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Bestattung von Muslimen : Jungfräuliche Erde

  • -Aktualisiert am

Please handle with care: Geschäftsführer Isikali Karayel im Bestattungsinstitut „Markaz“. Bild: Jens Gyarmaty

Immer mehr Muslime lassen sich in Deutschland nach den Regeln ihres Glaubens bestatten. Das wirft auch Probleme auf, vor allem in kleineren Kommunen.

          8 Min.

          Eigentlich soll in zehn Minuten ein Mensch unter die Erde gebracht werden. Doch noch bekommt die Trauer keinen Raum auf dem Zwölf-Apostel-Friedhof in Berlin, noch möchte niemand still und andächtig werden. Stattdessen stehen neben dem Grab, einem Loch von 213 mal 83 Zentimetern, ein Dutzend Männer und regen sich auf.

          Unproblematisch finden sie, dass die Verstorbene nicht nur Richtung Mekka blicken wird, sondern auch auf grüne Baukräne, die den Himmel über dem benachbarten Industriehof zerteilen. Ebenfalls egal: das Autobahnkreuz Schöneberg mit seinem Straßenlärm. Aber dass eine Muslima nur vier Schritte entfernt von christlichen Überresten liegen soll – das wollen sie nicht akzeptieren. „Erde ist Erde“, versucht der Bestatter zu beschwichtigen; aber das empfinden die Männer anders. Deshalb die wilden Gesten, die sich überschlagenden Stimmen. Alles auf Arabisch. Ob die Verstorbene heute noch ihre letzte Ruhe finden wird, ist ungewiss.

          Bisher keine eigenen Friedhöfe für Muslime

          Eines jedoch ist sicher: Immer mehr Muslime werden in Deutschland beerdigt, zunehmend nach ihren eigenen Bedingungen. In Berlin gab es 2014 nur 13 islamische Beisetzungen ohne Sarg, ein Jahr später bereits 147. Beim Abschiednehmen gibt es einiges zu beachten. Die Anforderungen an eine Bestattung sind nicht im Koran zu finden, sondern in Fatwas, die religiöse oder rechtliche Fragen klären sollen und eher Lehrmeinungen sind als feststehende Urteile. Je nachdem, wer sie geschrieben hat, widersprechen sie sich – auch in der Frage, ob muslimische Verstorbene nun neben christlichen ruhen dürfen oder nicht.

          Im Gegensatz zur ersten Generation von Gastarbeitern wollen heute viele Menschen nach dem Tod nicht in die Heimat zurück, häufig sind sie ohnehin hier geboren und zu Hause. Dazu kommen Flüchtlinge, die entweder nicht in von Krisen oder Krieg betroffene Länder zurückkönnen oder nur eine Sozialbestattung erhalten. Zahlen für ganz Deutschland gibt es nicht, weil das Sterben und Erinnern dezentral organisiert ist, durch Kommunen und Kirchen. Bislang konnten Muslime deshalb auch keine eigenen Friedhöfe gründen, bekamen aber eigene Grabfelder. So zerstören ihre nach Mekka ausgerichteten Gedenksteine, die im 45-Grad-Winkel zu den Pfaden stehen, nicht die Ordnung der deutschen Friedhofslandschaft.

          Das Verhältnis zum toten Körper ist im Islam natürlicher

          Beim islamischen Bestattungsinstitut „Markaz“ in Berlin-Neukölln gibt es keine schweren Vorhänge oder abgedunkelten Scheiben. Nichts in dem ebenerdigen Bürohaus deutet beim Eintreten auf den Tod hin, die Ledercouch zum Einsinken genauso wenig wie die Deutschlandkarte mit fröhlichen grünen und roten Fähnchen, die den Kunden zeigen: Wir kümmern uns um Ihre Beerdigung – bundesweit. „Ich bin ja nicht irgendein Bestatter“, sagt der Geschäftsführer Isikali Karayel mit einem Lachen, das irgendwo zwischen Verkaufstüchtigkeit und Selbstironie liegt. „Ich bin der Erste, der in Berlin sarglos beigesetzt hat.“ In 60 bis 70 Prozent der Fälle beerdige er in Deutschland, auch da Rückführungen für die Angehörigen sehr teuer seien. „Weil ja nicht nur einer fliegt, kommt man da als kleine Familie unter 5000 bis 10000 Euro nicht weg.“

          Egal, wie sich die Menschen entscheiden, wichtig sei im Islam, dass die Angehörigen selbst Hand anlegen und von A bis Z mithelfen. „All das bewirkt ja im Kopf, dass man sich sicher ist, dass die Person verstorben ist und man das besser verarbeiten kann“, erklärt Karayel. Das Verhältnis zum toten Körper sei im Islam ein viel natürlicheres; Arbeiten an diesem selbst zu erledigen, gelte sogar als Ehrerweisung.

