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Besuch im Frauenhaus : „Nur der Tod beendet diese Ehe“

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In Sicherheit: Frauen – wie hier in einem Frauenhaus in Herne – müssen gerade in der Corona-Krise vor gewalttätigen Partnern geschützt werden. Bild: dpa

Besuch von Elke Büdenbender: In einem Berliner Frauenhaus berichten Bewohnerinnen der Frau des Bundespräsidenten von ihren Ängsten. Dass externer Besuch das Gelände betreten darf, ist eine große Ausnahme.

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          „Wir öffnen das Haus normalerweise nicht“, sagt die Mitarbeiterin, als sie die Besucher am Dienstagmorgen am Tor abholt. Der hohe Zaun, der oben mit Stacheldraht verstärkt ist, erinnert an ein Gefängnis. Doch die Anlage dient nicht etwa dazu, die Bewohner am Ausbrechen zu hindern. Sie soll potentielle Gefährder vom Eindringen abhalten.

          Es handelt sich um eines von sechs Frauenhäusern in Berlin. Dass externer Besuch das Gelände betreten darf, ist eine große Ausnahme. Der Besuch besteht aus Elke Büdenbender, Richterin und Frau des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, und der Staatssekretärin Barbara König, die unter Berlins Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, Dilek Kalayci (beide SPD), arbeitet. Die beiden wollen Einblicke schaffen in die Problematik der häuslichen Gewalt und den Umgang damit – ein Thema, das sonst meist hinter verschlossenen Türen bleibt.

          Eine der wenigen positiven Auswirkungen der Corona-Pandemie sei es gewesen, dass das Thema Gewalt gegen Frauen mehr an die Öffentlichkeit geraten sei, sagt Kristina Fischer von der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen (BIG). „Die Pandemie hat gezeigt, was auch vorher schon da war.“ Jede vierte Frau in Deutschland erleidet mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt.

          „Ich habe drei Jahre gebraucht“

          Für viele von ihnen sind Frauenhäuser der letzte Zufluchtsort, an dem sie sich sicher fühlen können. Hier können sie mit ihren Kindern wohnen, bekommen rechtliche Beratung, psychologische und medizinische Hilfe. „Ich habe drei Jahre gebraucht, bis ich vor meinem Noch-Mann geflüchtet bin“, berichtet eine Bewohnerin. Er habe ihr gesagt, der einzige Weg aus ihrer Ehe sei der Tod, habe auch gedroht, Familienmitglieder zu verletzen, sollte sie ihn verlassen. Schlafen könne sie seit ihrer Flucht kaum. Wenn sie in der Stadt unterwegs sei, sei die Angst, ihm über den Weg zu laufen, ihr ständiger Begleiter. Da komme es ihr ganz gelegen, dass sie sich hinter einer Maske verstecken könne.

          Die Bewohnerinnen des Hauses reden offen über ihre Erfahrungen. Die meisten wirken sehr gefasst, bedanken sich lächelnd für den Besuch und die Aufmerksamkeit, die ihnen sonst selten zuteil wird. Viele berichten, sie hätten in diesem Haus wieder an Selbstvertrauen gewonnen. An der Wand hängen selbst gemalte Plakate. Auf einem steht: „Hier sind wir sicher. Gemeinsam können wir das schaffen.“ Auf einem anderen aber auch: „Viele Frauen, viel Stress, viel Kummer, viele Tränen.“ Einfach sei das Zusammenleben nicht immer, es gebe auch oft Konflikte, erzählen die Frauen. Wegen der vielen Kinder sei es ständig laut. Für fast alle ist es das oberste Ziel, so bald wie möglich eine eigene Wohnung zu finden.

          Elke Büdenbender (rechts) einen Tag vor dem Besuch im Frauenhaus bei der Preisverleihung des 10. Women's Award an Louisa Fay in Dresden
          Elke Büdenbender (rechts) einen Tag vor dem Besuch im Frauenhaus bei der Preisverleihung des 10. Women's Award an Louisa Fay in Dresden : Bild: ZB

          In dem Haus kommen viele unterschiedliche Nationalitäten zusammen, zur Zeit werden die Hausversammlungen in fünf verschiedenen Sprachen abgehalten. Die Frauen übersetzen sich gegenseitig. „Uns ist es wichtig, dass hier jede Frau teilhaben und sich einbringen kann“, sagt eine Mitarbeiterin. „Die Frauen geben die Verantwortung für ihr eigenes Leben hier nicht am Tor ab.“ Die Frauen, die im Haus wohnen, kochen und putzen nicht nur selbst, sie nehmen auch Telefonate von Hilfesuchenden an und treffen diese dann an vereinbarten Treffpunkten, um sie sicher in die Einrichtung zu bringen. Dass keine Frau direkt die Adresse der Aufnahmestelle ausgehändigt bekommt, gehört genauso zum Sicherheitssystem des Frauenhauses wie die flächendeckende Alarmanlage, die im Ernstfall direkt die Polizei alarmiert. „Das Schlimme ist, dass wir, die Opfer, unser soziales Umfeld verlassen müssen, während die Täter sich weiter frei bewegen können“, sagt eine der Frauen. Die anderen stimmen zu.

          In der Einrichtung kommen etwa fünf Frauen auf eine Beraterin. Die Arbeit gehe vielen Mitarbeiterinnen an die Substanz, berichtet Stefanie Föhring, die selbst als Beraterin im Haus tätig ist. Viele junge Mitarbeiterinnen gingen schon nach einem Jahr wieder. Föhring fordert mehr Mittel von der Senatsverwaltung, damit mehr Stellen geschaffen werden können. So könnten die Mitarbeiterinnen etwas entlastet werden. Dabei steht Berlin im Vergleich zu anderen Bundesländern gut dar. Während die Finanzierung der Aufenthalte im Frauenhaus meist vom Einkommen der Frau abhängig ist oder von anderen sozialen Bezügen wie Hartz IV abgezogen wird, gibt es in Berlin eine Platzpauschale. Das bedeutet, der Aufenthalt einer jeden Frau wird, unabhängig von ihrem Einkommen, vom Land Berlin finanziert.

          Doch nicht nur die Frauen, sondern auch ihre Kinder müssen in den Einrichtungen beraten werden. Im Haus gibt es einen Malraum, an den Wänden hängen Bilder von Regenbögen und Prinzessinnen, aber auch rot-schwarzes Gekritzel. Nebenan ist ein Toberaum mit einem Boxsack, der mit dicken Matratzen ausgelegt ist. Das sei wichtig für die Kinder, um Wut rauszulassen, erzählt eine Pädagogin. „Wir sind kein Kindergarten und kein Kita-Ersatz.“ Hier könnten die Kinder endlich offen darüber sprechen, was sie erlebt haben und das Geschehene verarbeiten.

          Bei der Eröffnung habe es sich die Institution eigentlich zum Ziel gesetzt, die Strukturen zu durchbrechen, die für das Leid der Frauen und Kinder, die hier ankommen, verantwortlich sind, sagt Föhring. Damit meine sie eine Welt, in der Frauen und Männer gewaltfrei miteinander umgehen. Nun habe das Frauenhaus bereits sein vierzigjähriges Bestehen gefeiert. „Eine Welt ohne häusliche Gewalt ist vielleicht eine Utopie. Aber ohne diese Utopie im Kopf könnten wir hier nicht arbeiten.“

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