegen ihr Kollege John. Nicht zuletzt der Umstand, daß die Hälfte aller Singles ihrem Status ein Ende setzen wollen - übrigens auch fast die Hälfte aller Verheirateten ihrem Ehestand -, läutete das absehbare Ende ein. Denn gegen das Gesetz der Serie war "Ally McBeal" nie auf Dauer angelegt, eben weil sie davon lebte, die große romantische Liebe wenigstens für einen Augenblick als reale Option erscheinen zu lassen. So fand Ally in der letzten Episode zwar noch immer nicht ihren "Mr. Right", zumindest aber eine zehnjährige Tochter, das Resultat einer vergessenen Episode zu College-Zeiten, und übersiedelte mit ihr nach New York, jener Stadt, in der sich die junge Calista Flockhart einst ihre ersten Theatermeriten erwarb.

          Keine Fernsehserien mehr

          Auch im wirklichen Leben wurde die Schauspielerin, die vorher durch ihre Rollen in "Quiz Show" (1994) und "Birdcage" (1996) bekannt geworden war, Mutter. Sie adoptierte einen kleinen Jungen, dem sich die Lebensgefährtin von Harrison Ford künftig vor allem widmen will. In einer Fernsehserie möchte sie nicht mehr mitspielen. Der Wahnsinn von "Ally McBeal" ist gewiß ausreichend für ein Menschenleben. Heute wird Calista Flockhart, die in Freeport (Illinois) als Tochter einer Englischlehrerin und eines Managers geboren wurde und in New Jersey aufwuchs, vierzig Jahre alt. Ihre Schwestern im Geiste dürften die verwirrenden thirty something bald ebenfalls hinter sich lassen.

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