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Olácio Komori vor dem Gewächshaus des Ausbildungszentrums von Apoms

Da wächst etwas heran

Text und Fotos von ROBERT WENKEMANN
Olácio Komori vor dem Gewächshaus des Ausbildungszentrums von Apoms

18. Juni 2020 · Eine Initiative von Kleinbauern in Brasilien wirtschaftet ökologisch – und will andere schulen.

Olácio Komori sitzt auf einem Mäuerchen und erläutert seine Vorstellungen von nachhaltigem Bio-Anbau in Brasilien. Hinter ihm ein Gewächshaus, gegenüber die Gebäude des neuen Ausbildungszentrums, zweistöckig, weiß mit blauem Sockel. Ringsum Wiesen, viele Bäume, einige neu gepflanzt, manche hoch. Weit oben zeigt ein Tukan seinen riesigen gelb-roten Schnabel über einem der fruchtbarsten Böden im Bundesstaat Mato Grosso do Sul.

Olácio Komoris Großeltern gehörten zu den ersten japanischen Kaffeebauern in Brasilien. São Paulo hatte damals Abkommen mit japanischen Unternehmen geschlossen. Zusammen mit fast 800 weiteren Japanern, meist Bauern, stachen die Großeltern in See, legten 1908 in Santos an der Küste an und pflanzten fortan ihren Kaffee in Brasilien. In den vierziger Jahren hatten Einwanderer die Möglichkeit, sich im dichtbewaldeten Hinterland von Mato Grosso do Sul niederzulassen. Jedem Siedler wurden zwölf Hektar Land überlassen, wenn er es bewirtschaftete. Heute zeugen japanische Straßennamen in Dourados, der zweitgrößten Stadt in dem Bundesstaat, von der Vergangenheit. Auch Deutsche und Niederländer nutzten das Angebot. Brasilien machte wirtschaftlich einen Sprung nach vorn. Aus Urwald wurde Farmland. Die Ureinwohner aber wurden dafür oft getötet oder vertrieben.

Als Olácio Komori in der Stadt Glória de Dourados selbst anfing, Kaffee anzubauen, waren die meisten Urwaldbäume schon abgeholzt. In seiner Heimatstadt lernte er Aristeu Pereira Nantes kennen, den späteren Bürgermeister. Beide verband die Absicht, daran zu arbeiten, dass sich das Land erholen kann. Komori diskutierte mit Landwirten über nachhaltige, umweltfreundliche Anbaumethoden, wie sie sich organisieren und mit ihren Äckern rentabel arbeiten könnten. Aber ohne Kredite hatten sie keine Zukunft. Also besuchte Komori Kurse für Agrarökologie und bildete sich weiter in den Bereichen Personalmanagement und Kreditgenossenschaften.

Sein Baum: Der Bürgermeister von Glória de Dourados, Aristeu Pereira Nantes Video: Robert Wenkemann, Übersetzung: Elen Mary Machado

Heute stammt der Großteil des im staatlichen Versorgungszentrum verkauften Obsts und Gemüses aus anderen Bundesstaaten. Die meisten Landwirte sind auf ertragreichen Soja-Anbau umgestiegen. Sie nutzen genmanipuliertes Saatgut und sind abhängig von Pestizid-Lieferungen der Chemiekonzerne. Nicht aber Komori und seine Mitstreiter. Inzwischen ist Komori Präsident der Kreditgenossenschaft Cresol und hat ein komplexes ökologisches und soziales System mit aufgebaut. Kern ist der Verband Apoms, den er im Jahr 2000 mit 13 Landwirten gründete, um agroökologische, natürliche Familien-Landwirtschaft zu betreiben und die Vermarktung von Obst und Gemüse zu fördern.

Heute verbindet Apoms 170 Landwirte aus dem ganzen Bundesstaat. Der Verband hilft mit Information, Innovation und Technologie, die Produktion zu verbessern und die Rentabilität zu steigern. Er unterstützt die Vermarktung im eigenen Zentrum in Dourados, und er ermöglicht den Zugang zu Krediten. Die wiederum gewährt Komori dem Verband, als Geschäftsführer von Cresol. Bei einer herkömmlichen Bank bekämen die Kleinbauern keinen Kredit.

Apoms ist ein starkes Netzwerk geworden. Es ist gelungen, in der ersten Gemeinde des Bundesstaats ein kommunales Gesetz gegen das Versprühen von Pestiziden mit dem Flugzeug zu erstreiten. Auch dank eines Kniffs: Nicht allein die Gesundheit der Menschen war entscheidend dafür, sondern auch die wirtschaftlich wichtige Seidenraupenpopulation eines Genossenschaftsmitglieds der Gemeinde. Mit Blick auf die Abholzung des Urwalds sind die Aktivitäten von Apoms und andere kleinbäuerliche Initiativen allerdings nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Von 1990 bis 2016 verschwanden nach Angaben der Weltbank in Brasilien mehr als 500.000 Quadratkilometer Regenwald. Das entspricht der Fläche Spaniens.

