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Britische Thronrede : The same procedure as every year

Stets im November versammelt sich die Staatselite des Vereinigten Königreiches, ... Bild: AFP

Davon lebt die Nation ein ganzes Jahr. Bei der Parlamentseröffnung liest Königin Elisabeth II. die Thronrede ab. Doch bei aller Antiquiertheit wandelt sich das Zeremoniell der festlichen Eröffnung des Parlamentsjahres immer stärker.

          3 Min.

          Die weichen Hermelinbesätze der roten Roben, der Trompetenschall, das Blattgold auf dem Thron, die weißfunkelnden Diamanten in der Imperial State Crown, der Staatskrone der Königin: Mit dem Bild des Prunkes, der sich für eine Stunde im britischen Parlament entfaltet, leben die Abgeordneten, die Regierenden und die Nation ein ganzes Jahr. Stets im November versammelt sich die Staatselite des Vereinigten Königreiches, zu der nicht nur die Parlamentarier des Unterhauses und ihre nobilitierten Kollegen des Oberhauses, sondern auch die Richter, die Bischöfe, die Militärbefehlshaber und vor allem die Krone, also die Königin, gehören, in einem ziemlich eng bemessenen Saal des Palastes von Westminster, um das Regierungsprogramm des nächsten Jahres zu vernehmen: von der Monarchin verlesen, von den anwesenden Abgeordneten alsbald in Gesetzesform zu bringen. Und mag Elisabeth II. deswegen als Statistin erscheinen, wenn sie mit heller Stimme das Manuskript der Thronrede abliest, die in ihren weißbehandschuhten Händen ruht, so ist sie doch der Mittelpunkt des gesamten umständlichen Staatszeremoniells. Noch immer hat der Parlamentsbau, in dessen neogotisch ziselierter Kulisse das Ritual stattfindet, den Status eines königlichen Palastes. Vor 900 Jahren gab an diesem Fleck am Ufer der Themse erstmals ein Monarch königliche Orders aus. Vor mehr als 400 Jahren suchte der Soldat Guido Fawkes als Handlanger einer katholischen Verschwörung den Palast samt König in die Luft zu sprengen – an jenem Novembertag, an dem sich, wie heute, der Herrscher, der Adel und die Gemeinen zur Parlamentseröffnung versammelten.

          Johannes Leithäuser

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Auch jetzt sind, wie in den vier Jahrhunderten seither, wieder Leibgardisten der Königin in den Kellern des Parlamentspalastes unterwegs gewesen, um nach möglichen Schießpulver-Attentätern Ausschau zu halten. Auch jetzt hat wieder ein Mitglied des Parlaments auf die Zeremonie verzichten und stattdessen in den Buckingham Palace reisen müssen, wo er als Geisel gehalten wurde, bis Elisabeth II. von der 56. Parlamentseröffnung im 58. Jahr ihrer Herrschaft zurückgekehrt war– zwei Termine hatte sie wegen der Schwangerschaften mit den Prinzen Andrew und Edward verpasst.

          Bei aller Antiquiertheit wandelt sich das Zeremoniell immer stärker

          Doch bei aller Antiquiertheit wandelt sich das Zeremoniell der Festlichen Eröffnung des Parlamentsjahres immer stärker. Sogar die Königin selbst kann eigene Zeichen setzen. Dieses Mal reiste sie etwa mit der kleinsten ihrer Staatskarossen an, der „Irischen Staatskutsche“, die, anders als etwa die „Australische Staatskutsche“, nicht über eine Innenheizung verfügt und bloß vier- statt sechsspännig kutschiert wird. Das durfte als teilnehmende Geste gegenüber ihren unter der Wirtschaftskrise stöhnenden Untertanen gesehen werden.

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          Die Krone, das Schwert und die „Cap of Maintenance“ – eine rotweiße Barettmütze, die einst ein Papst ausgerechnet dem später Rom abtrünnigen König Heinrich VIII verlieh, werden schon vor der Königin mit eigener Karossen-Eskorte von ihrem Verwahrungsort im Tower abgeholt und zum Parlament gefahren. Dort tragen die obersten Höflinge die Insignien eine Weile spazieren: durch das Treppenhaus hinauf in die „Royal Gallery“, in jenen langen Saal, der der Beratungskammer der Lords vorgelagert ist, und dann wieder hinaus in das königliche Ankleidezimmer, das die Königin aufsuchen wird.

          Sie werfen ihm die Eichentür vor der Nase zu

          Sobald Elisabeth II. unter der Einfahrt des Südturmes angelangt und ausgestiegen ist, die Säbel der Garde gezogen und die Töne der Nationalhymne verklungen sind, wird die Szene wegen der Vielfalt der Beteiligten ein wenig unübersichtlich: Die meisten Inhaber der repräsentativsten Ämter des Reiches erscheinen am Fuß der Treppe zu ihrer Begrüßung. Der Lord Great Chamberlain, eine Art Erz-Oberhofkämmerer, der die Hausrechts-Pflichten im Parlamentspalast versieht und der alsbald das Staatsschwert vor der Königin hertragen wird, empfängt die Monarchin und ihren Gemahl. Weiters sind der Erz-Hofmarschall – der Zeremonienmeister –, und einige Politiker erschienen, die sich aber aus diesem Anlaß gleichfalls in höfische Ämter, Funktionen – und die passenden Roben – gekleidet haben. In der Rolle des „Lord President of the Council“, des Präsidenten des Kronrates also, versteckt sich etwa Peter Mandelson, der Wirtschaftsminister der gegenwärtigen Regierung Brown. Die Rolle des „Lord High Chancellor“, des Großkanzlers des Reiches, versieht gegenwärtig Justizminister Jack Straw, dem bald auch eine bedeutsame Rolle zukommt: Aus dem überdimensionierten Brokatkissen, das er in Händen hält, welches eigentlich aber eine bestickte Mappe darstellt, wird er die Rede holen, welche die Königin halten soll.

          Doch bevor es soweit ist, muss sich erst der symbolträchtigste Moment der staatlichen Zeremonienschau ereignen. Sobald die Königin auf ihrem Thron Platz genommen und dem Obersten Kämmerer ein nickendes Zeichen gegeben hat, setzt dieser mit einem Wink seinen Gehilfen in Bewegung, den „Ritter mit der Schwarzen Rute“. Dieser marschiert mit knallenden Schnallenschuhen auf die Tür des Unterhauses zu, wo die etwa 600 Abgeordneten und Kabinettsmitglieder sitzen, die die faktische Macht in Händen halten.

          Kurz bevor der Ritter an der Kammer der Commons angelangt ist, werfen ihm die Parlamentarier die Eichentür vor der Nase zu. Dreimal hat der Bote mit seinem schwarzen Stab zu klopfen, dann erst wird ihm aufgetan; die Türfüllung ist an der Stelle, an der sie der Stab gemeinhin trifft, schon arg zersplittert. Der Parlamentspräsident des Unterhauses, der „Speaker“, geht den Abgeordneten dann voran auf dem Weg in die Kammer der Lords, um die Thronrede zu hören. Hinter ihm schreitet Gordon Brown einher, der Premierminister ihrer Majestät, Autor ihrer Rede. Er zeigt ein ungewohnt anhaltendes Lächeln im Gesicht – obwohl spätestens im Mai Wahlen sein werden in Großbritannien, und an seiner Stelle im ewigen Zeremoniell der Parlamentseröffnungen womöglich das nächste Mal jemand anderes gehen wird.

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