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Blumenkranz als Kopfschmuck : Revolution und Biedermeier

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Make sure to wear some flowers in your hair: Nicht nur in San Francisco und nicht nur bei jungen Frauen wie hier sind Blüten angesagt. Bild: F1online

Der Frühling ist da und mit ihm der Klassiker unter den Haar-Accessoires: der Blumenkranz. Doch was tragen wir da eigentlich auf unseren Köpfen? Die Geschichte des ältesten Kopfschmuckes der Welt.

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          Man kennt das: Ein Promi zeigt sich in neuem Stil oder mit einem besonderen Accessoire in der Öffentlichkeit. Mode- und Gesellschaftsmagazine berichten darüber. Das Publikum will dem Idol nacheifern und ein bisschen von dessen Glanz ins eigene Leben zaubern. Die Nachfrage steigt, die Industrie reagiert und produziert Nachahmungen des begehrten „It-Piece“ für die breite Masse. Voilà, ein Trend ist da.

          Manchmal entsteht auf diese Weise gar ein globaler Trend. So erging es dem Blumenkranz. Auf Hochzeiten und Sommerpartys in Meppen, Mailand oder Miami, im Haar von Bräuten, Musikerinnen wie Lana Del Rey und tanzenden Mädchen auf dem Coachella-Musikfestival – der Kranz aus Blüten im Haar ist allgegenwärtig. Genau wie die historischen Bezüge aus nahezu allen Epochen: Hippie-Mode vermischt sich mit der mittelalterlichen Symbolik des Jungfernkranzes, mit Anleihen bei den griechischen Göttern und Frida Kahlos ikonenhaften Kronen aus Blüten gleichermaßen. Mit bunten Blumen im Haar wird freie Liebe ebenso zelebriert wie der Bund fürs Leben. Wie passt das zusammen? Die Antwort lautet wie so oft in der Mode und in der Liebe: Es ist kompliziert.

          Zarte Blüten bilden ein historisches Dickicht

          Denn der Blumenkranz, laut der amerikanischen „Vogue“ das „archetypische Accessoire schlechthin“, schmückt nicht nur seit Beginn der Menschheit vor allem die Köpfe junger Frauen, er ist auch höchst ambivalent: „Einerseits steht er für die Loslösung von Regeln und für Freiheit. Das beginnt in der griechischen Mythologie bei Bacchus – dem Gott des Weines und des Rausches – und setzt sich fort in der modischen Gegenreaktion auf die Industrialisierung, als der Blumenkranz zum Symbol für die Verbundenheit zur Natur wurde“, erklärt die Modetheoretikerin und Kulturwissenschaftlerin Catharina Rüß. Im Biedermeier wurden die Blumen im Haar dann zum Ordnungselement: „Es ging nicht mehr darum, Grenzen aufzulösen, sondern sich in sie einzufügen. Die durch den Blumenkranz symbolisierte Jungfräulichkeit gewann wieder an Bedeutung.“

          Gerade diese Doppeldeutigkeit macht den Blumenkranz so langlebig, meint Rüß. Der Blick in die Geschichte gibt ihr recht: Ob Symbol für Fruchtbarkeit in der Antike, Ausdruck von jungfräulicher Sittsamkeit im Mittelalter, Aufbegehren gegen Konventionen und Massenkonsum bei den Hippies, Zeichen von ukrainischem Nationalstolz und feministisches Symbol bei den Aktivistinnen von Femen, ob aus echten Blüten oder aus Plastik gefertigt – die zarten Blüten bilden ein historisches Dickicht. Wer darin nach jener prominenten Trendsetterin sucht, die mit dem Blumenkranz als Hochzeits-Accessoire ein modisches Massenphänomen auslöste, wird im 19. Jahrhundert fündig.

          Als Ihre Majestät Königin Victoria 1840 Prinz Albert das Jawort gab, verzichtete sie auf den zuvor üblichen Prunk royaler Hochzeiten mit funkelnder Tiara. Nur ein Kranz aus Orangenblüten schmückte ihr königliches Haupt. Die einflussreichen Etikette-Magazine, im 19. Jahrhundert ähnlich dogmatisch wie heute Anna Wintour und ihre „Vogue“, berichteten begeistert über das modische Statement der jungen britischen Königin und ernannten den Orangenblüten-Kranz zum neuen, unerlässlichen Accessoire für jede Braut mit Stil.

