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Ex-Tennisstar : Geschworene sprechen Boris Becker in London schuldig

Boris Becker und sein Sohn Noah am Freitag in London Bild: Reuters

Nun könnte ihm eine Haftstrafe drohen: Im Strafprozess gegen den ehemaligen Tennisstar haben die Geschworenen den Angeklagten für schuldig befunden. Der 54-Jährige habe seinem Insolvenzverwalter Teile seines Vermögens vorenthalten.

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          Im Londoner Prozess wegen Insolvenzvergehen hat die Geschworenen-Jury den früheren Tennisstar Boris Becker in mehreren Anklagepunkten schuldig gesprochen. Der 54-Jährige habe seinem Insolvenzverwalter Teile seines Vermögens vorenthalten, entschied die Jury am Freitag. Becker könnte damit eine hohe Geldstrafe oder sogar eine Haftstrafe bis maximal sieben Jahre drohen. Das Strafmaß wird Richterin Deborah Taylor vom Southwark Crown Court festlegen, es soll am 29. April verkündet werden – bis dahin bleibt Becker gegen Zahlung einer Kaution frei. Er muss aber seinen Pass ab­geben und darf nicht verreisen. Gegen das Urteil kann er noch Berufung einlegen.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Die Jury entschied, dass Becker in vier Anklagepunkten schuldig ist. Er habe große Summen Geldes vor dem Insolvenzverwalter versteckt und auf andere Konten verschoben; er habe eine Immobilie in seiner Geburtsstadt Leimen (Baden-Württemberg) verheimlicht; außerdem habe er einen Kredit in Höhe von 825.000 Euro bei einer Liechtensteiner Bank und ein großes Aktienpaket der Firma Breaking Data Corp verschwiegen.

          Der dreimalige Wimbledon-Sieger, der seit 2012 in London lebt, hat im Prozess alle Vorwürfe abgestritten. Den Urteilsspruch verfolgte Becker mit hochrotem Kopf in seinem Angeklagten-Glaskasten stehend in dem fensterlosen Gerichtssaal im Crown Court. Anschließend teilte er den Journalisten vor dem Gericht südlich der Themse mit, er werde keinen Kommentar zu dem Urteil abgeben. Es ist für den Deutschen, der 1985 als gerade mal 17 Jahre alter Wimbledon-Sieger plötzlich zu Weltruhm aufstieg, wohl einer der bittersten Momente seines Lebens.

          „In Gelddingen ein hoffnungsloser Fall“

          Vor fünf Jahren hatte er, nachdem er als junger Mann mehr als 50 Millionen Dollar Preis- und Werbegelder eingenommen hatte, Privatinsolvenz anmelden müssen. Im Juni 2017 wurde er vom britischen In­solvency Service für bankrott erklärt, nachdem er einen Kredit über drei  Millionen Pfund für sein Anwesen auf Mallorca nicht bedienen konnte. Die Staatsanwaltschaft hat ihm in 24 Anklagepunkten vorgeworfen, dass er dem Insolvenzverwalter Vermögenswerte in Millionenhöhe, darunter Immobilien in Deutschland und England, Konten und wertvolle Sporttrophäen, nicht korrekt an­gegeben habe. In 20 der 24 Anklagepunkten hat die Jury Becker nun frei­ge­sprochen. Beckers Anwalt hatte ihn mit dem Argument verteidigt, der Tennis­spieler habe sich um Finanzielles nicht ge­kümmert, Verträge nicht gelesen, Rechnungen nicht bezahlt. Stattdessen habe er dies alles seinen Beratern überlassen. Er sei zwar „in Gelddingen ein hoffnungs­loser Fall“, aber nicht kriminell.

          Zu den vermissten Trophäen gehörten zwei der drei Wimbledon-Siegerpokale, seine olympische Goldmedaille, die Aus­tralian-Open-Trophäen von 1991 und 1996, der Davis Cup von 1989 und weitere. Becker sagte, er wisse in manchen Fällen nicht, wo sie geblieben seien. Dem Insolvenzverwalter habe er sogar seinen „sehr teuren“ Ehering angeboten, um Schulden zu begleichen.

          Im Prozess hatte Becker ausführlich über seine Finanzen Auskunft geben müssen. Er schilderte, wie ihm sein einst großer Reichtum zerronnen sei. In seiner Tenniskarriere bis 1999 habe er etwa 25 Millionen Dollar Preisgelder und zusätzlich ebenso viele Einnahmen mit Werbeverträgen erzielt. Bekannt ist, dass er sich auf Finanzberater verließ. Zwischenzeitlich soll sein Firmengeflecht, zu dem zwei Marketingagenturen gehörten, mehrere Hundert Mitarbeiter beschäftigt haben. Er war außerdem Gesellschafter des Sportartikelherstellers Völkl Tennis. Zudem warb er weiter für diverse Marken. Bekannt wurde sein Werbespot für den Internet-Anbieter AOL in den späten Neunzigerjahren, in dem er fragte: „Bin ich schon drin?“

          Wie er sein Vermögen verloren habe, konnte er vor Gericht nicht genau erklären. Er verwies vage auf eine „teure Scheidung“ von seiner früheren Frau Barbara, Millionen für seine Tochter Anna Ermakova und einen „extensiven Lebensstil“, etwa die Ausgaben für seine Villa in Wimbledon, die im Jahr fast eine Viertel Million Pfund Miete kostet. Becker hat aber offenbar auch mit großen Fehlinvestitionen, etwa in Autohäuser oder das Internetportal Sportgate, Millionen verloren. Nach dem Ende seiner Tenniskarriere verdiente er sehr viel weniger. 2013 bis 2016 war er Trainer des serbischen Tennisstars Novak Djokovic. Bis in die jüngste Vergangenheit kommentiert Becker Tennisspiele für die BBC.

          Während des Gerichtsprozesses wurde Becker von seiner Freundin Lilian de Carvalho Monteiro begleitet. In dieser Woche war sein Sohn Noah ebenfalls dabei, auch am Freitag.

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