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Bruce Darnell : „Weinen ist nichts Schlimmes“

Die ARD riskiert mit „Bruce” einen Imageverlust Bild: ddp

Er ist bei der Pro-Sieben-Casting-Show „Germany's next Topmodel“ zum Kult geworden. Jetzt hat Bruce Darnell eine eigene Styling-Show in der ARD. Seine Rolle: eine Mischung aus Berater, Therapeut und Kumpel.

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          Köln-Deutz. 11.15 Uhr. Fototermin. Die Pose sitzt. Bruce Darnell blickt in eine Wand aus gläsernen Augen, Blitzlichter prasseln auf ihn nieder. Er blinzelt nicht mal. Ihr wollt den arroganten Blick? Kein Problem. Klick. Klick. Klick. Nächste Pose: jungenhaftes Lächeln. Klick. Klick. Klick. „Bruce, mach das noch mal mit dem Daumen hoch!“, ruft ein Fotograf. Klick. „Und nimm noch mal das Maßband in die Hand.“ Klick. Bruce zwinkert. Bruce küsst den Absatz eines Schuhs. Bruce legt sich quer über den Tisch. Das Posen-Repertoire endet mit der Bruce-Pirouette auf dem imaginären Laufsteg: drei Schritte vor, zack, Hüfte nach rechts, zack, Hüfte nach links, Drehung, drei Schritte zurück. Am Ende steht er kerzengerade da, sagt „Villen, villen Dank“ und gibt jedem Fotografen zum Abschied einzeln die Hand.

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der heimliche Star bei „Germany's next Topmodel“

          Bruce Darnell beherrscht die Selbstdarstellung bis in die kleinste Bewegung hinein. Er bewegt sich wie eine Ballerina, die ihre Leichtigkeit hartem Training verdankt. Ein Talent, das noch im Ungefähren lag, als er als Fallschirmjäger bei der US Army aus dem Hubschrauber sprang, das sich bestätigte, als er als Model arbeitete, später Models coachte und vor zwei Jahren bei der Pro-Sieben-Casting-Show „Germany's next Topmodel“ als Juror auftrat. An der Seite von Heidi Klum zeigte sich das zweite große Talent von Bruce Darnell: mehr oder weniger unfreiwillig komisch zu sein. Die Anweisungen des Amerikaners an die Models, sich besser zu bewegen, sind zu Kultsätzen geworden, die bis heute im Internet kursieren und T-Shirts zieren: „Die Handetasche muss lebendig sein!“ oder „Mehr Drama, Baby!“

          Bei Heidi Klum war er lustiges Beiwerk - jetzt bekommt er seine eigene Show

          Darnell war bei „Germany's next Topmodel“ der heimliche Star, er weinte, wenn die Scharfrichterin Heidi Klum ihre Urteile sprach, er nahm die Mädchen in den Arm, er zeigte ihnen die Dramatik des Modelgeschäfts, in dem man die meiste Zeit auf zwölf Zentimeter hohen Absätzen verbringt: „Kinder: Das ist der Wahrheit!“ Bei Heidi Klum war er lustiges Beiwerk. Jetzt soll der Modeltrainer eine ganze Sendung bestreiten: Am 12. Februar startet im Vorabendprogramm der ARD die Styling-Show mit dem schlichten Titel: „Bruce“. In jeder Folge wird ein Kandidat vorgestellt, der unzufrieden mit seinem Aussehen ist und dank Bruce eine neue Ausstrahlung gewinnen möchte.

          Eine Kindheit abseits des Glamours

          Das Kaminfeuer knistert im Kölner Loft. In den Regalen liegen Modemagazine, an den Wänden stehen Kleiderständer. Quer über den Holzboden zieht sich ein Laufsteg aus Metall. Er ist die Spielfläche für jene 18 Frauen und zwei Männer, die in 25 Minuten Sendezeit auf Vordermann gebracht werden sollen. Jene Frau zum Beispiel, die sich nicht unter Leute traut, weil sie lange Zeit ihr Äußeres vernachlässigt hat. Oder die Kandidatin, die sich immer männlich kleidet, weil sie unter Brüdern aufgewachsen ist und jetzt femininer werden möchte. Oder die Frau, die deutlich älter als ihr Mann ist und sich anzieht, als sei sie zwanzig Jahre jünger. Bruce Darnell, der selbst einen schmal geschnittenen Anzug, ein blütenweißes Hemd und polierte Schuhe trägt, will den Kandidaten zu mehr Stilgefühl verhelfen. Er berät sie bei der Kleidung, macht Vorschläge für das Make-up, verordnet neue Haarschnitte. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere hat mit Darnells Vergangenheit zu tun.

