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Blumenkranz als Kopfschmuck : Revolution und Biedermeier

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Symbolik hin oder her, Millionen Bräute in ganz Europa wollten nach Victorias Auftritt unbedingt Orangenblüten im Haar tragen. Die Nachfrage wuchs, und vor allem in nördlichen Gefilden mit rauhem Klima war es schwierig, echte Blüten zu bekommen. Also fertigte man Imitate aus Wachs. Für deren Herstellung gab es zwar bereits im Paris des 13. Jahrhunderts ganze Zünfte, doch den europaweiten Boom von Blumenkränzen als Hochzeits-Accessoire löste erst Königin Victoria aus. Nicht von ungefähr spricht man bis heute im anglophonen Raum von flower crowns. Modetrends entstanden eben schon im 19. Jahrhundert nach denselben Regeln wie heute.

Der Look traf einen Nerv. Denn da die Industrialisierung in vollem Gange war, verhießen die Blüten nicht nur Fruchtbarkeit, sondern vor allem ein „Zurück zur Natur“-Gefühl, erklärt Catharina Rüß. Alphonse Mucha als Vorreiter der Art Nouveau trieb das Blumenmotiv Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen Plakaten, die in urbanen Metropolen aushingen und verträumte, junge Frauen mit wenig Kleidung und vielen Blüten im Haar zeigten, auf die Spitze. „Dieser Rückbezug auf die Natur und das Gefühl der Entgrenzung wurde dann später in der Hippie-Ästhetik wieder aufgegriffen“, sagt Rüß. Plattencover wurden im Art-Nouveau-Stil gestaltet, und natürlich setzten die Blumenkinder den 1965 von Allen Ginsberg geprägten Begriff der Flower-Power auch modisch um. Industriell hergestellte Massenware wollte die konsumkritische Friedensbewegung mit natürlichen Materialien ersetzen. Selbstgemachte Kränze aus Blumen passten perfekt zu dieser Idee.

Der Blumenkranz als Statussymbol

Der blumige Hochzeits-Dauerbrenner als must-have einer Bewegung, die auf freie Liebe statt auf den als bürgerlich verschrienen Bund fürs Leben setzte: Hier zeigt sich die geballte Ambivalenz der so harmlos wirkenden Blüten. Heute ist der Hippie-Look dank der Verwandlung von Musikfestivals zu regelrechten Modenschauen wieder da. Vor allem auf dem Coachella-Festival versammeln sich jedes Jahr unter der kalifornischen Sonne Nachwuchsmodels und solche, die es werden wollen, zum Schaulaufen. Natürlich mit Blumen im Haar, ganz wie die Vorbilder damals in Woodstock.

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„Bei Events wie dem Coachella-Festival zeigt sich die ganze Doppeldeutigkeit des Blumenkranzes“, erklärt Rüß. „Man zitiert zwar die Hippie-Mode, aber das politische Moment und das Infragestellen von Konventionen sind nicht mehr da. Auf einem Festival einen Blumenkranz im Haar zu tragen transportiert heute keine politische Aussage mehr. Man trägt ihn, weil alle ihn tragen, weil es als schick gilt und einfach dazugehört. Das hat schon fast wieder Züge der Biedermeierzeit.“ Für große Mode-Unternehmen gehöre eine jährliche Festival-Kollektion mittlerweile zum guten Ton. Und so wirkt ein Blumenkranz von H&M für knapp fünf Euro dann auch eher angepasst als aufbegehrend.

Das macht die Luxusvariante des Blütenkranzes erst recht begehrenswert – wie schon zu Zeiten von Königin Victoria. Eine ganze Branche sogenannter floral artists, die aus echten Blüten individuelle Kränze anfertigen, lebt davon. So wie Rawan Rihani. In ihrem Atelier im New Yorker Stadtteil Brooklyn bestellen nicht nur Privatkunden, sondern auch Stylisten die blumigen Kunstwerke für Modestrecken. Auch Rihani betont die Flexibilität des Accessoires: „Mit Kränzen aus Blumen feiert man heute Hochzeiten, besondere Anlässe oder einfach die Mode selbst.“ Um die 65 Euro kostet ein Standard-Kranz, nach oben sind keine Grenzen gesetzt.

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