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Bio-Bauern kehren Bio den Rücken : Evita könnte es an die Hörner gehen

Alles zurück auf konventionell: Bio-Bauer Georg Rietzler – hier beim Säubern eines Kuheuters – steht vor einer schweren Entscheidung. Bild: Verena Müller

Und jetzt noch eine neue EU-Verordnung: Warum Bio-Bauern oft nichts bleibt, als zu konventioneller Tierhaltung zurückzukehren.

          Evita ist eine schwierige Kuh. Man mag kaum glauben, was Bauer Georg Rietzler erzählt, während sie mit ihrer Zunge das Heu vor ihrem Futtertrog aufsammelt, um es in sturer Gelassenheit zwischen den Zähnen zu zermalmen. Doch vor Evita haben die anderen Kühe Angst, denn sie setzt gerne mal ihre Hörner ein, wenn ihr etwas nicht passt. Mobbing, sagt Rietzler, gibt es nicht nur in der Schule, sondern auch im Stall.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Im Sommer ist das kein Problem, denn dann haben die anderen Kühe auf der Weide genug Möglichkeiten, Evita auszuweichen. Und im Winter ist sie im Stall angebunden. Eine große Schlinge aus Eisen lässt ihr auch an diesem Tag genug Spielraum, um sich hinzulegen und wieder aufzustehen, um mit der Schnauze einen kleinen Knopf zu drücken und so Wasser nachzufüllen und um an ihr Heu zu kommen. Ihre Nachbarin Flori erreicht sie mit ihren Hörnern aber nicht.

          Doch vom kommenden Jahr an darf Georg Rietzler seine Rinder als Bio-Bauer nur noch in Laufställen halten, in denen sich die Tiere frei bewegen können – so will es die Öko-Verordnung der Europäischen Union. In einem solchen Stall sieht Rietzler für Evita nur eine Möglichkeit: Er müsste dem Allgäuer Braunvieh mit der Nummer 42 195 im Ohr die Hörner abbrennen. „Ist das tiergerecht?“ Rietzler schüttelt den Kopf und gibt so selbst die Antwort auf seine Frage.

          Nach neuer Verordnung müssten die Hörner ab: „Ist das tiergerecht?“

          „Wir wollen auch für uns selbst gesünder herstellen“

          Georg Rietzler, braune Haare, buschige Augenbrauen, blaue Latzhose, ist Bio-Bauer aus Überzeugung. In den achtziger Jahren übernahm er von seinen Eltern den Hof außerhalb von Kempten, auf dem er heute mit seiner Frau lebt. 1988 stellte er von konventioneller auf ökologische Tierhaltung um. Man müsse gar nicht viel tun, um dem Boden und den Tieren etwas Gutes zu tun, sagt Rietzler. Er warf seine Pflanzenschutzspritze weg, verzichtete auf Mineraldünger und reicherte stattdessen die Gülle seiner Rinder mit Steinmehl an. Und er baute die Kuhtrainer ab, die die Tiere mit Hilfe eines unter Strom stehenden Metallbügels dazu zwingen, nicht in den Stall zu koten. „Wir wollten damals auch für uns selbst noch gesündere Produkte herstellen“, erzählt Friederike Rietzler beim Mittagessen in der Küche, bei Leberkäse vom Rind aus eigener Erzeugung.

          Nach 25 Jahren als Bio-Bauer steht Georg Rietzler wegen des Anbindeverbots jetzt vor der Entscheidung, ob er zur konventionellen Tierhaltung zurückkehrt. Etwa 3000 Landwirte haben zwischen 2003 und 2010 der biologischen Landwirtschaft den Rücken gekehrt und auf konventionelle Landwirtschaft zurückgestellt, wie vor kurzem eine Studie des Thünen-Instituts für Betriebswirtschaft in Braunschweig ergab. Als Grund nannten die Bauern Probleme bei der Vermarktung, zu geringe Preisaufschläge für Bio-Produkte, zu strenge Kontrollen und praxisferne Regeln. Rietzler hatte mit all dem nie Probleme. Doch in seinem Alter, ohne einen Nachfolger für den Hof, werde er sicher keinen neuen Stall mehr bauen, meint er. Mindestens 500 000 Euro müsste er dafür investieren.

          Für eine halbe Million: In seinem Alter, ohne einen Nachfolger, werde er sicher keinen neuen Stall mehr bauen, sagt Bauer Rietzler.

          Die Studie hat die Bio-Branche aufgerüttelt. Denn bisher beschäftigte die Branche sich viel mit neuen Wachstumszielen – und wenig mit denjenigen, die dabei zurück bleiben. Die Zahlen des Thünen-Instituts seien „nicht beunruhigend“, sagt Felix Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) und Präsidiumsmitglied bei Naturland. „Es ist aber wichtig, sich damit zu beschäftigen, was die Bauern bewegt, die wieder zurück umstellen.“ So gebe es Bauern, die dem Missverständnis erliegen, sie könnten im System weitermachen wie in der konventionellen Landwirtschaft, nur ohne die Chemie. Das funktioniere nicht. „Bei anderen klappt es wirtschaftlich nicht, etwa weil die Vermarktung nicht stimmt oder die Erträge nicht ausreichen.“

          „Auch im Öko-Sektor gibt es Preisdruck“

          So wie bei Hermann Schulten-Baumer, der schon vor acht Jahren zur konventionellen Landwirtschaft zurückgekehrt ist. Für ihn hat es sich schlicht nicht gelohnt, Weizen, Raps und Dinkel ökologisch anzubauen. „Der Einzelhandel will Bio-Produkte möglichst billig bekommen“, sagt er. „Als Anbieter hatten wir da nicht genug Gewicht, die Konditionen stimmten einfach nicht.“ Der höhere Preis, den Bio-Bauern dafür bekommen müssten, dass ihr Arbeitseinsatz höher, die Erträge aber niedriger sind, lasse sich in der Praxis oft nicht erzielen, sagt Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes. „Auch im Öko-Sektor gibt es einen Preisdruck, der vor allem dadurch entsteht, dass Discounter ihre häufig importierte Ware sehr günstig anbieten können.“

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