          Die Kindheit des Fernsehstars fand abseits des Glamours statt. Er war ein uneheliches Kind. Sein Stiefvater und die neun Halbgeschwister ignorierten ihn weitgehend. Weihnachten verbrachte er meist alleine im Keller. Nach der Schule studierte er kurz Soziologie, um dann doch dem Weg des Stiefvaters zu folgen und Soldat zu werden. Sechs Jahre verbrachte er in der 82. US-Luftwaffendivision in Forth Bragg, North Carolina. Damals sei er ein anderer Mensch gewesen, erzählt er heute, „ich funktionierte wie eine Robot“. Disziplin habe er gelernt und mit dem Fallschirm zu springen, aber das, was ihm wirklich fehlte, war Selbstbewusstsein. „Ich war immer unsicher und wusste nicht, wer ich war.“ Heute, mit 51 Jahren, habe er die „journey“ hinter sich, seine Stimme gefunden. Und dazu will er auch den Kandidaten verhelfen.

          Darnell ist wie der beste schwule Freund

          Er besucht sie zu Hause, spricht über ihre Vergangenheit, versucht herausfinden, warum ihr Selbstwertgefühl verlorenging. Er lässt sie Tagebuch schreiben. Dann hält er ihre Hand, schaut ihnen tief in die Augen, und wenn er abends im Bett liegt, denkt er immer noch daran, wie er den Leuten helfen kann. Wenn Bruce über seine Mission spricht, klingt er wie Barack Obama auf Wahlkampfreise. „Rethink your life!“ Es ist die uramerikanische Idee davon, dass man nur fest daran glauben muss, und alles ist möglich: ein neues Amerika, ein Wahlsieg, ein neuer Look, eine traumhafte Quote!

          Das Seltsame ist, dass dieser Glaube an das Positive bei fast jedem anderen Moderator lächerlich wirken würde, bei Bruce Darnell aber nicht. So sehr er jede Pose beherrscht, so wenig künstlich ist er als Mensch. Er redet ungefiltert, stolpert durch die deutsche Grammatik wie über einen Laufsteg mit Schlaglöchern. Bevor die Pressekonferenz in Köln beginnt, steht er auf wie ein Schuljunge und bedankt sich umständlich bei den Journalisten dafür, dass sie ihn in den vergangenen zwei Jahren so nett behandelt haben. „Isch hätte nicht geschafft ohne oisch!“

          Wenn er auf eine Frage antwortet, verliert er schon mal den Faden, um dann plötzlich einen Journalisten in der ersten Reihe zu fragen, wie es ihm eigentlich heute so gehe. „Learning miteinander zu sprechen“, das ist seine Mission. Ihm verzeiht man sogar Platitüden wie „Man muss sisch selbst sein“ oder „Es gibt kein hässliches Mensch auf der Erde“. Auf den Vorwurf, die Sendung bediene mit kalkulierten Emotionen den Voyeurismus der Zuschauer, reagiert Bruce empört: „Weinen ist nichts Schlimmes. Weinen Sie nie?“ Darnell dürfte vor allem der anvisierten Zielgruppe junger Frauen gefallen, denn er ist wie der beste schwule Freund, dem man mehr anvertraut als der besten Freundin.

          „Es ist Zeit für eine ährlische Format“

          Bruce Darnell ist authentisch - und das gibt es selten genug in einem Medium, das berechnend ist wie kein anderes. „Bruce Darnell ist von einer Ehrlichkeit, die einem im Berufsleben selten begegnet“, sagt ARD-Programmdirektor Günter Struve, der Darnell zur ARD geholt hat. Für den Sender geht es mit „Bruce“ nicht nur um ein Format, das im schwierigen Vorabendprogramm endlich Quote bringen soll. Er riskiert auch einen Imageverlust, denn seit Darnell mit einer nicht genannten Ablösesumme von Pro Sieben geholt wurde, wird dem Sender vorgeworfen, mit Gebührengeldern reines Privatfernsehen zu veranstalten.

          Siegmund Grewenig, Geschäftsführer des ARD-Vorabendprogramms, verbucht das Format deshalb vorsichtshalber unter Lebenshilfe, weil das irgendwie besser zum Programmauftrag passt als die Rubrik „Beauty-Show“. „Wir machen uns nicht über die Menschen lustig“, ergänzt Grewenig.

          Auch nicht über Darnell. Bei „Germany's next Topmodel“ war er zum Schluss so etwas wie die Ulknudel. Bei der ARD will man ihn nicht zum Stichwortgeber für Kultsprüche machen. Dem Zuschauer dürfte schon reichen, dass im Vorabendprogramm zwischen den glanzpolierten Darstellern von „Marienhof“ und dem Moderationsbeamten Jörg Pilawa mit seiner Quizsendung ein Mensch mit Ecken und Kanten auftaucht. Oder wie Bruce es formuliert: „Es ist Zeit für eine ährlische Format.“

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