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Mit Muslimen in Auschwitz : Das ist auch unsere Geschichte

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„Es gibt Familien, in denen Antisemitismus Teil der Erziehung ist“: Projektleiter Burak Yilmaz (rechts) mit den Studenten Furkan Kuruderi (links) und Emre Cördük, die 2017 mit nach Auschwitz fuhren, im Theater Bonn Bild: Frank Röth

Burak Yilmaz fährt jedes Jahr mit jungen Muslimen nach Auschwitz. Was treibt ihn dazu an, und was passiert dort?

          9 Min.

          Es ist später Nachmittag am 16. Januar 2009, als die Tür des Jugendzentrums „Zitrone“ in Duisburg mit einem Knall auffliegt. Mehrere junge Männer stürmen herein, sie brüllen „Heil Hitler!“, reißen Judenwitze. Burak Yilmaz, als Betreuer für das Zentrum im Stadtteil Obermarxloh verantwortlich, erstarrt für einen Moment. Dann packt er die Männer und drängt sie schnell zum Ausgang. Heute sagt er über diese Szene: „Das waren größtenteils muslimische Jugendliche, sie kamen von einer Anti-Israel-Demonstration, die an diesem Tag in Duisburg stattfand, und waren völlig überdreht.“

          Jener Nachmittag im Januar ist für den Pädagogen Yilmaz, der bis heute in der „Zitrone“ arbeitet, eine Initialzündung: „Wir Verantwortlichen im Jugendzentrum hatten schon länger darüber nachgedacht, was wir gegen den teilweise ausgeprägten Antisemitismus bei jungen Muslimen tun können.“ Yilmaz setzt sich mit seinen Kollegen zusammen, um eine Strategie zu entwickeln. Sie haben eine Idee: Ein Besuch in einem Konzentrationslager soll antisemitische Vorurteile aufbrechen. Yilmaz gründet daraufhin mit dem Duisburger Zentrum für Erinnerungskultur das Projekt „Junge Muslime in Auschwitz“ und übernimmt die Gruppenleitung. Das Land Nordrhein-Westfalen fördert das Vorhaben zu zwei Dritteln, das letzte Drittel müssen die Verantwortlichen mit Spendengeldern bestreiten. 2012 ist es dann so weit: Yilmaz fährt zum ersten Mal mit zehn muslimischen Jugendlichen zur Holocaust-Gedenkstätte nach Auschwitz-Birkenau.

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