          Bestatter muss vermitteln oder sich durchsetzen

          Dadurch entstehen auch Konflikte. „Die Muslime haben diese Institutionalisierung nicht, die wir haben“, sagt die Religionswissenschaftlerin Corinna Kuhnen, die an der Universität Bremen zum Thema „Fremder Tod“ geforscht hat. „Ihre Bestattungsinstitute sind ja erst hier in der Migration entstanden.“ In Deutschland müssen sich Menschen an ein professionalisiertes, bürokratisches System anpassen. Zu Karayel kommen immer wieder Geflüchtete, die nicht verstehen, was sie überhaupt bei ihm sollen – weshalb sie die Waschung der Leiche, das Tragen des Sarges oder das Ausheben eines Grabes bitte schön an ein Unternehmen delegieren müssen. Zu den Aufgaben des Bestatters gehört es dann auch, Verständnis zu schaffen oder, im schlechteren Fall, sich durchzusetzen.

          Eine Mitarbeiterin von Karayel schneidet ein Leinentuch für den Leichnam einer Frau. Bilderstrecke

          An einem Tag Ende Januar kümmert sich Karayel um beides: die Bestattung auf dem Zwölf-Apostel-Friedhof und eine Überführung in die Türkei. Dafür müssen er und eine Mitarbeiterin nur den unbehandelten Holzsarg mit Zinkfolie auslegen und für die Fluggesellschaft einen Zettel in Klarsichtfolie befestigen: „Please handle with care“, darunter der Name der Verstorbenen. Die Tote waschen, das wollen die weiblichen Hinterbliebenen gemeinsam mit einer Gelehrten tun. Das andere Geschlecht darf bei diesem Ritual nicht dabei sein, und für Karayels Mitarbeiterin bleibt kein Platz im Raum.

          Muslimisches Grabfeld ist voll belegt

          Als der Bestatter erfährt, dass sich seine Kunden auf dem Zwölf-Apostel-Friedhof nicht mit der angebotenen Erde zufriedengeben wollen, verliert er erstmals sein Der-Tod-ist-schlecht-aber-wir-machen-ihn-erträglich-Lächeln. Im Auto nach Schöneberg führt er Telefonat hier, Telefonat da, Tonfall: genervt. Die Friedhofsverwaltung kann nichts unternehmen, da das muslimische Grabfeld hinter der Backsteinmauer voll belegt ist. Zwischen Gedenksteinen ragen an den letzten freien Stellen ovale Plastikschilder aus der Erde: „Reservation“.

          Auch auf der Seite, auf der die Männer herumstehen, werden vermutlich bald keine Christen mehr liegen. Neonrot leuchten Kreuze auf Marmor und Granit, nicht als religiöses Symbol, sondern als Kennzeichen: Diese Gräber sollen aufgelöst werden, weil ihre Pachtzeit verstrichen ist und von den Hinterbliebenen nicht verlängert wurde. Sowieso kommen kaum Angehörige, von allen Besuchern an diesem Nachmittag ist nur eine einzige Frau nicht Muslima. Sie betritt den Friedhof zum ersten Mal, um „die Geschichte Berlins zu erforschen“.

          Sarglose Bestattung nicht überall erlaubt

          Doch lässt sich auf Friedhöfen auch so einiges über die Gegenwart lernen. Wie steht es um die Integration? Und umgekehrt, welches Maß an Vielfältigkeit gestehen Länder und Städte ihren Bewohnern zu? „Ich glaube, bei der islamischen Bestattungskultur sind wir eigentlich schon ganz weit“, sagt Kuhnen. Tatsächlich ist viel passiert in den letzten Jahren, viele der Anforderungen aus Fatwas – je nach Lehrmeinung: Leintuch statt Sarg, Blickrichtung Mekka, rituelle Waschung, schnelle Beisetzung, ewiges Ruherecht, jungfräuliche Erde – können inzwischen verwirklicht werden. Fast alle Bundesländer erlauben Muslimen mittlerweile, ihre Toten auf ausgewiesenen Grabfeldern sarglos zu bestatten.