          Das Gefühl zurück zur Natur zu kommen

          Darüber, warum es ausgerechnet Blüten des Orangenbaums sein mussten, gibt es nur Vermutungen. Die einen sehen die römische Mythologie als Inspiration für Victorias Haarschmuck: Jupiter soll seiner Braut Juno bei der Vermählung eine Orange überreicht haben. Andere vermuten eine Anleihe in der altchinesischen Tradition. Der zufolge symbolisieren die Blüten des Orangenbaums Fruchtbarkeit, weil dieser gleichzeitig Früchte trägt und blüht.

          Symbolik hin oder her, Millionen Bräute in ganz Europa wollten nach Victorias Auftritt unbedingt Orangenblüten im Haar tragen. Die Nachfrage wuchs, und vor allem in nördlichen Gefilden mit rauhem Klima war es schwierig, echte Blüten zu bekommen. Also fertigte man Imitate aus Wachs. Für deren Herstellung gab es zwar bereits im Paris des 13. Jahrhunderts ganze Zünfte, doch den europaweiten Boom von Blumenkränzen als Hochzeits-Accessoire löste erst Königin Victoria aus. Nicht von ungefähr spricht man bis heute im anglophonen Raum von flower crowns. Modetrends entstanden eben schon im 19. Jahrhundert nach denselben Regeln wie heute.

          Der Look traf einen Nerv. Denn da die Industrialisierung in vollem Gange war, verhießen die Blüten nicht nur Fruchtbarkeit, sondern vor allem ein „Zurück zur Natur“-Gefühl, erklärt Catharina Rüß. Alphonse Mucha als Vorreiter der Art Nouveau trieb das Blumenmotiv Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Plakaten, die in urbanen Metropolen aushingen und verträumte, junge Frauen mit wenig Kleidung und vielen Blüten im Haar zeigten, auf die Spitze. „Dieser Rückbezug auf die Natur und das Gefühl der Entgrenzung wurde dann später in der Hippie-Ästhetik wieder aufgegriffen“, sagt Rüß. Plattencover wurden im Art-Nouveau-Stil gestaltet, und natürlich setzten die Blumenkinder den 1965 von Allen Ginsberg geprägten Begriff der Flower-Power auch modisch um. Industriell hergestellte Massenware wollte die konsumkritische Friedensbewegung mit natürlichen Materialien ersetzen. Selbstgemachte Kränze aus Blumen passten perfekt zu dieser Idee.

          Der Blumenkranz als Statussymbol

          Der blumige Hochzeits-Dauerbrenner als must-have einer Bewegung, die auf freie Liebe statt auf den als bürgerlich verschrienen Bund fürs Leben setzte: Hier zeigt sich die geballte Ambivalenz der so harmlos wirkenden Blüten. Heute ist der Hippie-Look dank der Verwandlung von Musikfestivals zu regelrechten Modenschauen wieder da. Vor allem auf dem Coachella-Festival versammeln sich jedes Jahr unter der kalifornischen Sonne Nachwuchsmodels und solche, die es werden wollen, zum Schaulaufen. Natürlich mit Blumen im Haar, ganz wie die Vorbilder damals in Woodstock.

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          „Bei Events wie dem Coachella-Festival zeigt sich die ganze Doppeldeutigkeit des Blumenkranzes“, erklärt Rüß. „Man zitiert zwar die Hippie-Mode, aber das politische Moment und das Infragestellen von Konventionen sind nicht mehr da. Auf einem Festival einen Blumenkranz im Haar zu tragen transportiert heute keine politische Aussage mehr. Man trägt ihn, weil alle ihn tragen, weil es als schick gilt und einfach dazugehört. Das hat schon fast wieder Züge der Biedermeierzeit.“ Für große Mode-Unternehmen gehöre eine jährliche Festival-Kollektion mittlerweile zum guten Ton. Und so wirkt ein Blumenkranz von H&M für knapp fünf Euro dann auch eher angepasst als aufbegehrend.

          Das macht die Luxusvariante des Blütenkranzes erst recht begehrenswert – wie schon zu Zeiten von Königin Victoria. Eine ganze Branche sogenannter floral artists, die aus echten Blüten individuelle Kränze anfertigen, lebt davon. So wie Rawan Rihani. In ihrem Atelier im New Yorker Stadtteil Brooklyn bestellen nicht nur Privatkunden, sondern auch Stylisten die blumigen Kunstwerke für Modestrecken. Auch Rihani betont die Flexibilität des Accessoires: „Mit Kränzen aus Blumen feiert man heute Hochzeiten, besondere Anlässe oder einfach die Mode selbst.“ Um die 65 Euro kostet ein Standard-Kranz, nach oben sind keine Grenzen gesetzt.

