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Berlin im Wandel : Unser Laden darf nicht sterben

Familie Caliskan vor ihrem Gemüseladen in der Kreuzberger Wrangelstraße. Bild: Matthias Luedecke

Gut betuchte Neu-Berliner verändern das Gesicht der Hauptstadt. Die Gegner dieser Entwicklung treibt es zuletzt immer häufiger auf die Straße. Gerade zogen sie für einen kleinen Gemüseladen in den Krieg.

          3 Min.

          Die Schlacht um Bizim Bakkal ist gewonnen, aber der Krieg in Kreuzberg tobt weiter. „Töte den Investor in dir“ prangt in riesigen schwarzen Lettern auf einer Häuserwand. „Wir sind diese Straße – Bizim Kiez“ steht auf Plakaten, die an Wänden und in Schaufenstern von Bäckern, Friseuren und Cafés hängen. Der Mann, um den es geht, Ahmet Caliskan, Besitzer des Gemüseladens Bizim Bakkal, wirkt wie ein Kriegsversehrter: Mit beiden Armen stützt er sich auf dem Tresen ab, seine Stimme ist gebrochen: „Ich will nicht mehr kämpfen.“

          Leonie Feuerbach
          Redakteurin in der Politik.

          Der Fünfundfünfzigjährige, der älter aussieht mit seinem weißen Haarkranz, den buschigen schwarzen Augenbrauen und dem grauen Stoppelbart, führt den Gemüseladen seit fast 30 Jahren. Er hat ihn von seinem Vater übernommen, mit dem er im Alter von 14 Jahren aus der Türkei nach Deutschland kam; seine Frau hilft ihm. Im Februar kündigte ihm der neue Hauseigentümer, der das Haus sanieren und Eigentumswohnungen daraus machen will. Das schob eine ungeahnte Welle der Solidarität an.

          Politiker und Künstler unterstützen Ladenbesitzer

          Bizim Bakkal heißt übersetzt so viel wie „unser Laden“. Die Gäste, die hier Zucchini, Paprika-Schafskäse-Creme und Oliven kaufen, empfinden es genau so. Auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe und der Grüne Baustadtrat von Kreuzberg, Hans Panhoff, haben sich für Caliskan ausgesprochen. Zu einer Kundgebung und Lesung am vergangenen Mittwoch kamen die Schriftsteller David Wagner, Jan Brandt und Annika Reich.

          An diesem Tag war ein Gespräch zwischen den Anwälten Caliskans und der Hauseigentümerin, der Wrangelstraße 77 GmbH, ergebnislos verlaufen. Erst danach teilten die Medienanwälte der Eigentümerin mit, sie ziehe die Kündigung zurück. „Die Situation ist trotzdem unsicher“, sagt Caliskan. Mehr dürfe er nicht sagen, eigentlich gar keine Interviews geben. Die Nachbarschaftsinitiative Bizim Kiez, die für Caliskan den Anwalt organisiert hat, vermutet, ihm könne wieder gekündigt werden, wenn sich der Rummel legt. Denn selbst unbefristete Gewerbe-Mietverträge erlauben jederzeit eine Kündigung mit sechsmonatiger Frist.

          Ahmet Caliskan hätte gerne einen sicheren Vertrag, in dem auch sein Sohn steht. Denn er selbst ist gesundheitlich angegriffen und weiß nicht, wie lange er noch täglich mitten in der Nacht aufstehen und zum Großhandel fahren kann, um dann nach einer kurzen Pause bis zum Abend im Laden zu stehen. Die vergangenen Monate haben ihm Kraft geraubt. Doch wenn er von den Menschen erzählt, die für ihn auf die Straße gehen und Plakate drucken, hellt sich sein Gesicht auf. Die Mieten in Kreuzberg seien in den vergangenen Jahren stark gestiegen: „Wir waren der letzte Tropfen“, sagt er in holprigem Deutsch. So erklärt er sich die Unterstützung.

          In Kreuzberg gibt es immer öfter letzte Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen. Regelmäßig wird gegen die Gentrifizierung protestiert. Vor drei Wochen verhinderte ein linkes Bündnis eine Zwangsräumung in einer Querstraße der Wrangelstraße, auf der sich Bizim Bakkal befindet.

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          Die meisten Kunden sind Deutsche

          Der Wrangelkiez, das sind einige Straßenzüge im Herzen Kreuzbergs zwischen Skalitzer Straße, Görlitzer Park, Spree und Landwehrkanal. Kreuzberg gilt oft als Migrantenviertel. Aber die meisten Kunden, die zwei Tage nach der Rücknahme der Kündigung zum Einkaufen kommen, sind Deutsche. Das war nicht immer so. In die Altbauten, die im Krieg erhalten blieben, aber verfielen, als der Bezirk nach dem Mauerbau West-Berliner Randgebiet geworden war, zogen vor allem Arbeitsmigranten. 1970 hatte jeder fünfte Kreuzberger einen ausländischen Pass. Mit dem Mauerfall kamen Künstler und Kreative, später Studenten, dann junge Familien.

          Gemeinsam gestalteten sie den lebendigen Wrangelkiez, der seit einem Jahrzehnt zunehmend besser betuchte Neu-Berliner anlockt. Neben den viel gescholtenen Immobilienhaien investierten auch sie in Zeiten der Eurokrise lieber in Kreuzberger Altbauwohnungen als in Frankfurter Aktienfonds. Die Gebäude werden saniert, die Preise steigen, die soziale Homogenisierung schreitet voran. Oft haben somit diejenigen, die in diesen Wochen für den Erhalt von Bizim Bakkal protestieren, zur Gentrifizierung des Viertels beigetragen. In Kreuzberg, wo Protest spätestens seit der Hausbesetzerszene in den achtziger Jahren ein Lebensgefühl ist, sind die Rollen zwischen gut und böse dennoch klar verteilt.

          Die letzte Schlacht in diesem Krieg verloren die Kreuzberger: Die von Kreativen und Obdachlosen besetzte Cuvrybrache, nur eine Straßenecke von Bizim Bakkal entfernt, wurde im vergangenen Sommer geräumt und mit einem Zaun gesichert. Dort sollen jetzt Wohnungen mit Spreeblick entstehen. Die Unterstützer riefen die Brache damals zur „letzten Freifläche Berlins“ aus: „Free Cuvry!“

          Heute heißt es, Bizim Bakkal sei der „letzte familiengeführte Gemüseladen“ im Viertel. Der Slogan dazu: „Je suis Bizim Bakkal“. Er steht auf einem Banner, das an dem Burgerladen gegenüber hängt. Doch die Cuvrybrache, auf der 150 Menschen ohne Toiletten hausten, stellte die Solidarität der Anwohner oft auf die Probe. Den Gemüsehändler Caliskan hingegen mögen sie alle im Wrangelkiez. Wenn er milde sagt, wie froh er sei, dass die Eigentümer ihm entgegen gekommen seien, dann kann man es ihnen nicht verdenken. Am Mittwoch soll die nächste Solidaritätskundgebung stattfinden.

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