          Verboten ist das nur in Sachsen und Sachsen-Anhalt – sowie in Bayern. Seit Jahren streiten sich CSU und Opposition über eine Änderung des Bestattungsgesetzes; erst im vergangenen Oktober haben die Grünen einen Entwurf eingereicht, erfolglos. „Die bayerische Bevölkerung will die Tradition des Sichbestattens erhalten und möchte nicht, dass das aufgeweicht wird durch andere Riten“, begründete der CSU-Landtagsabgeordnete Ludwig von Lerchenfeld die Haltung.

          In Deutschland kein ewiges Bestattungsrecht möglich

          Um Hygienestandards, die sonst als Argument gegen die sarglose Bestattung dienen, geht es also nicht allein. Was laut Kuhnen sogar bundesweit eine Hürde bleibt, ist, dass es auf kommunalen Friedhöfen kein ewiges Bestattungsrecht gibt, wie es im Islam gefordert wird. Die letzte Ruhe dauert in Deutschland meistens nur 20 bis 25 Jahre. Verlängere man den Pachtzeitraum, so Kuhnen, entstünden horrende Preise.

          Auf diese Gegebenheiten reagieren viele Muslime flexibel. Sie akzeptieren die beschränkte Pacht und lassen sich im Sarg bestatten; die Frauen tun das auch, damit die Männer ihren nackten, nur in ein weißes Leichentuch gewickelten Körper nicht anfassen müssen. „Die unterschiedliche Handhabung ist verblüffend“, sagt Kuhnen.

          Trauern nicht nur eine Frage der Kultur

          Für das Sterben gilt genau wie für das Leben mit einer Religion: Schriften werden in eine Praxis verwandelt – und diese Praxis über Jahre hinweg immer wieder aktualisiert und angepasst. Beeinflusst werden sie von der alten wie von der neuen Heimat, durch Nachbarn, Freunde und Bekannte. „Das wird sich aus der Unsicherheit erklären“, sagt Kuhnen. „Man hat eine neue Umgebung, man ist mit Gesetzen konfrontiert und man muss auch ein bisschen gucken: Wie machen es denn die andern?“ Trauern ist ohnehin nicht nur eine Frage der Kultur, sondern auch ein individueller Prozess. So unterscheidet sich auf muslimischen Grabfeldern fast jede Ruhestätte von der nächsten.

          Auf dem Zwölf-Apostel-Friedhof kann Karayel die wütenden Männer mit diplomatischem Geschick und Sprachkenntnissen überzeugen, die Verstorbene doch beizusetzen. Sobald man sich einig ist, beginnt die Zeremonie, obgleich nebenan noch eine weitere islamische Bestattung im Gange ist. Die Gäste positionieren sich nach Geschlecht – männliche vorn, weibliche einige Meter weiter hinten. Von ihrem Platz aus können die Frauen, die Rosen und Kopftücher tragen, nur Rücken in Windjacken sehen. Ungefähr 50 Männer versperren ihnen die Sicht. Sie heben die Hände zum „Allahu Akbar“ des Imams.

          Viele Beerdigungsgäste üblich

          Das Totengebet spricht er, abgesehen von der weißen Häkelmütze, in Alltagsklamotten; zur Hornbrille trägt er Adidasjacke, offen und oversized, ähnlich wie junge Menschen in hippen Bars. Gemurmel und Gesten im Chor, dann schiebt Karayel einen Holzsarg mit grünem Samttuch vor die Menge. Die Männer bilden eine Traube darum, heben ihn in die Erde. Einer steigt ins Grab, rückt den Sarg zurecht. Jetzt beginnt der handwerkliche Teil der Ehrerweisung: Mit Schaufeln stechen die Trauernden in den Erdhaufen, die Windjacken-Rücken gebeugt, und schütten das Loch zu. Als die benachbarte Bestattung zu Ende ist, kommen Leute herüber.

          Bis zu 200 Beerdigungsgäste sind unter Muslimen üblich, gilt die Teilnahme doch als Zeichen des Respekts gegenüber Toten und deren Familien. Auf Friedhöfen entstehen Konflikte meistens aus logistischen Gründen. „Das stellt schon Verzögerungen dar, bis all die Gäste aus der Trauerhalle raus sind“, sagt Kuhnen. „Wenn man stattdessen auf den Gräbern steht, ist da eine große Menschenmenge versammelt.“ Natürlich könne es da mal lauter werden.