Ein Auto kommt vorbei. Der Bürgermeister von Glória de Dourados, Aristeu Pereira Nantes, steigt aus. Komori und er nennen sich Kreolen, was hier eine Metapher für starke Heimatverbundenheit ist. Komori verschwindet kurz und kommt mit einem Zweig wieder, einem besonderen Beispiel für den Forschungs- und Bildungsauftrag von Apoms. „Diese Pflanze heißt Jaracatiá“, sagt er. „Es gab viele hier in der Region. Man kann süße Speisen aus ihrem Stiel machen, und die Frucht wird auch sehr geschätzt. Der Baum war fast ausgestorben in der Region.“ Nun werden Rezepte für die Pflanze aus der Familie der Melonenbaumgewächse weitergegeben, „denn es besteht die Hoffnung, sie wieder wie früher zu produzieren“.

Ihr Park: Olácio Komori, Raimundo Tomonari Hossi und Aristeu Pereira Nantes zeigen das Biom Video: Robert Wenkemann, Übersetzung: Elen Mary Machado

Das Ausbildungszentrum dient der Entwicklung neuer Technologien, neuer Organisationsformen und dem Management von Eigentum im Netzwerk von Apoms. Eines dieser Projekte ist der Jaracatiá-Anbau. Apoms hat Setzlinge gezüchtet, damit sie auf den Grundstücken gepflanzt werden können. „Wäre es nicht schön, diesen Baum zu haben, um die Früchte zu produzieren, die unsere Eltern und Großeltern so sehr geschätzt haben?“, fragt Komori.

Der Bürgermeister hat großen Anteil am Ausbildungszentrum für die Familienbetriebe, dem einzigen in Mato Grosso do Sul. Seiner Stadt ist Nachhaltigkeit wichtig, aber radikal will hier keiner sein. Komori will den Sojafarmern nicht die Stirn bieten, sondern in der Praxis beweisen, dass es auch anders funktionieren kann. Kooperation steht für den gläubigen Buddhisten an erster Stelle: Finde dein Glück, und helfe anderen, ihr Glück zu finden.

Das Ausbildungszentrum hat eine Fläche von 37 Hektar. Das Grundstück stellt die Gemeinde zur Verfügung, die Mittel für den Bau der Gebäude kamen von der Bundesregierung. Die Stadt unterstützt das Zentrum mit Maschinen, Reinigung und Instandhaltung. Mehr als die Hälfte des Grundstücks, 20 Hektar, sind für einen Naturpark reserviert. In den Gebäuden befinden sich Unterkünfte für 50 Personen, Kantinen, Klassenzimmer, Auditorien, Labore und die Verwaltung. Gerade wird die Produktionseinheit für ökologische Landwirtschaft samt Dünger und Gewächshaus entwickelt.

Das Ausbildungszentrum ist partnerschaftlich mit zwei Universitäten und dem brasilianischen Forschungsinstitut Embrapa verbunden. Sie versorgen die Landwirte mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Außerdem ist Apoms eine vom Landwirtschaftsministerium zugelassene Bio-Zertifizierungsstelle.

Ein Acker mit etwa 30 Zentimeter hohen Maniok-Pflanzen, eine Keimplasmabank, ist mit Drähten gesichert. Maniok vermehrt sich über seine Zweige, diese Fähigkeit soll verbessert werden. Danach wird die Sorte den Bauern zur Verfügung gestellt. Die Pflanzen dieser Plantage bekam Apoms von Embrapa. Die Sorte wurde erst kürzlich freigegeben. Bis zur jüngsten produktivsten Sorte mit dem höchsten Stärkegehalt gab es nur Kreuzungen zwischen Arten, keine transgenen Kreuzungen. Wenn die beste Sorte gefunden, vermehrt und studiert wurde, wird sie als neue Sorte eingetragen.

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on der Anhöhe des Ausbildungszentrums aus bietet sich ein herrlicher Ausblick. Felder, Wiesen, im Tal zwischen Baumgruppen große Lücken. Das war alles Urwald. Komori und der Bürgermeister kennen die Schäden, sie sind hier aufgewachsen. Sie wollen den Lebensraum als Naturpark wiederherstellen. Das Gebiet enthält noch viele für die Region charakteristische Wasserquellen. „Dieser Naturpark ist wichtig, denn so erhalten wir die Umweltstruktur der Region, die Wälder, die einheimischen Bäume, die Fauna, die Flora, die Vögel“, sagt Aristeu Pereira Nantes und zeigt einen Baum. „Das ist ein Ipê Rosa. Diesen Baumsetzling habe ich selbst gepflanzt. Sehen Sie, wie sehr der Baum gewachsen ist? Ich habe viele Fotos von Vögeln gesehen, die Olácio in den Wäldern gemacht hat. Das wollen wir erhalten und ausbauen.“ Die Vegetation soll sich wieder so entwickeln, wie sie lange vor der Ausbeutung aussah. Dort, wo der Wald abgeholzt wurde, wird sorgsam neu gepflanzt. Wo die einheimische Vegetation noch vorhanden ist, soll sie sich erholen. „Das ist unser Park“, sagt Komori stolz. Vor wenigen Wochen wurde er eröffnet.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 17.06.2020 10:23 Uhr