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Beziehungen : Zuletzt geküsst im Kindergarten

Die anderen meinen eher, sie seien unüberwindbar schüchtern. Frank sagt: „Der Punkt, wo es über das Kumpelig-Freundschaftliche hinausgeht - das ist meine rote Linie. Da weiche ich zurück.“ Während der zweiten Runde Kaffee durchforsten sie ihre Kindheit nach Gründen. Vieles, was sie sagen, klingt eingeübt - ob auf dem Internetforum, beim Therapeuten oder in endlosen Selbstgesprächen. Cornelia berichtet, Männer seien für sie „ein Synonym für Gewalt“. Wegen des Vaters und der Großväter und wegen der Vergewaltigung damals auf dem Heimweg von der Arbeit, als sie zwanzig war. Heiko, rotes Sweatshirt, chronisch hängende Schultern, erwähnt seinen cholerischen Vater. „Ach, deiner auch?“ fragt Nikolaus gespielt überrascht. Dann fasst er gleich mal seine Realschulzeit zusammen: „Mobbing inklusive Rudeltreten.“ Und ergänzt, dass man ihn doch nur angucken müsse, um zu erkennen, warum er keine Freundin habe.

Die Wohnung des Matthias Wolff ist ein völlig anderer Kosmos als die Tischrunde im Café „Goldmund“. Der Mensa-Koch an der Fachhochschule Aachen sagt zuallererst, dass „das Thema“ für ihn kein „Problem“ sei. Wolff, der anders als die Kölner Cafébesucher nichts dagegen hat, mit seinem richtigen, vollständigen Namen in der Zeitung zu erscheinen, hat das Wort „AB“ noch nie gehört. Der Zweiundvierzigjährige käme auch nicht auf die Idee, in Internetforen darüber zu diskutieren, wie es wohl wäre, wenn man sich auf einmal in einem Bett wiederfände und sagen müsste: „Ich habe das aber noch nie gemacht.“ Wolff vermutet knapp: „Dat fluppt dann schon.“

Die Philosophie, allein zu sein

Der große schlanke Mann, Brille, rötliche Haare, naturweißer Pullover, ist Westfale und lebt in Belgien, gleich hinter der Grenze, zehn Autominuten von seinem Aachener Arbeitsplatz entfernt. Er sagt Sätze wie: „Von dem, was ich perfekt mache, erwarte ich auch vom Gegenüber, das zu können.“ Oder: „Es ist ja auch schwer, im Umfeld von Kellnerinnen und Köchen jemanden zu finden, der ein gewisses geistiges Niveau hat.“ Wolffs geistiges Niveau ist ziemlich hoch. Am Vortag hat er in der Mensa eine feurige Schweinefleischpfanne nach dem polnischen König Jan Sobieski benannt. Jetzt steht er in seiner eigenen Küche, füllt Brottaschen mit Brokkoliröschen, Lachsstreifen, Garnelen und referiert über die Quecksilbervorkommen im deutsch-belgischen Gebiet Eupen-Malmédy. Über das Haus Habsburg. Den Wiener Kongress. Wolff hat zunächst Theologie studiert, ist dann zu Soziologie gewechselt, dann zu Jura, hat dann eine Weile Kabarett gemacht, schließlich eine Ausbildung zum Koch.

Zwischen badischem Rotwein und belgischen Pralinen fällt ihm ein, dass er doch schon mal eine Beziehung hatte. Die Trennung ist lange her, und es war eine Beziehung mit Gott, einem Abt und vierzig Mitbrüdern. Seit Matthias Wolff mit Mitte zwanzig aus dem Prämonstratenserkloster ausgetreten ist, lebt er allein. Und sagt Gott schon ab und zu, „dass er ein Idiot ist, weil er mir nicht die Richtige an die nächste Kreuzung stellt“.

Wolffs Sätze verfertigen sich oft erst beim Sprechen. „Ich bin viel zu schrullig geworden. Ich könnte gar nicht mit jemand anderem leben.“ Pause. „Vielleicht ist das auch nur eine nette Ausrede, um sich bloß nicht auf etwas einlassen zu müssen.“ Er sagt „man“ statt „ich“ - und merkt es im nächsten Augenblick. Spricht über die Freiheit, die er genieße und erleide, und darüber, dass der Begriff „das Leben teilen“ für ihn reine Theorie sei. „Das macht auch etwas Angst, weil ich ja nicht genau weiß, was ich gewönne.“ Zudem sei er jemand, der sich ohne Rückversicherung auf einen anderen Menschen einließe. „Das ginge nur mit jemandem, der das genauso macht. Wenn man alles gibt und am Ende nicht alles kriegt, gibt das tiefste Wunden.“ Und einfach ein bisschen Spaß mit anderen haben, bis eines Tages der Zwillingsstern am Firmament aufgeht? „Das fände ich unanständig und unaufrichtig. Für mich ginge das zu sehr ins Triebhafte.“

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