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Bruce Darnell : „Weinen ist nichts Schlimmes“

Die Kindheit des Fernsehstars fand abseits des Glamours statt. Er war ein uneheliches Kind. Sein Stiefvater und die neun Halbgeschwister ignorierten ihn weitgehend. Weihnachten verbrachte er meist alleine im Keller. Nach der Schule studierte er kurz Soziologie, um dann doch dem Weg des Stiefvaters zu folgen und Soldat zu werden. Sechs Jahre verbrachte er in der 82. US-Luftwaffendivision in Forth Bragg, North Carolina. Damals sei er ein anderer Mensch gewesen, erzählt er heute, „ich funktionierte wie eine Robot“. Disziplin habe er gelernt und mit dem Fallschirm zu springen, aber das, was ihm wirklich fehlte, war Selbstbewusstsein. „Ich war immer unsicher und wusste nicht, wer ich war.“ Heute, mit 51 Jahren, habe er die „journey“ hinter sich, seine Stimme gefunden. Und dazu will er auch den Kandidaten verhelfen.

Darnell ist wie der beste schwule Freund

Er besucht sie zu Hause, spricht über ihre Vergangenheit, versucht herausfinden, warum ihr Selbstwertgefühl verlorenging. Er lässt sie Tagebuch schreiben. Dann hält er ihre Hand, schaut ihnen tief in die Augen, und wenn er abends im Bett liegt, denkt er immer noch daran, wie er den Leuten helfen kann. Wenn Bruce über seine Mission spricht, klingt er wie Barack Obama auf Wahlkampfreise. „Rethink your life!“ Es ist die uramerikanische Idee davon, dass man nur fest daran glauben muss, und alles ist möglich: ein neues Amerika, ein Wahlsieg, ein neuer Look, eine traumhafte Quote!

Das Seltsame ist, dass dieser Glaube an das Positive bei fast jedem anderen Moderator lächerlich wirken würde, bei Bruce Darnell aber nicht. So sehr er jede Pose beherrscht, so wenig künstlich ist er als Mensch. Er redet ungefiltert, stolpert durch die deutsche Grammatik wie über einen Laufsteg mit Schlaglöchern. Bevor die Pressekonferenz in Köln beginnt, steht er auf wie ein Schuljunge und bedankt sich umständlich bei den Journalisten dafür, dass sie ihn in den vergangenen zwei Jahren so nett behandelt haben. „Isch hätte nicht geschafft ohne oisch!“

Wenn er auf eine Frage antwortet, verliert er schon mal den Faden, um dann plötzlich einen Journalisten in der ersten Reihe zu fragen, wie es ihm eigentlich heute so gehe. „Learning miteinander zu sprechen“, das ist seine Mission. Ihm verzeiht man sogar Platitüden wie „Man muss sisch selbst sein“ oder „Es gibt kein hässliches Mensch auf der Erde“. Auf den Vorwurf, die Sendung bediene mit kalkulierten Emotionen den Voyeurismus der Zuschauer, reagiert Bruce empört: „Weinen ist nichts Schlimmes. Weinen Sie nie?“ Darnell dürfte vor allem der anvisierten Zielgruppe junger Frauen gefallen, denn er ist wie der beste schwule Freund, dem man mehr anvertraut als der besten Freundin.

„Es ist Zeit für eine ährlische Format“

Bruce Darnell ist authentisch - und das gibt es selten genug in einem Medium, das berechnend ist wie kein anderes. „Bruce Darnell ist von einer Ehrlichkeit, die einem im Berufsleben selten begegnet“, sagt ARD-Programmdirektor Günter Struve, der Darnell zur ARD geholt hat. Für den Sender geht es mit „Bruce“ nicht nur um ein Format, das im schwierigen Vorabendprogramm endlich Quote bringen soll. Er riskiert auch einen Imageverlust, denn seit Darnell mit einer nicht genannten Ablösesumme von Pro Sieben geholt wurde, wird dem Sender vorgeworfen, mit Gebührengeldern reines Privatfernsehen zu veranstalten.

Siegmund Grewenig, Geschäftsführer des ARD-Vorabendprogramms, verbucht das Format deshalb vorsichtshalber unter Lebenshilfe, weil das irgendwie besser zum Programmauftrag passt als die Rubrik „Beauty-Show“. „Wir machen uns nicht über die Menschen lustig“, ergänzt Grewenig.

Auch nicht über Darnell. Bei „Germany's next Topmodel“ war er zum Schluss so etwas wie die Ulknudel. Bei der ARD will man ihn nicht zum Stichwortgeber für Kultsprüche machen. Dem Zuschauer dürfte schon reichen, dass im Vorabendprogramm zwischen den glanzpolierten Darstellern von „Marienhof“ und dem Moderationsbeamten Jörg Pilawa mit seiner Quizsendung ein Mensch mit Ecken und Kanten auftaucht. Oder wie Bruce es formuliert: „Es ist Zeit für eine ährlische Format.“

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