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Burkina Faso : Die Seelenfresserinnen

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Burkina Faso regiert der Aberglaube: Frauen werden immer wieder als „Hexen“ bezeichnet, verprügelt und aus ihren Dörfern vertrieben. Die Regierung ist weitgehend machtlos. Von Thomas Veser.

          5 Min.

          Mit seinen Staubpisten, Mietshäusern und kärglichen Märkten gehört „Secteur 12“ zu den volkstümlichen Wohnvierteln von Ougadougou, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Burkina Faso. Hinter einer Brunnenanlage erheben sich die verwitterten Umfassungsmauern eines größeren Gebäudes, durch das geöffnete Tor erkennt man schemenhaft ältere Frauen, die auf dem Boden des Innenhofs kauern. Als sie den Fremden am Eingang erblicken, bricht regelrecht Panik aus, schnell springen sie auf und bringen sich im Gebäudeinneren in Sicherheit.

          Die Bewohnerinnen sind Frauen, die von ihren Dorfgemeinschaften über ein fragwürdiges Gottesurteil als angebliche Hexen enttarnt, misshandelt und mit Schimpf und Schande aus ihrer Heimat verjagt wurden. Die in ganz Schwarzafrika populäre Vorstellung, dass vor allem Frauen mit den Mächten der Finsternis paktieren, um Unglück über die Gemeinschaft zu bringen, ist im Land der Mossi-Ethnie rund um die Hauptstadt besonders ausgeprägt. Jahr für Jahr fallen Tausende unschuldiger Frauen dem Hexenwahn zum Opfer, zwischen 600 und 800 haben in einem Betreuungszentrum Zuflucht gefunden.

          „Sie haben Schreckliches durchgemacht“

          Im „Secteur 12“, wo das Sozialministerium ein solches Zentrum betreibt, liegt ihre Zahl bei etwa 60 Bewohnerinnen, die jüngsten sind 50, die ältesten 90 Jahre alt. Natürlich wissen alle im Quartier, wer sich in dem Gebäude aufhält, nur reden will darüber niemand. „Dort leben alte Frauen“, meint lapidar eine Gemüsehändlerin an ihrem Stand, mehr ist ihr beim besten Willen nicht zu entlocken.

          Zwar sei der Besuch den Frauen zuvor angekündigt worden, versichert Suzanne Balkoum vom Sozialministerium. Doch dass die Leidgeprüften Fremden misstrauen, „muss man verstehen, denn sie haben in ihrem Leben Schreckliches durchgemacht“. Wie viele Opfer Jahr für Jahr der Hexenwahn im Land der Mossi fordert, lässt sich schwer in Zahlen fassen. Die in den zwei Zentren der Hauptstadt betreuten Frauen machen jedenfalls nach den Worten Suzanne Balkoums nur einen kleinen Teil aus. Im ostafrikanischen Tansania müssen der Hexerei verdächtige Frauen sogar mit dem Schlimmsten rechnen: Schätzungen des Familienministeriums zufolge sind dort zwischen 1994 und 1998 rund 5000 Frauen umgebracht worden.

          Die kollektive Suche nach einem Sündenbock

          Warum und wie Frauen in der trocken-heißen und dicht bevölkerten Hochebene um die Hauptstadt zu Hexen abgestempelt werden, schildert Suzanne Balkoum so: Auslöser sei meist der vorzeitige und damit als unnatürlich empfundene Tod eines Dorfbewohners, dessen Lebenskreis sich noch nicht geschlossen habe. Stirbt ein Kindes oder ein an Aids Erkrankter, nähre das den Verdacht, eine „Soaba“ (Seelenfresserin) habe im Verbund mit den Mächten der Finsternis ihre Hände im Spiel gehabt. Bisweilen genügen geringere Anlässe, eine nicht bestandene Prüfung oder eine weitere Missernte, um die kollektive Suche nach einem Sündenbock auszulösen. Es gibt kaum ein afrikanisches Land, in dem diese Zwangsvorstellung nicht vorhanden wäre. Sie hält sich in fast allen Kulturen, Bevölkerungsgruppen und Milieus als Kennzeichen einer vormodernen Gesellschaft sowohl auf dem Land als auch in den Großstädten.

          Um den Schuldigen, der innerhalb der Familie oder deren unmittelbarer Nähe vermutet wird, zu identifizieren, greift man in Burkina Faso auf das uralte Songo-Ritual zurück. Wie man sich das in der Praxis vorzustellen hat, hat der einheimische Regisseur Pierre Jaméogo in einem halbdokumentarischen Film dargestellt: In ihm tragen zwei Männer eine aus Bambusrohr gefertigte Matte mit einem eingehüllten Leichnam des Verstorbenen oder einem speziellen Fetisch, der meist aus Erdreich, Glasperlen und Muscheln hergestellt wird, durch das Dorf und halten vor jeder Hütte an. Den Betrachtern dieser Prozession werde dann vorgespiegelt, sagt Albert Ouédraogo, Fachmann auf dem Gebiet der Mossi-Kultur, dass jähe, ruckartige Bewegungen der Träger nicht von ihnen selbst, sondern durch den Leichnam oder Fetisch hervorgerufen würden.

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