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Besuch beim dementen Vater : Der alte König in seinem Exil

  • -Aktualisiert am

Arno Geiger mit seinem Vater August Bild: F.A.Z./Wonge Bergmann

Er wollte dem Vergessen nicht trotzen, verwendete nie auch nur die geringsten Gedächtnisstützen, und er war auch keiner von denen, die sich beklagen, jemand mache Knoten in seine Taschentücher. Ein Besuch beim achtzig Jahre alten Vater. Von Arno Geiger.

          7 Min.

          Erste Erfahrungen mit Demenz machte ich als Sechsjähriger. Damals hörte mein Großvater auf, mich zu erkennen. Er wohnte im Nachbarhaus unterhalb unseres Hauses, und weil ich seinen Obstgarten als Abkürzung auf dem Weg zur Schule benutzte, warf er mir gelegentlich ein Scheit Holz hinterher - ich hätte in seinen Feldern nichts verloren. Manchmal jedoch freute ihn mein Anblick, er kam auf mich zu und nannte mich Helmut. Aber das war ebenfalls nichts, womit ich etwas anfangen konnte. Der Großvater starb. Ich vergaß diese Erlebnisse - bis die Krankheit bei meinem Vater losging.

          In Russland gibt es ein Sprichwort, dass nichts im Leben wiederkehrt außer unseren Fehlern. Und im Alter verstärken sie sich noch. Da mein Vater schon immer einen Hang zum Eigenbrötlerischen hatte, erklärten wir uns seine bald nach der Pensionierung auftretenden Aussetzer damit, dass er jetzt Anstalten machte, jegliches Interesse an seiner Umwelt zu verlieren. Sein Verhalten erschien typisch für ihn. Und so gingen wir ihm etliche Jahre mit Beschwörungen auf die Nerven, er solle sich zusammenreißen.

          „Lass dich nicht so gehen!“

          Heute befällt mich ein stiller Zorn über diese Vergeudung von Kräften; denn wir schimpften mit der Person und meinten die Krankheit. „Lass dich bitte nicht so gehen!“, sagten wir hundertmal, und mein Vater nahm es hin, stolz und von vornherein nach dem Motto, dass man es am leichtesten hat, wenn man frühzeitig resigniert. Er wollte dem Vergessen nicht trotzen, verwendete nie auch nur die geringfügigsten Gedächtnisstützen, und er war auch keiner von denen, die sich beklagen, jemand mache Knoten in seine Taschentücher. Er leistete sich keinen hartnäckigen Stellungskrieg gegen seinen geistigen Verfall, und er suchte nicht ein einziges Mal das Gespräch darüber, obwohl er - aus heutiger Sicht - spätestens Mitte der neunziger Jahre die Einsicht in den Ernst der Sache besessen haben muss. Wenn er zu einem seiner Kinder gesagt hätte, meine Güte, mein Gehirn setzt sich auf eigene Faust in den Ruhestand, hätten alle besser mit der Situation umgehen können. So jedoch fand ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel statt, mit meinem Vater als Maus, mit uns als Mäusen und der Krankheit als Katze.

          Arno Geiger mit seinem Vater August Bilderstrecke

          Diese erste, sehr nervenaufreibende, von Unsicherheit und Verunsicherung geprägte Phase liegt hinter uns, und obwohl ich noch immer nicht gern daran zurückdenke, begreife ich jetzt, dass es einen Unterschied macht, ob man aufgibt oder weiß, dass man geschlagen ist. Mein Vater ging davon aus, dass er geschlagen ist. In der Etappe seines Lebens angelangt, in der seine geistige Kraft galoppierend verging, setzte er auf innere Haltung; etwas, das mangels wirkungsvoller Medikamente auch für die Angehörigen eine praktikable Möglichkeit ist, mit der Sinnlosigkeit dieser Krankheit umzugehen.

          Als wäre man aus dem Schlaf gerissen ...

          Milan Kundera schreibt: Das einzige, was uns angesichts dieser unausweichlichen Niederlage, die man Leben nennt, bleibt, ist der Versuch, es zu verstehen.

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