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„Exclamo“ : Schüler entwickeln App gegen Mobbing

Auch online wird gemobbt – insgesamt holt sich nur jeder Dritte Betroffene Hilfe Bild: dpa

Sich bei Mobbing an einen Lehrer zu wenden, kostet Mut – zu viel Mut, finden drei Schüler aus Berlin. Mit einer App wollen sie es Betroffenen einfacher machen.

          Jeder sechste Schüler im Alter von 15 Jahren war schon mal Opfer von Mobbing, doch nur jeder Dritte Betroffene holt sich Hilfe. Diese Zahlen aus der PISA-Studie 2016 kennen auch die 16 und 17 Jahren alten Berliner Schüler Julius de Gruyter, Kai Lanz und Jan Wilhelm. Mit ihrer App „exclamo“ – lateinisch für „Aufschrei“ – wollen sie Betroffenen deshalb mit einem niederschwelligen Angebot ermöglichen, Vorfälle zu melden.

          Julia Anton

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Mit der App können Betroffene sich zunächst anonym an ihre Lehrer wenden und ihnen Nachrichten schicken. „So soll erstmal Vertrauen aufgebaut werden“, erklärt de Gruyter. Jeder Schüler könne dann selbst entscheiden, wann er die Anonymität aufgeben möchte. In einem Mobbing-Tagebuch können Betroffene zudem die Vorfälle sammeln und dokumentieren, um später die Aufklärung zu erleichtern. Die App bietet außerdem die Möglichkeit, sich an die „Nummer gegen Kummer“ und andere Experten zu wenden, bald soll noch Hilfsmaterial von einem Psychologen dazu kommen.

          Hinter dem Ganzen steckt auch ein Geschäftsmodell: Schulen müssen eine jährliche Lizenz für „Exclamo“ erwerben, der Preis berechnet sich nach Anzahl der Lehrer und Schüler. „Das ist natürlich zunächst ein Angebot, das sich vor allem Privatschulen leisten können“, räumt de Gruyter ein. Die Gruppe hofft deshalb, dass bei staatlichen Schulen die Kommunen ihre App fördern werden.

          Entwickler: Jan Wilhelm, Julius de Gruyter, Kai Lanz

          Die Idee zu der App entstand bei dem Schulprojekt „Business@school“, bei dem Schüler ermutigt werden, Geschäftsideen zu entwickeln. „Exclamo“ wurde mit dem Social-Enterpreneur-Preis 2018 ausgezeichnet. Damals war die Gruppe allerdings noch in anderer Besetzung. Da die Zwölftklässler sich derzeit auf ihr Abitur vorbereiten, haben de Gruyter und Wilhelm die Aufgaben von einigen ursprünglichen Mitgliedern übernommen, nur Lanz war von Beginn an dabei.

          Etwa sieben bis acht Stunden pro Woche arbeitet jeder von ihnen neben der Schule an „Exclamo“, schätzt de Gruyter. Er und Lanz kümmern sich um die Finanzen, die Teilnahme an Konferenzen und Social Media. Wilhelm, der die App programmiert, hat phasenweise sogar noch mehr zu tun. Aktuell arbeiten die drei auf einen Beta-Test hin: Ab dem zweiten Halbjahr soll die App an zwei Schulen getestet werden, eine davon ist in Frankfurt. „Wir hoffen noch drei weitere Testschulen zu finden“, sagt de Gruyter, denn die Gruppe erhofft sich so viel Feedback wie möglich.

          Sie selbst hätten bislang keine Erfahrungen mit Mobbing gemacht, erzählt de Gruyter. Ein Freund von ihnen, der eine andere Schule besucht, jedoch schon. „Das hat ihn sehr mitgenommen“, sagt der angehende Unternehmer. Er ist überzeugt: Mit einem Angebot wie „Exclamo“ wäre es seinem Freund leichter gefallen, sich Hilfe zu suchen.

          Parallel zu den Vorbereitungen für die Testphase haben die Schüler ein Crowdfunding für ihr Projekt gestartet. Denn sie würden gerne ein Unternehmen gründen, einen Server mieten und einen Entwickler bezahlen, der das Design ihrer App optimiert und sie bei der Programmierung für die gängigen Betriebssysteme iOS und Android unterstützt. Derzeit läuft ihre App nämlich nur als Progressive Web App, ist also über den Browser abrufbar. Im Idealfall wollen die drei dann nach dem Abitur in Teil- oder Vollzeit an „Exclamo“ weiterarbeiten, ein Büro mieten und sich vielleicht sogar ihren Lebensunterhalt finanzieren.

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