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Wird ungewollt und vor laufender Kamera geküsst: Sportreporterin Bruna Dealtry. Bild: Youtube

Alltag im Job : Brasiliens Sportreporterinnen wehren sich gegen Übergriffe

„Ich bin Sportjournalistin. Ich bin eine Frau. Ich verdiene Respekt.“ So wehren sich brasilianische Sportreporterinnen gegen Diskriminierung und Übergriffe – die ihnen im Job häufig widerfahren.

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          Bruna Dealtry stand inmitten jubelnder Fußballfans, als es ihr zu viel wurde. Die brasilianische Sportreporterin berichtete live von der Feier nach einem Spiel, die Kamera lief, als ein Mann sich ihr langsam von hinten näherte. Oberkörperfrei, tätowiert, grölend. Unmittelbar beugte er sich nach vorn und drückte Dealtry einen Kuss auf den Mund. Die Journalistin zuckte zur Seite, mit aufgerissenen Augen und ungläubigem Gesichtsausdruck. „Das war nicht cool“, sagte sie in die Kamera, dann moderierte sie einfach weiter.

          Anna-Sophia Lang

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Stunden später postete sie den Ausschnitt auf Facebook. 1,5 Millionen Mal wurde er inzwischen angeschaut, und mit ihm die Zeilen, die Dealtry dazu schrieb: „Ich war immer stolz darauf, dass ich eine gute Beziehung zu den Fans hatte und respektiert wurde. Aber heute habe ich am eigenen Körper die Ohnmacht gespürt, die Frauen in Stadien fühlen, in der U-Bahn oder wenn sie einfach die Straße entlang gehen. Ein Kuss auf den Mund ohne meine Erlaubnis, während ich meinen Beruf ausgeübt habe. Ich wusste nicht, wie ich reagieren soll, und ich verstehe nicht, wie jemand glauben kann, er habe das Recht, so etwas zu tun. (...) Ich bin eine Fußball-Reporterin, ich bin eine Frau und ich verdiene es, respektiert zu werden.“

          Bruna Dealtry ist keine Ausnahme. Sportreporterinnen erleben regelmäßig Belästigungen – von Beschimpfungen über ungewollte Avancen bis hin zu Gewaltandrohungen. Bibiana Bolson etwa, Reporterin bei ESPN, musste in ihrer Karriere immer wieder zur Polizei gehen, weil sie Vergewaltigungsdrohungen erhalten hatte. Die Radiojournalistin Renata de Medeiros wurde im März von einem Fußballfan als „Hure“ beschimpft, während sie live auf Sendung war. „Als ich ihn bat, das vor der Kamera zu wiederholen, griff er mich an“, schreibt sie auf Twitter. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal erleben muss bei der Arbeit.“

          Deshalb haben sich die Sportreporterinnen nun zusammengeschlossen. Unter dem Hashtag #Deixaelatrabalhar, was so viel heißt wie „Lasst sie einfach ihren Job machen“, protestieren sie gegen verbale und körperliche Übergriffe auf sich und ihre Kolleginnen. „Wir sind Frauen und wir sind berufstätig“, sagen sie in einem Video, das 52 Reporterinnen gemeinsam produziert haben. „Wir wollen in Ruhe arbeiten. Sport ist auch unser Metier.“ Zum ersten Mal zeigten sie es vor etwa einer Woche bei einem Fußballspiel im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro vor 79 000 Zuschauern, mittlerweile lief es im gesamten brasilianischen TV. In den sozialen Medien wurde es hunderttausendfach geklickt und geteilt. Immer wieder melden sich neue Kolleginnen zu Wort und erzählen, was ihnen passiert ist.

          „Egal, ob wir beim Fernsehen, Radio oder bei Zeitungen arbeiten, wir alle haben schon sexuelle Belästigung erlebt“, sagte Bibiana Bolson der britischen Zeitung „The Guardian“. Nach den neuesten Übergriffen sei ihr endgültig klar geworden, dass die Frauen nun lauter als bisher ihre Stimme erheben müssten. Dabei geht es ihnen nicht nur um Belästigung während der Arbeit, sondern die generelle Benachteiligung von Frauen in Redaktionen. Sie kritisieren, dass sie dort auch heute noch deutlich in der Minderheit seien und seltener Leitungspositionen erreichten. Einer Umfrage zufolge, die unter anderem vom „Zusammenschluss investigativer Journalisten Brasilien“ durchgeführt wurde, sagen mehr als 80 Prozent der Journalistinnen in Brasilien, dass sie bei der Arbeit schon einmal Opfer psychischer Gewalt wurden. Mehr als zwei Drittel berichten, dass ihre berufliche Kompetenz aufgrund ihres Geschlechts angezweifelt wurde und sie von Vorgesetzten oder Interviewpartnern diskriminiert wurden.

          Betrachtet man die Gesamtgesellschaft, wird das Bild nicht besser. Im Gegenteil: Übergriffe auf Frauen und geschlechtsspezifische Gewalt sind laut Amnesty International immer noch weit verbreitet. Im Länderreport 2017 ist zu lesen, dass das Ausmaß tödlicher Gewalt in den vergangenen Jahren um beinahe ein Viertel gestiegen ist. Die Zahl minderjähriger Schwangerer sei hoch, während die Zahl der Mädchen niedrig sei, die einen Abschluss an weiterführenden Schulen macht. „Damit gehörte Brasilien weiterhin zu den Ländern Lateinamerikas, in denen es von besonders großem Nachteil war, als Mädchen geboren zu sein“, heißt es in dem Report.

          Die Reporterinnen von #Deixaelatrabalhar fordern nun von ihren Arbeitgebern, dass sie offizielle Kanäle schaffen, an die Übergriffe gemeldet werden können – und die die Vorwürfe auch verfolgen. Gegenüber der Nachrichten-Website „The Intercept“ kritisierte Bibiana Bolson, dass dies bisher kaum geschehe. Die Bürokratie sei so endlos, dass Frauen kaum Aussicht auf eine ernsthafte Behandlung der Vorwürfe hätten. Dadurch sei ein Klima entstanden, indem Opfer von vornherein schwiegen. Allein ein Hashtag und eine Bewegung in sozialen Medien reichen den Reporterinnen von #Deixaelatrabalhar nicht. Sie wollen eine Veränderung für Frauen am Arbeitsplatz und im Alltag. Bolson sagt: „Wir müssen diese Bewegung vorwärts bringen, damit daraus etwas Greifbares entsteht.“

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