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Bollywood-Star Irrfan Khan im Interview : „Wenn Routine droht, rebelliere ich“

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Eine hingeworfene Eleganz, die auch im Smoking keine andere Wirkung gehabt hätte: Khan beim Fotoshooting in München Bild: Müller, Andreas

Durch Filme wie „Life of Pi“ und „Slumdog Millionaire“ ist Irrfan Khan weit über seine indische Heimat hinaus bekannt geworden. Hier erzählt er über Sehnsucht, Image, Bollywood – und wie es ist, sich zum ersten Mal selbst auf der Leinwand zu sehen.

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          Nichts anderes hätte man von Irrfan Kahn erwartet, als dass er seine Zigaretten selbst dreht. Und zwar lässig mit einer Hand, während er mit der anderen zu seinem Wasserglas greift und weiter davon erzählt, warum das ganze Leben, die ganze Filmerei sich letztlich darum dreht, gegen Vergänglichkeit und Beliebigkeit anzukämpfen. Dazu heftet er seinen Blick mal auf sein Gegenüber, mal auf den runden Mahagoni-Tisch im Hotel „Bayerischer Hof“ in München, dessen bieder-barockes Dekor gegen die zerknautschte Lederjacke und Jeans von Khan nur verlieren kann. Zuvor hat der indische Schauspieler, der etwa als Inspektor in „Slumdog Millionaire“ auch im Westen bekannt wurde, den Raum mit einer so hingeworfenen Eleganz durchmessen, dass auch ein Smoking keine andere Wirkung gehabt hätte.

          Im Gespräch sprudelt es nicht aus ihm heraus; er überlegt lang, blickt oft aus dem Fenster, wägt ab, öffnet wieder den Tabakbeutel, um dann deutlich zu machen, welche Rillen und Furchen er einer Rolle abtrotzen will. In Deutschland ist er zum ersten Mal; auf dem Filmfest in München präsentiert er seinen aktuellen Film, die internationale Produktion „Quissa“, die an einen der Nervenstränge Indiens rührt, und kann darüber mit ebenso viel Verve sprechen wie beispielsweise über seine Rollen in der Hollywood-Megaproduktion „The Amazing Spider Man“ oder in der indischen Macbeth-Adaption „Maqbool“. Wie käme er dazu, sich herablassend über ein Genre zu äußern?

          Mit dieser Noblesse spielt Khan sich seit gut 20 Jahren durch Bollywood und Hollywood. Sein vornehmer Familienhintergrund passt zu dieser Haltung; dieser allein erklärt sie aber vermutlich nicht. Sahabzade Irrfan Ali Khan, 1967 in Jaipur, Rajasthan, geboren, hat offensichtlich hart für und an seinen Rollen gearbeitet, seit er das erste Mal Ende der achtziger Jahre in indischen Fernsehserien zu sehen war. Das Rüstzeug dazu hatte er sich an der National School of Drama in Delhi angeeignet, an der er sich einschrieb, weil seine Begeisterung für Geschichten in dem Reifenunternehmen seines Vaters keine Entsprechung fand. Während des Studiums lernte er seine spätere Frau, die Drehbuchautorin Sutapa Sikdar, kennen, mit der er zwei Söhne hat.

          Das scheinbar Unangestrengte von Khans Spiel ist offenbar nicht zuletzt seinem Faible fürs Handwerk geschuldet. Es passt zu dem, was Produzenten über ihn sagen: Khan begegne jeder seiner Rollen mit großem Respekt und fräse sich dann Zentimeter für Zentimeter in sie hinein. Sein jüngstes Projekt: der Film „Jurassic World“; er spielt den Besitzer des Dinosaurier-Themenparks. Es ist Khans erster Auftritt in einem der „Jurassic Park“-Blockbuster - eine weitere Facette für sein Repertoire.

          Mr. Khan, in „Quissa“ geht es um einen Sikh, der durch die Teilung Indiens 1947 seine Heimat verliert. Wo ist denn Ihre Heimat?

          Heimat ist zunächst da, wo man geboren ist. So sagt man zumindest. Aber wenn man älter wird, hört man nicht auf, nach einer Heimat zu suchen. Es muss nicht unbedingt eine physische Heimat sein; es ist eher das Gefühl, dass man bleiben möchte. Für mein Leben kann ich sagen, dass ich meine Heimat noch nicht gefunden habe. Ich suche noch.

          Wonach sucht Ihre Figur so verzweifelt?

          Er denkt, wenn er endlich einen Sohn hat - das wäre das ewige Leben. Erst dann hätte er sein Schicksal erfüllt, und er wüsste, wo er hingehört. Das ist ja auch das, was die Religionen uns erzählen, um uns diese Unsicherheit im Leben, dass mit dem Tod alles endet, zu nehmen. Sie sagen: Wenn du stirbst, stirbst du nicht.

          Der Film hat ein sehr verstörendes Ende.

          Ja, das Ende bringt einen zum Ursprung zurück. Es gibt keine Flucht vor dem Schicksal. Es gibt keine Kontrolle über die Dinge. Man muss sich aufgeben. Dann gibt es keine Angst mehr. Schließlich hat man nicht selbst entschieden, auf diese Welt zu kommen. Man braucht Vertrauen, tiefes Vertrauen in sein Schicksal. Das ist nicht einfach.

          Vielseitig: Irrfan Khan in „Quissa“
          Vielseitig: Irrfan Khan in „Quissa“ : Bild: Camino Filmverleih

          Ihre Figur ist nicht gerade der Sympathieträger in dem Film; als seine Frau eine Tochter zur Welt bringt, gibt er diese als Jungen aus. Überhaupt haben Sie in Ihren Filmen oft den Bösewicht gespielt. Was verzeiht das Publikum einem eher: wenn der Held auf einmal einen Schurken gibt oder umgekehrt?

          Ich denke, es funktioniert in beide Richtungen. Zwar mag das Publikum es nicht, wenn ein Schauspieler sein Image ändert; aber alles andere wäre furchtbar langweilig. Ich möchte durch die Rollen, die ich spiele, die Welt erforschen; wenn ich in ein bestimmtes Image eingesperrt bin, dann ist auch meine Reise zu Ende.

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