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Sozialer Druck durch Instagram : Liebe dich und deinen Körper!

  • -Aktualisiert am
Sport macht sie auch.
Sport macht sie auch. : Bild: Instagram/Fit_trio

Dass Dellert das Thema Selbstliebe mit dem Thema Gesundheit verbindet, hält die Trend- und Zukunftsforscherin Corinna Mühlhausen für das Erfolgsgeheimnis der Bloggerin: „Sie ist der Gesundheitsapostel in jung, weiblich und hübsch. Das ist sehr smart, dass sie sich so positioniert.“ Blogs wie den von Dellert ordnet Mühlhausen nicht als vorübergehende Erscheinung ein, sondern als Teil des Megatrends „Healthstyle“, der sich halten werde. Selbstoptimierung stehe heute nicht mehr wie früher für das Streben nach einem „Höher, schneller, weiter“, sagt Mühlhausen. Selbstoptimierung bedeute heute für viele Menschen auch, das Tempo herunterzufahren und nach der eigenen Balance zu suchen.

Dazu passt, wie Dellert den Begriff Selbstliebe auslegt: „Selbstliebe heißt nicht nur, seinen Körper zu akzeptieren“, sagt sie. „Es bedeutet auch, achtsam mit seinem Körper umzugehen, auch mal nein zu sagen und sich ein bisschen me time zu nehmen, also was für sich zu tun. Zu probieren, wirklich jeden Tag positiv in den Tag zu starten.“ Mühlhausen sieht das Konzept der Selbstliebe als Antwort auf das Bewusstsein des Einzelnen, dass er für sich selbst verantwortlich ist. „Wir haben heute nicht mehr die Strukturen, die uns auffangen, können uns nicht mehr auf die Kirche, den Staat oder die Familie verlassen“, sagt sie. Daraus ziehe auch die junge Generation schon den Schluss: Ich muss mich um mich selbst kümmern. Dellert sieht sich selbst nicht als Mentor oder gar als Guru ihrer Community. Sie sagt, sie wolle eine Freundin sein, eine digitale Freundin. Von ihr gibt es Ratschläge und Mutmach-Sprüche.

Bei wirklichen Essstörungen braucht es mehr als einen Blog

Es bleibt die Frage, ob sich durch solche Blogs in der Gesellschaft wirklich etwas verändern kann, ob junge Frauen dadurch mit dem eigenen Körper anders umgehen. Psychologin Lachenmeir glaubt zwar, dass Blogger wie Dellert positive Akzente setzen und dafür sorgen können, dass Frauen insgesamt weniger streng über ihren eigenen Körper urteilen. Dass Bodypositivity-Blogs Frauen mit schwerwiegenden Essstörungen helfen könnten, bezweifelt sie jedoch. „Unsere Patientinnen hassen ihren Körper, sie verzweifeln an ihm“ sagt sie. „Wenn sie vor dem Spiegel stehen, finden sie sich oft abgrundtief hässlich, halten den Anblick kaum aus. Da könnte ich mir vorstellen, dass der Einfluss von Blogs nicht stark genug ist, um wirklich etwas nachhaltig zu bewegen.“ In den meisten Fällen brauche es eine längere therapeutische Begleitung, um die schwere Krankheit zu überwinden. Lachenmeir befürchtet, dass die sehr positive Haltung der Blogs nach dem Motto „Ich finde meinen Körper toll, und alles ist super“ für manche die Messlatte zu hoch setze. Sie würden beim Betrachten der Bilder und beim Lesen der Botschaften den Eindruck bekommen, von dem Ziel, den eigenen Körper so zu lieben, noch meilenweit entfernt zu sein.

Lachenmeir plädiert für eine andere Strategie: „Wir erklären unseren Patientinnen immer, dass die Akzeptanz des eigenen Körpers nicht bedeutet, ihn supertoll zu finden. Sondern eher: Er ist, wie er ist, damit kann ich leben, und gut ist.“ Wichtiger sei es, sich wieder Dingen zuzuwenden, die einem Spaß machen, herauszufinden, womit sich der Kopf am liebsten beschäftigt, was einen begeistert.

Und schnell zuzubereitende und gesunde Mittagessen. Mit ihren Posts erreicht sie jedes Mal mehr als 10.000 Instagram-Follower und kann mittlerweile davon leben.
Und schnell zuzubereitende und gesunde Mittagessen. Mit ihren Posts erreicht sie jedes Mal mehr als 10.000 Instagram-Follower und kann mittlerweile davon leben. : Bild: Instagram/Fit_trio

Louisa Dellert ist sich bewusst, dass ihr Blog eine professionelle Beratung nicht ersetzen kann. Sie macht zwar ihre eigene frühere Essstörung immer wieder zum Thema. Doch wenn sich Frauen an sie wenden, weil sie glauben, dass sie magersüchtig seien, versucht sie nicht, in die Rolle der Psychologin zu schlüpfen, sondern verweist an Beratungsstellen.

Was die Frage angeht, ob wirklich jeder lernen kann und soll, sich und seinen Körper bedingungslos zu lieben, würde Dellert der Psychologin Lachenmeir wohl widersprechen. In ihrem Online-Shop verkauft Dellert neben T-Shirts mit aufgedruckten Herzen auch einen sogenannten „Love-Yourself-Guide“. Wer 24,90 Euro investiert, dem verspricht sie: „In 30 Tagen wirst du mithilfe vieler verschiedener Challenges lernen, dich selbst zu lieben, zu akzeptieren und selbstbewusster zu werden.“ Selbst eine gutgemeinte Botschaft muss eben auch vermarktet werden, wenn man als Blogger davon leben will.

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