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Zumindest die Nase sieht schon etwas rot aus: Jan Böhmermann will jetzt angeblich zur SPD – und zwar direkt nach ganz oben. Bild: dpa

Böhmermann über SPD-Vorsitz : „Das ist natürlich kein Witz“

Der Moderator hat seine Kandidatur für den Vorsitz der SPD angekündigt – mehrere Unterbezirke will er bereits hinter sich haben. In einem „Bürgerdialog“ verriet Böhmermann schon mal, wie er zur großen Koalition steht.

          Für manche Genossen barg diese Woche schon eine große Enttäuschung: Kevin Kühnert, Bundesvorsitzender der Jusos, gab seine Nicht-Kandidatur für den vakanten Parteivorsitz der Sozialdemokraten bekannt. Manch einer hätte sich ein junges Gesicht an der Spitze der Partei gewünscht, das wieder frischen Wind bringt. Das könnte es jetzt vielleicht doch noch geben: Am Donnerstagabend hat Satiriker und Fernsehmoderator Jan Böhmermann in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ verkündet, er wolle für den SPD-Vorsitz kandidieren und präsentierte direkt seine Kampagne: #neustart2019. 

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Gut, Böhmermann ist acht Jahre älter als der 30 Jahre alte Kühnert, wäre aber, sollte es klappen, wohl der jüngste Kandidat für den Vorsitz. Und zumindest eine Position haben die beiden gemeinsam: Sie sprechen sich für das Ende der großen Koalition aus. Kühnert, weil der Koalitionsvertrag nicht seinen Ansprüchen genügt, Böhmermann, weil es ansonsten einen „catfight“ zwischen ihm und der Bundeskanzlerin gäbe. 

          An den nötigen Formalitäten arbeite sein Team derzeit, erklärte Böhmermann, ganz „volkstümlich“ mit einem Salamibrötchen („ohne Gürkchen“) in der Hand und an einer Fritz-Kola nuckelnd, in einem „Bürgerdialog“ am Freitagmittag bei Instagram und Facebook. Bis Sonntagabend, 18 Uhr, braucht er noch die Unterstützung von fünf SPD-Unterbezirken oder einem Landesverband – und ein rotes Parteibuch. Außerdem sucht er nach einer Partnerin für eine Doppelspitze. Dabei macht der Moderator nach eigenen Angaben Fortschritte: Zwei prominente SPD-Frauen hätten sich schon bei ihm gemeldet, eine kandidiere allerdings bereits. Dank ihnen hätte er bereits vier der nötigen fünf Unterbezirke zusammen, der ausgefüllte Mitgliedsantrag liege den Bezirken bereits vor. Das Ganze sei „nicht ganz einfach, aber nicht unmöglich“, erklärte Böhmermann. Am späteren Nachmittag meldete sein Kampagnen-Team auf Twitter allerdings einen Rückschlag: „Haha, hallo SPD. Von den Vieren, die anfangs Unterstützung angeboten haben, sind zwei wieder zurück gerudert (...) Finden wir noch drei Unterbezirke, die Jan unterstützen?“

          „Habe mehr zu verlieren als die SPD“

          Abgesehen davon: Zwar ist Böhmermann ein Satiriker, aber wer das per se für abwegig hält – ein Moderator in der Politik – der sei erinnert: Donald Trump, amtierender Präsident der Vereinigten Staaten, wurde einst durch die Reality-TV-Show „The Apprentice“ bekannt. In der Ukraine ist im Mai ein Schauspieler zum obersten Landesvertreter gewählt worden, und die „Fünf-Sterne-Bewegung“, die in Italien gerade zum zweiten Mal an der Regierungsbildung beteiligt ist, wurde 2009 vom Kabarettisten Beppe Grillo gegründet. Der hatte sich vorher ebenfalls jahrelang über die Politik lustig gemacht.

          In der SPD löste Böhmermann gemischte Reaktionen aus; manche reagierten humorvoll, andere eher empört auf den Vorstoß des Satirikers. So hieß es aus dem Ortsverein in Köln-Ehrenfeld, wo Böhmermann wohnt: „Der Herr kann machen, was er will, aber aufnehmen tun wir ihn nicht.“ Tobias Dünow, ehemaliger Sprecher des Parteivorstands, twitterte: „Sich über Politik und Parteien lustig zu machen, war mal mutig. Heute ist es „Mainstream“, in der Politik würde man sagen: Populismus.“

          Böhmermann jedenfalls betonte, seine Kandidatur sei „natürlich kein Witz“ – und lieferte gleich die schlüssige Erklärung: Bei der SPD gebe es nicht mehr viel kaputt zu machen, bei ihm hingegen schon, immerhin moderiere er eine erfolgreiche Show. Wenn aber jemand am Boden liege, so wie die SPD momentan, müsse er einfach helfen. Entschieden habe er sich ganz kurzfristig, nachdem er am Sonntag Vize-Kanzler und Finanzminister Olaf Scholz, der ebenfalls für den Vorsitz kandidiert, bei Anne Will gesehen habe: „Das kann ich mir auch zutrauen.“ Scholz hatte er in der Vergangenheit in einem Tweet schon einmal mit einer leeren Excel-Tabelle verglichen.

          Zumindest Böhmermanns Zuschauer stellten dem Fernsehmoderator am Freitagmittag durchaus ernste Fragen: Nach der CO2-Steuer, kostenlosen Kita-Plätzen, Firmen- und Großspenden sowie einem möglichen Böhmermann-Kabinett. Dafür sei es aber noch zu früh, so Böhmermann in gewohnter Bescheidenheit. „Wir wissen noch nicht ganz genau, ob das funktioniert, und kümmern uns erst dann um Inhalte.“ Auf ein paar Fragen ging er aber doch ein: Ja zur Cannabis-Legalisierung, Elektromobilität müsse dringend mehr gefördert werden, dafür Nein zu einer möglichen Steuersenkung: „Die schwarze Null gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.“ Eine Ansicht, die unter anderem auch das Kandidaten-Duo um Karl Lauterbach und Nina Scheer vertritt.

          Viel Ahnung von der Partei habe er nicht, räumte Böhmermann am Ende ein. Deshalb suche er jetzt umso dringender eine erfahrene Genossin, die mit ihm gemeinsam kandidiere. Zwei Tage hat er noch, und auf dem Gebiet der Kuppelei ist Böhmermann ja nicht ganz unerfahren. Vor seinen Livezuschauern – rund 3300 auf Facebook und 5000 auf Instagram – gab sich der Satiriker optimistisch: „Gemeinsam können wir das schaffen.“ Wie ernst er es meint, weiß nur er selbst. 

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