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Beziehungen : Zuletzt geküsst im Kindergarten

Einfach mal eine Männergeschichte erzählen

Kathrin Becker aus Bremen sucht anders als Matthias Wolff nicht nach einer Seele, die mit der eigenen spricht, nicht nach einem Geist, der den eigenen beflügelt. Die Fünfunddreißigjährige würde einfach gern mal eine ganz normale Männergeschichte erzählen können. Sie hat keine Schwierigkeiten, Leute nach dem Weg zu fragen, im Beruf mit Menschen zu reden. Aber sobald es um ihre Gefühle gehe, sei sie gehemmt. Deshalb kann Kathrin Becker, die in Wahrheit anders heißt, nur drei trostlose Geschichten erzählen. Nummer eins: Mit 19 spürte sie, dass ein Mitschüler sie mochte. Sie fand ihn auch nett. Beide sprachen es nicht aus. Machten Abitur. Sahen einander nie wieder.

Geschichte Nummer zwei: Als Kathrin 27 war, hatte sie einen Uni-Dozenten als Verehrer. Er rief in ihrer WG an. Kathrin trug den Mitbewohnern auf, sie zu verleugnen. „Der kannte mich ja gar nicht. Er hatte nur ein Bild von mir.“ Geschichte Nummer drei: Mit 30 traf sie einen ehemaligen Kommilitonen wieder, ging öfter mit ihm weg. Manchmal übernachtete er bei ihr, auf einer Matratze. Einmal fragte er, ob er ins Bett kommen dürfe, und war im nächsten Augenblick schon drin. „Ich habe sofort gesagt, dass ich keine Erfahrung habe. Wir haben nicht miteinander geschlafen, aber ein bisschen was ausprobiert. Dann habe ich das beendet.“

„Soziale Kommunikation ist anstrengend“

In Köln ist es Abend geworden. Nina ist vom Milchkaffee zum Radler übergegangen. Zum Abschluss erzählt die Einunddreißigjährige mit den braunen Locken, warum sie hier sitzt und eine Gauloise nach der anderen raucht, obwohl sie doch schon seit siebzehn Jahren Beziehungserfahrungen sammelt. Der Grund heißt Stefan und sitzt neben Nina. Als sich die beiden vor fünf Jahren im Internet kennenlernten, war Stefan achtundzwanzig - und „AB“. „Beim ersten Treffen habe ich dauernd Situationen geschaffen“, erinnert sich Nina. „Und gedacht: Wenn du mich jetzt nicht küsst, willst du mich nicht küssen.“ Ihre schokobraunen Augen sehen Stefan liebevoll an. Nina sagt: „Signale zu interpretieren, das ist nicht so sein Ding.“ Stefan lächelt und sagt nur einen Satz: „Ich empfinde intensive soziale Kommunikation als anstrengend.“

Ob die anderen irgendwann auch eine Nina wachküsst? Nikolaus zeigt sofort mit dem Daumen nach unten. Cornelia sagt: „Es gibt Dinge, die kann man nicht erzwingen.“ Sie nimmt jetzt Querflötenunterricht. Heiko will lernen, „mit Menschen besser umzugehen“. Kathrin Becker hat eine Therapie angefangen und hofft auf Geschichte Nummer vier. Und Matthias Wolff? Er wird am Montag wieder gutgelaunt an der Essensausgabe der FH Aachen stehen und Teller vollschöpfen. Vielleicht schickt Gott ihm dort ja endlich mal die Richtige vorbei. Sie würde mit Sicherheit die Schweinefleischpfanne „Jan Sobieski“ nehmen.

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