https://www.faz.net/-gum-9ra1j

Stadt sieht sich bestätigt : Bielefeld existiert! Oder?

Das war’s mit der Bielefeld-Verschwörung – behauptet zumindest dieser Findling. Bild: dpa

Den rund 2000 Teilnehmern der „Bielefeld-Million“ ist der Beweis für die Nicht-Existenz der Stadt misslungen. Ob das die Verschwörungstheorie wirklich aus der Welt schafft?

          2 Min.

          Bielefeld gibt es also doch. Davon zumindest ist Pit Clausen, Oberbürgermeister der angeblich in Ostwestfalen gelegenen Stadt, überzeugt. Keinem der rund 2000 Teilnehmer der werbewirksamen Stadtmarketingkampagne „Bielefeldmillion“ sei es gelungen, zu beweisen, dass Bielefeld in Wirklichkeit gar nicht existiert. „Wir verabschieden uns von dieser Mär“, sagte Clausen – und glaubte, die sogenannte Bielefeld-Verschwörung am Dienstag gleich offiziell für beendet erklären zu können. Wenn es so einfach wäre!

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Seit 25 Jahren ist der Verschwörung nämlich schon nicht beizukommen. 1994 setzte der Informatiker Achim Held die Behauptung in die Welt, Bielefeld gebe es gar nicht. Held ging es gar nicht primär um Bielefeld. Er wollte sich nur mit seiner möglichst skurrilen Geschichte über die ernsthaften Verschwörungstheoretiker lustig machen, die damals in immer größerer Zahl das Internet für ihr Treiben entdeckten. In einer Chat-Gruppe, in der es um nichts als Unfug ging, veröffentlichte der Informatiker deshalb seine konsequent durchdeklinierte Bielefeld-Verschwörung: Bielefeld existiert in Wirklichkeit nicht, und alle Hinweise, die es doch auf die Existenz der Stadt gibt, sind lediglich von nicht näher definierten, aber sehr mächtigen Mächten vorgetäuscht.

          Wie von Held beabsichtigt, verselbständigte sich die später auch Bielefake genannte Geschichte rasch. Wer heute auf einer Party sagt, er komme aus Bielefeld, muss fest damit rechnen, dass man ihm oder ihr lachend entgegnet: „Bielefeld gibt’s doch gar nicht!“

          Doch ist der Beweis wirklich erbracht? 

          Für alle, die nicht aus Bielefeld kommen, ist das immer wieder ein schöner Spaß. Viele Bielefelder aber soll das mittlerweile sehr nerven. Wohl auch deshalb wollte die Marketingabteilung der Stadt der Verschwörungstheorie mit dem Wettbewerb nun ein Ende setzen. Das war natürlich auch wieder eine herrliche Bielefelder Eulenspiegelei. Denn welche Stadt, die es nicht gibt, kann dem Gewinner eine Million Euro überweisen? Trotz dieser trüben Aussichten nahmen mehr als 2000 Männer, Frauen und Kinder aus nah und fern an dem Wettbewerb teil. Unter den Einsendungen waren Gedichte, Kinderbilder, Comics, Videos und mehrere wissenschaftliche „Beweise“ mit Argumenten aus Mathematik, Physik, Logik und Geschichte.

          Seit Beginn des Wettbewerbs am 21. August berichteten Medien aus aller Welt über die kuriose Aktion. Eine preiswertere Werbung hätten sich die Bielefelder PR-Fachleute gar nicht ausdenken können. Aus der Wissenschaft kamen Lob und gute Ratschläge: „Ich würde auf Basis der von der Stadt erbrachten Beweise, dass es sie doch gibt, aufzeigen, was alles an Positivem aus Bielefeld kommt – dass es zum Beispiel ein starker Wirtschaftsstandort ist. Dafür ist der Moment gerade optimal“, empfahl eine Fachfrau für innovatives Markenmanagement in der „Süddeutschen Zeitung“.

          Doch ist der Beweis wirklich erbracht? Ein erster großangelegter Versuch, mit der Verschwörung ein für alle Mal aufzuräumen, war schließlich schon 2014 gescheitert. Damals feierte Bielefeld, dass es Bielefeld angeblich schon seit 800 Jahren gibt. Verschwörungstheoretiker konnten den netten Versuch locker kontern. Denn der offizielle Slogan des Jubiläumsjahres lautete: „800 Jahre Bielefeld. Das gibt’s doch gar nicht!“

          Am Dienstag versuchte Oberbürgermeister Clausen, unverrückbare Fakten zu schaffen. In der Altstadt enthüllte er einen 600 Kilogramm schweren Findling, der an die Kampagne zum Ende der Bielefeld-Verschwörung erinnern soll. Als prominenten Zeugen des feierlichen Akts hatte der Oberbürgermeister sicherheitshalber Achim Held nach Bielefeld eingeladen. Als seine Verschwörungstheorie immer bekannter wurde, hätten sich die Bielefelder bestimmt nicht immer gefreut. „Aber die Stadt hat mit dieser witzigen Aktion die perfekte Antwort auf den Spruch gegeben, dass es Bielefeld nicht gebe“, soll Held gesagt haben. Angeblich.

          Weitere Themen

          Endlich einmal Good Girl sein

          Olga Tokarczuk : Endlich einmal Good Girl sein

          Olga Tokarczuk ist als frisch gebackene Nobelpreisträgerin sehr gefragt. Für die Frankfurter Buchmesse unterbricht die Autorin ihre Lesereise. Und spricht vor allem über ihre Heimat Polen.

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.