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Bertrand Cantat : Wer hört auf einen gefallenen Helden?

Trügerisch: Bertrand Cantat und Marie Trintignant 2003 in Vilnius. Drei Tage später liegt sie im Koma. Bild: Foto Laif

Bertrand Cantat, der vor zehn Jahren die Schauspielerin Marie Trintignant tötete, singt wieder. Die Fortsetzung seiner Karriere ist in Frankreich umstritten.

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          Die Bartstoppeln an seinem Kinn sind ergraut, aber die Stimme ist die selbe geblieben. Vor zehn Jahren hat Bertrand Cantat seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Marie Trintignant, in einem Hotelzimmer in Vilnius erschlagen – jetzt ruft er sich den Franzosen mit einem Soloalbum in Erinnerung. „Droit dans le soleil“ heißt das am Montag vorgestellte Lied, in dem er wortreich besingt, wie schwer es ihm falle, „aufrecht in die Sonne“ zu blicken. Jeden Tag, singt er begleitet nur von dem Bassisten Pascal Humbert, kehre die Szene zurück – welche, das überlässt er der Phantasie des Zuhörers.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          „Wie ein Raubtier in der Arena“, beschreibt sich der 49 Jahre alte Sänger der früheren Kultband Noir Désir (Schwarzes Begehren). „Ich gebe nicht auf, ich versuche, aufrecht in die Sonne zu blicken!“, singt er. Ausgerechnet zum internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen am 25. November wollte Cantats Plattenfirma Barclay das gesamte Album auf den Markt bringen. Doch nach ersten Protesten kommt die CD jetzt eine Woche früher in die Geschäfte. In Frankreich wird über einen Boykott diskutiert. Darf einer, der wegen Totschlags verurteilt wurde, zurück ins Rampenlicht? Die Zeitung „Le Parisien“ gab sogar eine Umfrage in Auftrag. 59 Prozent äußerten, dass es „normal ist, dass er nach Verbüßung seiner Strafe seine Sängerkarriere wieder aufnimmt“. 67 Prozent gaben an, dass sie aus moralischen Gründen keine CD kaufen würden.

          „Er nennt diesen Albtraum Liebe“

          Immer neue Einzelheiten aus dem Privatleben Cantats haben die Franzosen verstört. In ihrem kürzlich veröffentlichten Buch „Amour à mort“ (etwa: tödliche Liebe) haben die Autoren Stéphane Bouchet und Frédéric Vézard die Umstände des Suizids von Cantats Ehefrau Kristina Rady aufgedeckt. Die aus Ungarn stammende Französin lebte vor seiner Liaison mit Marie Trintignant mit dem Sänger zusammen, das zweite gemeinsame Kind brachte sie zur Welt, als Cantat schon zu seiner Geliebten gezogen war. Während der Gerichtsverhandlungen verteidigte Kristina Rady ihren Mann als besonders sanftmütig und zu keinerlei Gewalt fähig. Das war einer der Gründe, warum Cantat nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags verurteilt wurde. Nach seiner vorzeitigen Haftentlassung 2007 kehrte Cantat zu Rady und den beiden gemeinsamen Kindern zurück. In einer telefonischen Nachricht an ihre Eltern schilderte Rady kurz vor ihrem Suizid im Januar 2010 Cantat als gewalttätigen, unberechenbaren Psychopaten. Ihr Leben sei eine Hölle. „Er nennt diesen Albtraum Liebe.“ Sie beklagte sich über Schläge, beinahe habe sie ein Auge verloren, „aber das ist nichts, solange ich noch sprechen kann“. Wenig später erhängte sie sich.

          Auch von den Mitgliedern seiner Band Noir Désir, die er zum Teil noch aus der Schulzeit kannte, entfremdete sich Cantat. Im November 2010 löste sie sich auf, nachdem sich der Gitarrist Serge Teyssot-Gay wegen „emotionaler Meinungsverschiedenheiten sowohl menschlicher als auch musikalischer Art“ verabschiedet hatte. Détroit hat Cantat seine neue Band getauft. Er will sich als gefallener Held neu erfinden. „Die Hölle ist so kurzsichtig wie der Himmel. Schau ganz aufrecht in die Sonne“, singt er.

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