          Nicht zu viel Schnickschnack

          Die Berliner Frauen trösten sich nur flüsternd oder wissen nicht, wohin mit ihrem Schmerz. Eine von ihnen hat einen durchsichtig-seidenen Schleier lose über ihr Haar geworfen, eher zur Dekoration als zur Verhüllung. Sie wischt sich Tränen aus dem Gesicht, sofort kommen neue nach. Um die Hände bei dieser Kälte in den Manteltaschen verstauen zu können, legt die junge Angehörige ihre Rose einfach auf ein fremdes Grab. Den Fuß stellt sie auf einem Granitstein ab, unter dem eine gewisse Familie Fritz in Frieden ruhen soll, wie die Muslima unter ihrer Schuhsohle lesen könnte.

          Eine Viertelstunde vergeht, bis das 170 Zentimeter tiefe Loch zugeschaufelt ist. Die Männer stellen sich abseits auf einen Pfad, die Frauen kommen nach vorn. Nach ihrem zeremonielosen Abschied stecken 29 Rosen auf dem Grab, in Rot, Weiß und Gelb, als würden sie krumm aus der unordentlichen Erde wachsen. Dazu statt eines Steins nur ein Holzpflock mit Geburts- und Sterbedatum sowie einem libanesischen Namen. Zu viel Schnickschnack verachten manche Muslime als Gotteslästerung. Dass gleich nebenan Christen liegen, was die Beisetzung zunächst bedroht hatte, damit hat man sich am Ende abgefunden.

          Kleinere Kommunen sind oft überfordert

          Ganz ohne christliche Nachbarn werden Muslime in zwei Jahren ruhen können. Dann soll in Wuppertal der erste islamische Friedhof Deutschlands eröffnen – auf 20000 Quadratmetern, mit ewigem Ruherecht. Das erscheint wie ein großer Schritt, ist aber tatsächlich nur ein kleiner: Weiterhin dürfen nur Körperschaften öffentlichen Rechts Friedhöfe betreiben; im Falle Nordrhein-Westfalens kann durch eine Gesetzesänderung von 2014 die Trägerschaft an Dritte geliehen werden. „Der Friedhof gehört also nicht den Muslimen“, erläutert Kuhnen. „Sie können nicht einfach ein Grundstück kaufen und sagen: Hier bauen wir. Er wird nur von ihnen verwaltet.“ Trotzdem schreiben die Lokalzeitungen von Vorbehalten. „Wir haben eine Terrasse, und der Zaun ist die einzige Abgrenzung. Ich schaue dann direkt auf den Friedhof und die Trauerhalle“, zitiert das „Solinger Tageblatt“ eine „etwas geschockte“ Anwohnerin. Nichtislamische Nachbarn gibt es also doch, und dass diese noch lebendig sind, macht die Sache nicht einfacher.

          Was man nicht vergessen darf: Nicht jeder Ort in Deutschland ist Berlin. Gerade in kleinen Kommunen, in denen Migration die Ausnahme bleibt, fühlen sich Verwaltungen unsicher bis überfordert. Wenn Familien zum Trauern lieber viele Kilometer weit fahren, statt Angehörige auf den christlichen Grabfeldern im Wohnort beerdigen zu lassen, ist man erleichtert. Flüchtlinge, die in Ludwigslust und Greifswald leben, werden aus Mangel an Alternativen von Bestatter Karayel in Berlin beigesetzt, zwei Stunden entfernt von ihren Hinterbliebenen an einem Ort, zu dem sie keinerlei Verbindung haben. Anderswo in Deutschland wurden extra Felder für Muslime eingerichtet, als Gesten der Offenheit. Doch es kommt häufig vor, dass sie leer bleiben. Niemand möchte dort seine letzte Ruhe finden.

          Friedhofsmitarbeiter können positiv berichten

          Am Ende des Januartages, an dem Karayel gleich zwei trauernde Familien begleitet hat, bleiben nur die Friedhofsmitarbeiter in der Kälte zurück: ein Berliner, silberner Ohrring und Käppi, sowie sein älterer Kollege mit tiefen Furchen im Gesicht. Die beiden machen sich wieder an die Arbeit. Sie mögen es, erzählen sie, wie herzlich die Trauernden mit ihnen umgehen. Dass sie die Gräber nicht selbst zuschütten müssen, weil die Muslime ihnen die Arbeit abnehmen. Darüber, wie ein Besucher sie neulich bekehren wollte und den Einwand, ihre Frauen wären von einer Konversion nicht begeistert, abschmetterte mit dem Satz: „Die Frau hat nichts zu sagen“ – ja, darüber lachen sie einfach. „Wir müssen jetzt wieder“, sagen sie dann. Zurück zum Bagger, um ein Loch auszuheben für den nächsten Toten.

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