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Bibliothek im Eis : „Für diese Bücher muss man sich dick anziehen“

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Erfrischende Wege zur Kunst: Lutz Fritsch vor seiner Bibliothek Bild: Lutz Fritsch

Vor zehn Jahren baute der Künstler Lutz Fritsch eine Bibliothek in der Antarktis. Im Interview erklärt er, warum er das Kultur-Angebot für die Neumayer-Station ausbauen wollte und wieso man ein Gebäude im ewigen Eis am besten grün anstreicht.

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          Herr Fritsch, in dieser Woche ist Ihre „Bibliothek im Eis“ an der Neumayer-Station des Alfred-Wegener-Instituts in der Antarktis zehn Jahre alt geworden. Wir erreichen Sie aber unter Ihrer Kölner Nummer. Sie sind also zu den Feierlichkeiten nicht dorthin gereist?

          Nein, ich habe hier nur für Freitag ein paar Freunde eingeladen. Ich war seit der Eröffnung nicht mehr dort, es ist doch etwas weit. Aber heute, Montag, am Tag des Jubiläums, war es bei mir immerhin so still wie manchmal in der Antarktis. Im Ernst: Ich muss gerade viel arbeiten.

          Wie kommt man denn auf die Idee, eine Bibliothek mitten im Nichts einzurichten?

          Die Idee kam mir in den Jahren 1994/1995, als ich als erster Künstler zu Besuch in der Station war. Als ich sah, wie die neun Wissenschaftler dort lebten und arbeiteten, fragte ich mich, wie sie das ohne Kultur aushalten können. Mir fehlte damals etwas. Zudem fand ich die Diskussionen über das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft sehr belebend. Weil ich aber leider nicht immer dort sein kann, um für die Kunst ein gutes Wort einzulegen, kam mir die Idee einer Bibliothek. Sie soll diesen Dialog in anderer Form weiterführen. Deshalb muss ich an so einem Jubiläum auch nicht dort sein.

          Welche Bücher stehen denn in der Antarktis?

          Es sind Bücher, die mit einer Widmung gestiftet wurden. Bücher, von denen die Stifter denken, dass sie den Wissenschaftlern in einer extremen Lebenssituation etwas mit auf den Weg geben können. Es sind Klassiker dabei, aber auch Bücher von jungen Autoren. Genaueres wissen aber nur die Stifter selbst, die Wissenschaftler und ich.

          Warum wollen Sie die Stifter und die Namen der Bücher geheimhalten?

          Die Stifter sollen eine Verantwortung für die Leser haben. Sie sollen die Bücher nur für die Wissenschaftler auswählen, ohne daran zu denken, wie diese Wahl in der Öffentlichkeit ankommen könnte. Ein Rockmusiker hat zum Beispiel die Bibel gestiftet. Wenn ich Ihnen den Namen jetzt nenne, würde nur darüber geredet, wie denn dieser Künstler die Bibel auswählen konnte. Genau das will ich vermeiden. Es geht nur um das Buch und die Widmung dazu.

          Verraten Sie uns denn wenigstens, was das erste Buch war?

          Na gut, das war „Die Entdeckung des Himmels“, ein Roman des niederländischen Schriftstellers Harry Mulisch. Gestiftet hat ihn ein Forschungsminister. Mehr verrate ich nicht.

          Die Bibliothek steht 300 Meter von der eigentlichen Forschungsstation entfernt in einem grünen Container. Das ist doch sehr mühsam, in der Kälte immer dahin zu laufen, oder?

          Die Wissenschaftler sollen diese Meter zur Bibliothek bewusst gehen, sie sollen sich dick anziehen, um sich dorthin aufzumachen. Für die Farbe grün habe ich mich entschieden, weil es die Lieblingsfarbe der Wissenschaftler war. Die Farbe der Sehnsucht. In ihren Schlafkammern hatten sie damals Bilder von Wiesen hängen, weil ihnen die Farben fehlten im Eis.

          Wenn die Wissenschaftler schon durch Schnee und Eis müssen, ist der Container dann wenigstens geheizt?

          Ja, natürlich. Es gibt eine Grundwärme, und wenn jemand kommt, wird es durch die spezielle Isolierung des Containers schnell richtig warm. Dann können sie dort auch im T-Shirt sitzen, aus dem Fenster schauen und in einer anderen Welt verschwinden. Was ich so höre, ist es einer der Lieblingsorte der Wissenschaftler. Die Bibliothek ist wohl immer besetzt, sobald jemand frei hat. Das lange Stromkabel ist gleichzeitig auch der Haltegriff, wenn es draußen dunkel ist. Man kann den Container also zu jeder Zeit erreichen.

          Haben Sie denn auch etwas in der Bibliothek hinterlassen?

          Es hängen zum Beispiel zwei meiner Fotografien dort. Auf dem einen Foto sieht man ein zusammengerolltes Agavenblatt, auf dem anderen eine blühende Rose. Die Bilder stehen für die zwei Extreme, die ich bei den Menschen dort erlebt habe. Entweder verschließt man sich total, oder man öffnet sich für das, was man erlebt. Neben den Bildern habe ich auch ein leeres Buch hinterlassen. Jeder, der in der Bibliothek ist, kann dorthinein etwas schreiben oder zeichnen. Es ist ein Buch, das sich selbst fortschreibt.

          Wissen Sie denn, ob die Wissenschaftler das Jubiläum gefeiert haben?

          Zum Jahresende schicke ich immer neue Bücher zu Ihnen und 40 Liter Kölsch für den Neujahrsempfang. Dieses Mal habe ich mir noch gewünscht, dass sie etwas Kölsch für den zehnten Geburtstag der Bibliothek aufsparen. Mehr weiß ich leider nicht.

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