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Blumenkranz als Kopfschmuck : Revolution und Biedermeier

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Zarte Blumen als Inbegriff von zarter Weiblichkeit und Fruchtbarkeit

Inspiration liefert nach wie vor die Geschichte. Das kann auch mal paradox enden. Ende des 18. Jahrhunderts machte Marie Antoinette, modeverliebte Erzherzogin von Österreich und spätere Königin von Frankreich, aus dem Blumenkranz ihr ganz persönliches Symbol der Freiheit abseits der strengen Etikette am Hof von Versailles. 2006 setzte die Regisseurin Sofia Coppola ihr ein filmisches Denkmal und ließ Kirsten Dunst in der Rolle der jungen Königin ausgelassen und mit üppiger Blumenkrone im Garten ihres Anwesens Le Petit Trianon feiern. Heute fehlt in kaum einem Modeblog beim Thema „Hippie-inspirierter Blumenkranz“ ein Foto von Dunst in ihrer Rolle als Marie Antoinette. Ausgerechnet eine für ihren Hang zu verschwenderischem Luxus berüchtigte Königin wird so zum Vorbild des neuaufgelegten, betont natürlichen Blumenkinder-Looks.

Blumenkünstlerin Rawan Rihani sieht darin keinen Widerspruch. „Schönheit überwindet politische Positionierungen und Bezüge. Der Blumenkranz ist heute einfach ein modisches Statement.“ Doch so ganz entleert von Symbolik ist der Blütenschmuck im Haar dann doch nicht. Das beweisen die Aktivistinnen von Femen. In der Ukraine, wo die Organisation 2008 entstand, hat der Blumenkranz laut Volksglaube für Jungfrauen eine ganz besondere Funktion: Nehmen sie ihren Kranz ab und legen ihn aufs Wasser, müssen sie beobachten, in welche Richtung ihn die Strömung des Flusses treibt. Aus der nämlich wird ihr zukünftiger Gatte erscheinen. Dass gerade die barbusigen Femen-Amazonen bei ihren kampfeslustigen Auftritten einen Vinok, den klassischen ukrainischen Kranz, im Haar tragen, stellt diese Symbolik auf den Kopf. Femen will den weiblichen Körper von männlich dominierten Traditionen befreien und deutet diese kurzerhand um.

Zarte Blumen als Inbegriff von zarter Weiblichkeit und Fruchtbarkeit, diese Idee ist europäischen Ursprungs. In Polynesien sind Männer mit Blumenkränzen im Haar nichts Ungewöhnliches, auch in Südkorea zeigen sich umjubelte Popmusiker und Schauspieler ganz entspannt mit rosafarbenen Blütenkronen im Haar. Die strikte Geschlechtertrennung in Sachen Mode sei erst im Europa des 19. Jahrhunderts entstanden, betont Catharina Rüß. „Vorher waren Blumen-Accessoires auch für Männer ganz normal. Die gesamte Mode war viel androgyner.“

Wenn das Königin Victoria wüsste

Mit den neuen, engen Regeln brachen später die Blumenkinder: Auch männliche Hippies trugen Blumenkranz, wie Aufnahmen des legendären ersten Streetstyle-Fotografen Bill Cunningham aus dem New York der sechziger Jahre zeigen. Das Spiel mit den Geschlechterrollen geht zaghaft weiter: Vergangenes Jahr trug Will Smiths Sohn Jaden auf dem Coachella-Festival einen Kranz aus roten Blüten im Haar, und beim Label Comme des Garçons liefen gerade erst männliche Models mit Blumenkränzen über den Laufsteg. Auch bei Rawan Rihani bestellen immer mehr männliche Kunden Blumenschmuck fürs Haar, um ihn auf Partys zu tragen.

Vom traditionellsten aller Accessoires zum universellen Fashion-Statement: Der Weg des Blumenkranzes durch die Geschichte ist lang, verzweigt und nimmt einfach kein Ende. „Gerade weil er immer wieder neu interpretiert werden kann, wird der Blumenkranz nie aus der Mode kommen“, ist Rüß überzeugt. Und Neuinterpretationen gibt es schließlich genug: Lady Gaga etwa umrahmte 2012 nicht ihren Kopf, sondern ihr Gesicht mit einem überdimensionalen Kranz aus Blumen, muslimische Modebloggerinnen tragen ihn einfach über dem Kopftuch.

Auch die royale Vorliebe für Blumenkränze lebt weiter. Herzogin Kate zeigte sich bereits mehrfach mit – natürlich echten – Blüten im Haar. In britischen Online-Shops kann man mittlerweile für knapp 20 Euro nach ihr benannte Kränze ordern. Komplett aus Kunststoff. Wenn das Königin Victoria wüsste.

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