          Zarte Blumen als Inbegriff von zarter Weiblichkeit und Fruchtbarkeit

          Inspiration liefert nach wie vor die Geschichte. Das kann auch mal paradox enden. Ende des 18. Jahrhunderts machte Marie Antoinette, modeverliebte Erzherzogin von Österreich und spätere Königin von Frankreich, aus dem Blumenkranz ihr ganz persönliches Symbol der Freiheit abseits der strengen Etikette am Hof von Versailles. 2006 setzte die Regisseurin Sofia Coppola ihr ein filmisches Denkmal und ließ Kirsten Dunst in der Rolle der jungen Königin ausgelassen und mit üppiger Blumenkrone im Garten ihres Anwesens Le Petit Trianon feiern. Heute fehlt in kaum einem Modeblog beim Thema „Hippie-inspirierter Blumenkranz“ ein Foto von Dunst in ihrer Rolle als Marie Antoinette. Ausgerechnet eine für ihren Hang zu verschwenderischem Luxus berüchtigte Königin wird so zum Vorbild des neuaufgelegten, betont natürlichen Blumenkinder-Looks.

          Blumenkünstlerin Rawan Rihani sieht darin keinen Widerspruch. „Schönheit überwindet politische Positionierungen und Bezüge. Der Blumenkranz ist heute einfach ein modisches Statement.“ Doch so ganz entleert von Symbolik ist der Blütenschmuck im Haar dann doch nicht. Das beweisen die Aktivistinnen von Femen. In der Ukraine, wo die Organisation 2008 entstand, hat der Blumenkranz laut Volksglaube für Jungfrauen eine ganz besondere Funktion: Nehmen sie ihren Kranz ab und legen ihn aufs Wasser, müssen sie beobachten, in welche Richtung ihn die Strömung des Flusses treibt. Aus der nämlich wird ihr zukünftiger Gatte erscheinen. Dass gerade die barbusigen Femen-Amazonen bei ihren kampfeslustigen Auftritten einen Vinok, den klassischen ukrainischen Kranz, im Haar tragen, stellt diese Symbolik auf den Kopf. Femen will den weiblichen Körper von männlich dominierten Traditionen befreien und deutet diese kurzerhand um.

          Zarte Blumen als Inbegriff von zarter Weiblichkeit und Fruchtbarkeit, diese Idee ist europäischen Ursprungs. In Polynesien sind Männer mit Blumenkränzen im Haar nichts Ungewöhnliches, auch in Südkorea zeigen sich umjubelte Popmusiker und Schauspieler ganz entspannt mit rosafarbenen Blütenkronen im Haar. Die strikte Geschlechtertrennung in Sachen Mode sei erst im Europa des 19. Jahrhunderts entstanden, betont Catharina Rüß. „Vorher waren Blumen-Accessoires auch für Männer ganz normal. Die gesamte Mode war viel androgyner.“

          Wenn das Königin Victoria wüsste

          Mit den neuen, engen Regeln brachen später die Blumenkinder: Auch männliche Hippies trugen Blumenkranz, wie Aufnahmen des legendären ersten Streetstyle-Fotografen Bill Cunningham aus dem New York der sechziger Jahre zeigen. Das Spiel mit den Geschlechterrollen geht zaghaft weiter: Vergangenes Jahr trug Will Smiths Sohn Jaden auf dem Coachella-Festival einen Kranz aus roten Blüten im Haar, und beim Label Comme des Garçons liefen gerade erst männliche Models mit Blumenkränzen über den Laufsteg. Auch bei Rawan Rihani bestellen immer mehr männliche Kunden Blumenschmuck fürs Haar, um ihn auf Partys zu tragen.

          Vom traditionellsten aller Accessoires zum universellen Fashion-Statement: Der Weg des Blumenkranzes durch die Geschichte ist lang, verzweigt und nimmt einfach kein Ende. „Gerade weil er immer wieder neu interpretiert werden kann, wird der Blumenkranz nie aus der Mode kommen“, ist Rüß überzeugt. Und Neuinterpretationen gibt es schließlich genug: Lady Gaga etwa umrahmte 2012 nicht ihren Kopf, sondern ihr Gesicht mit einem überdimensionalen Kranz aus Blumen, muslimische Modebloggerinnen tragen ihn einfach über dem Kopftuch.

          Auch die royale Vorliebe für Blumenkränze lebt weiter. Herzogin Kate zeigte sich bereits mehrfach mit – natürlich echten – Blüten im Haar. In britischen Online-Shops kann man mittlerweile für knapp 20 Euro nach ihr benannte Kränze ordern. Komplett aus Kunststoff. Wenn das Königin Victoria wüsste.

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