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Pop-Feminismus : Der Königin neue Kleider

Hier steht sie und zwar für eine gute Sache: Bei den „MTV Video Music Awards“ im August präsentierte sich Beyoncé als frauenbewegt Bild: UPI/laif

So frauenbewegt, heißt es, war die Popmusik noch nie. Gleichzeitig geben sich ihre Superstars offenherziger denn je – und zeigen eine Idee weiblicher Selbstbestimmung, die man glatt mit Männerphantasien verwechseln könnte.

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          Der Feminismus darf sich über eine neue Galionsfigur freuen: Emily Ratajkowski ist der Bewegung beigetreten. Wer den Namen nicht kennt, der hat sie doch womöglich schon gesehen – und dann vermutlich ziemlich viel von ihr. Emily Ratajkowski ist eines von drei Models, die durch das Video zum Partyhit „Blurred Lines“ von Robin Thicke tanzen, von welchem es eine normale und eine „Nude Version“ gibt, genauer: eine halbnackte und eine nackte Variante. Nackt freilich sind in der „Nude Version“ weder Thicke noch seine beiden Mitsänger Pharrell und T.I., sondern einzig die Frauen, jedenfalls fast; Ratajkowski trägt nur einen fleischfarbenen String und Sneakers.

          Jörg Thomann
          (jöt), Leben

          Dank dieses Auftritts hat sie es erst mit einer Nebenrolle in den Film „Gone Girl“ geschafft und dann aufs Cover der Novemberausgabe vom amerikanischen „Cosmopolitan“. Sie schätze sich glücklich, ließ sie das Magazin wissen, „dass ich anziehen kann, was ich möchte, schlafen kann, mit wem ich möchte, und tanzen kann, wie ich möchte – und immer noch eine Feministin sein kann“. Tanzen, wie sie möchte, bedeutet in diesem Fall: praktisch nackt um drei sonnenbebrillte Anzugtypen herum, im Video zu einem Song, der sich den „unscharfen Linien“ widmet, die der Mann zu sehen glaubt, wenn eine Frau sich abweisend zeigt – „Ich weiß, du willst es“, singen die Kerle. Thicke hat der Song neben viel Geld den Titel „Sexist des Jahres“ 2013 beschert; später behauptete er, das Lied habe fast ausschließlich Pharrell geschrieben, weil er selbst zu der Zeit massenhaft Drogen und Alkohol geschluckt habe.

          „Emanze oder Schlampe?“

          Glatt übersehen hatte man, dass sich neben dem Sexisten 2013 eine Feministin räkelte. Galionsfigur trifft es von daher gar nicht schlecht: Die hölzernen Damen am Bug waren ja auch oft barbusig.

          Emily Ratajkowski verkörpert nicht allein den Feminismus im neuen Gewand – oder auch mal ganz ohne. Das „Time Magazine“ rief 2014 gar zum „Jahr des Pop-Feminismus“ aus, weil die Musiker, die es in die Liste der „100 einflussreichsten Menschen“ schafften, sich zum Feminismus bekannt hätten: Beyoncé, Miley Cyrus und – Überraschung! – Pharrell. Letzterer hat sich in Interviews gegen die Benachteiligung von Frauen ausgesprochen, eine Tatsache, die seine Urheberschaft am unseligen „Blurred Lines“ offenbar aufwiegt.

          Bei den beiden Sängerinnen ist die Sache auch nicht ganz einfach. „Emanze oder Schlampe?“, fragte Alice Schwarzers „Emma“ auf ihrem Cover, um, bezogen auf die Pop-Königin Beyoncé, zu urteilen: beides. Personifiziert durch zwei Autorinnen, zeigt sich das Fachblatt gespalten. Lob erfährt Beyoncé, weil sie Zitate feministischer Autorinnen in ihre Songs einflicht, und dafür, dass sie bei den „MTV Video Musik Awards“ im August, wo sie ikonengleich vor der Leuchtschrift „Feminist“ posierte; gerügt werden ihre knappe Garderobe und ihre Videos, in denen sie ihren „perfekten und sexuell verfügbaren Körper“ ausstellt. Eine Watschen bekommt bei der Gelegenheit auch Miley Cyrus ab: Deren vermeintlicher Feminismus sei in Wahrheit „seine feindliche Übernahme“.

          Vorbild Rihanna

          Nun könnte man sagen: Wenn der Feminismus keine schlimmeren Feinde hat als ein spätpubertäres Popküken, das sich mit jedem abgelegten Kleidungsstück ein wenig erwachsener fühlt, dann ist er herzlich zu beglückwünschen. Andererseits ist das Erscheinungsbild der modernen Mainstream-Pop-Feministin nicht nur für die alte Tante „Emma“ verwirrend, sondern auch, zum Beispiel, für Eltern, deren zehnjährige Sprösslinge ihre Kinderzimmerwände mit Postern verzieren, auf denen sich Rihanna in eine Art Ganzkörpernetzstrumpfhose gewickelt hat.

          Apropos Kinderzimmer: Warum sollte die Teenager-Tochter sich scheuen, ein Handy-Nacktfoto an ihren Freund zu schicken (und der, wenn sie Pech hat, an seine ganzen Kumpels), wenn eine Rihanna ihre Körperlandschaften auf Instagram ausbreitet und damit vor aller Welt? Welcher Wissenschaftler auch immer eines Tages Ursachenforschung für den Trend zum „Sexting“ betreibt, er sollte sein Augenmerk weniger auf Pornofilme richten als auf die zusehends expliziteren Pop-Performances.

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