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Martin Sonneborn über Brexit : „Fehlen würde mir nur britische Musik“

Im Selbstversuch: Martin Sonneborn ist Satiriker, Journalist und Politiker. Bild: SMAC-Film

Martin Sonneborn sitzt seit Jahren mit Brexit-Anhängern im EU-Parlament. Ein Interview über die Welt nach einem Brexit, die Konstruktionsfehler der Europäischen Union und antisemitische Sitznachbarn.

          Herr Sonneborn, die Abgeordneten der Britischen Unabhängigkeitspartei (Ukip) sitzen seit Jahren mit Ihnen im Europäischen Parlament, obwohl sie ihr wichtigstes Ziel, den Brexit, längst erreicht haben. Bald sind sie weg. Haben Sie Angst, dass es auffällt, wenn Sie dann der Einzige sind, der nur wegen des Geldes da ist?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Wie kommen Sie darauf, dass ich nicht arbeite? Ich habe gerade ein 435 Seiten dickes Buch über meine Zeit im Parlament geschrieben. Dabei habe ich festgestellt, dass ich zwar gern behaupte, ich hätte nachweislich nur vier Minuten gearbeitet in den vergangenen vier Jahren. Aber eigentlich ist doch einiges zusammengekommen.

          Na gut. Was fühlen Sie als hart arbeitender Abgeordneter, wenn Sie an den Brexit denken?

          Ich bin gespannt, wie es danach weitergeht. Ich kenne sowohl Fachleute, die behaupten, dass England einen Abschwung erleben wird, als auch Wirtschaftsspezialisten, die sagen, der Brexit sei gut für das Land und die Löhne gingen bereits jetzt hoch. Mir persönlich werden die Ukip-Leute auf der einen Seite fehlen, weil sie mit ihren lustigen Zwischenrufen eine andere Kultur im Parlament vertreten haben. Andererseits freut es mich, dass die Briten aus der EU austreten, denn sie haben uns schon einiges eingebrockt, von Tony Blairs Drittem Weg bis zur Zerstörung unseres Bildungssystems durch den Bologna-Prozess.

          Was verlieren wir durch den Brexit?

          Was vermisst man schon aus England? Marmite? Das einzige, was mir fehlen würde, ist britische Musik, und die bekomme ich im Internet. Ich habe allerdings Bedenken, dass die EU ihren Charakter zum Negativen verändert, wenn die Engländer gehen, die uns politisch und kulturell nahestehen, und auf der anderen Seite weitere Osteuropäer dazustoßen.

          Wen würden Sie gerne aus der EU schmeißen?

          Immer mehr Staaten: Dass Irland die Steuervermeidungspolitik der Firma Apple unterstützt, sollte für einen Rauswurf reichen. Apple wurde dort 2014 mit einem Steuersatz von 0,005 Prozent bedient. Ebenso Steueroasen wie Malta, Luxemburg, Holland... Über Deutschland wollen wir hier nicht sprechen. Dann die illiberalen Demokratien Ungarn und Polen. Die Demokratisierungsphase, die wir jahrzehntelang durchexerziert haben, kann offensichtlich nicht so einfach übersprungen werden. Bulgarien und Rumänien sind hochkorrupte Länder, die in dieser Form in der EU nichts zu suchen haben. Danach knöpfen wir uns die amerikanischen IT-Konzerne vor, die uns genug Unheil beschert haben: Facebook muss fairstaatlicht werden, wie ich das nenne, es gehört zur öffentlichen Grundversorgung. Wir brauchen auch ein europäisches Google: „Eugle“.

          Die EU ist auch ein Friedensprojekt. Bereitet Ihnen der Brexit in dieser Hinsicht Sorgen?

          Nein, die EU ist eher ein Wirtschaftsprojekt. Die Erzählung, dass die EU Frieden garantiert, soll davon nur ablenken. Erstens hätten wir auch ohne die EU keinen Krieg in Europa, und zweitens haben wir ihn trotzdem, wenn Sie an Jugoslawien denken.

          Die konservative englische Abgeordnete Nadine Dorries hat sich zuletzt empört darüber gezeigt, dass die Briten keine Sitze mehr im EU-Parlament haben werden, wenn sie nicht mehr in der EU sind. Könnten Sie die britischen Interessen mitvertreten?

          Das sichere ich gerne zu. Es sieht ja so aus, als könnte „Die Partei“ bei der Europawahl in diesem Jahr zwei Sitze erringen. Da müssen wir uns neu ausrichten. Nico Semsrott kann die tagesaktuelle Arbeit übernehmen, und ich setze mich für die Briten ein.

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