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Beziehungen : Zuletzt geküsst im Kindergarten

Für Matthias Wolff hat das Alleinsein auch Vorteile Bild: F.A.Z. - Röth

Die Wissenschaft spricht von einem „seltenen, aber interessanten Phänomen“: Erwachsene, die noch nie eine Beziehung hatten. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich wie die Betroffenen selbst.

          6 Min.

          Am Tisch sitzen, reihum: Heiko, 30, Elektroingenieur. Nikolaus, 36, Programmierer aus Remscheid. Frank, 30. Cornelia, 48, angestellt bei einer Stadtverwaltung in Nordrhein-Westfalen. Christian, 39. Stefan, 33. Und Nina, 31, aber die hatte ihren ersten Freund schon mit vierzehn und ist somit, das sagt sie sofort, „von dieser Thematik nicht betroffen“.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Tisch steht in einem Café im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Das „Goldmund“ ist ein bisschen verraucht, aber gemütlich. An den Wänden lehnen Regale voller Bücher. Die Betroffenen, also alle am Tisch außer Nina, nennen „die Thematik“ oft auch „das Problem“ oder „das Thema“. Das Thema ist: Es gibt Menschen, die sind fünfundzwanzig, dreißig oder auch fünfundvierzig Jahre alt und hatten noch nie einen festen Freund oder eine feste Freundin. Noch nie Sex. Im Kino noch nie eine andere Hand in der eigenen.

          „Absolute Beginners“ in Beziehungen

          Was das angeht, kann Nikolaus, ein schmaler Blonder mit Brille und Geheimratsecken, seine bisherige Erfahrung in vier Wörtern erklären: „Ein Kuss im Kindergarten.“ Da war er fünf. Mit Mitte zwanzig vermutete Frank noch, er sei halt ein Spätzünder. „Damals war ich noch so drauf, dass ich an jedem Silvester dachte, im nächsten Jahr klappt's. Aber inzwischen geht die Hoffnungskurve runter.“ Die sieben Männer und Frauen haben sich für einen langen Samstagnachmittag getroffen, um bei ein paar Gläsern Latte Macchiato über „das Thema“ zu reden. Anderswo meiden sie solche Gespräche. Denn die Welt, sagt Frank, zerfalle „schon irgendwie in AB und Normalos“. Die Abkürzung „AB“ steht für „Absolute Beginners“ und kommt im Internetforum www.ohne-erfahrung.de, wo die Cafébesucher einander kennengelernt haben, in fast jedem Beitrag vor. Manchmal nennen sie sich auch „Menschen ohne Beziehungserfahrung“.

          Zu diesem Stichwort gibt es zwar einen Eintrag in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia, aber erforscht ist „das Thema“ bei weitem nicht. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat ermittelt, dass ein Drittel aller Achtzehnjährigen noch nie Geschlechtsverkehr hatte. Bei den Älteren nimmt diese Zahl rapide ab: Der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt spricht mit Blick auf Erwachsene ohne Beziehungserfahrung von einem „extrem seltenen, gleichwohl interessanten Phänomen“.

          In der Studie „Spätmoderne Beziehungsbiographien“ von 2006 stellten Schmidt und seine Kollegen fest, dass nur ein bis zwei Prozent der dreißig Jahre alten Großstädter noch nie eine feste Beziehung hatten; ein Prozent dieser Altersklasse hatte auch noch nie Sex. Von den Sechzigjährigen hatten nur zwei bis drei Prozent weniger als fünf Jahre ihres Erwachsenenlebens in Beziehungen gelebt. Eine Studie des Instituts Infratest Dimap zum Thema Sexualität erbrachte 2005 ähnlich niedrige Zahlen - so niedrige, dass eine Sprecherin sagt, die Werte seien nicht zitierfähig: „Das ist wie in der Wahlforschung, das fällt unter Sonstige.“

          Der Spruch mit dem Topf und dem Deckel

          Weil doch auf jeden Topf ein Deckel passt. Eigentlich. Nikolaus sagt bitter, er könne diese Redewendung nicht mehr hören. „Ist lieb und nett gemeint. Aber der Spruch berücksichtigt nicht, dass es in der Topf-und-Deckel-Produktion zwangsweise immer auch Ausschuss gibt.“ Wenn Frank - braune Haare, liebe Augen - auf Partys eingeladen wird, fragen die Gastgeber nie, ob er jemanden mitbringen wolle. „Für meine Freunde ist es selbstverständlich, dass ich halt niemanden habe. Sie kennen mich ja nur so.“ Cornelia, eine kleine Frau mit Kurzhaarschnitt, sagt, wenn sie vier Kinder von vier Männern hätte, fände das sicher jeder okay. So aber müsse sie sich Sätze anhören wie: „So was wie dich gibt es doch gar nicht - bist du ein Freak? Das ist doch völlig krank.“ Nikolaus empfindet sich tatsächlich als krank. Er hat nach fünf Minuten offenbart, dass er essgestört sei und sich für „venustraphob“ hält, also von unbändiger Angst vor Frauen getrieben.

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