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Berlins Tourismus boomt : „Wir werden Paris einholen“

  • -Aktualisiert am

Say Cheese: Das Brandenburger Tor ist Teil des „Gesamtkunstwerks Berlin“ Bild: dpa

Noch nie strömten mehr Besucher in die deutsche Hauptstadt. Das ist Rang drei in Europa, nach London und Paris. Doch der Rekord wirft auch Schatten.

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          Berlin liefert gegenwärtig auch im Tourismus viele gute Zahlen. „Wir haben wirklich eine sehr glückliche Phase“, sagt Burkhard Kieker, der Geschäftsführer von „Visit Berlin“. Und Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) konnte am Mittwoch zufrieden mitteilen, dass im ersten Halbjahr 2015 „das Rekordergebnis von 2014 übertroffen“ wurde. Es kamen 5,8 Millionen Besucher (plus 4,9 Prozent). Im internationalen Vergleich liege Berlin nach London und Paris auf dem dritten Platz: „Wir werden Paris schon noch einholen!“

          Spektakuläre Zuwachsraten brachten im Juni Besucher aus den arabischen Golfstaaten (plus 68,5 Prozent im Vergleich zu Juni 2014), China (60 Prozent) und Brasilien (55 Prozent). Wie man ein allgemeines Interesse stärken kann, könne man an einer von „Visit Berlin“ geförderten Fernsehserie sehen, die an allen 30 Tagen des Ramadans die Erlebnisse einiger Studenten in Berlin schilderte: Die meisten arabischen Besucher in Berliner Hotels kannten sie.

          Die Mehrzahl der Berliner freut sich, dass die Stadt inzwischen auch für Besucher attraktiv ist. 88 Prozent, das zeigt eine Umfrage, heißen Touristen willkommen. Nur in Kreuzberg-Friedrichshain, wo in den vergangenen Jahren eine Art Ballermann-Tourismus gedieh, sei die Akzeptanz geringer: 67 Prozent. Doch habe sich gezeigt, so Kieker, dass etwa im Wrangelkiez, der eine rasche Entwicklung vom stützungsbedürftigen Problemquartier zur Ausgehmeile genommen hat, die Besucher vornehmlich Berliner sind.

          Man müsse einiges unternehmen, um die Akzeptanz von Tourismus zu erhalten, sagte Yzer. So habe man an besonders belasteten Orten die Reinigungszyklen verkürzt, so werde – mit Geld aus der City-Tax – systematisch untersucht, welche lohnenden Ziele in den zentrumsferneren Bezirken der touristischen Aufmerksamkeit wert wären. Berlin sei nicht in erster Linie eine „Junggesellen-Saufdestination“, sagte Kieker. Berlin sei als „Gesamtkunstwerk“ attraktiv, Besucher suchten die besondere Atmosphäre, das Authentische. Mit Pantomime auf Gäste zuzugehen, die in Friedrichshain lärmige Partys feierten, diene vor allem dem Zweck, ein Bewusstsein für die unerwünschten Nebenwirkungen touristischen Erfolgs zu schaffen. Ein „Allheilmittel“ gegen dessen Schattenseiten kenne er nicht. Köln und Düsseldorf hätten immerhin die „Bier-Bikes“ verboten; die in Berlin zuständigen Bezirksverwaltungen schafften das vielleicht auch noch. Es sei falsch, „die Dinge laufen zu lassen“.

          17.000 illegale Ferienwohnungen in Berlin

          Stephan von Dassel, Stadtrat in Mitte, hat kürzlich Zahlen zu Ferienwohnungen vorgelegt. Die hätten auch Tourismus-Profis überrascht, sagte Kieker. 6000 angemeldete Ferienwohnungen gibt es – und 17.000 illegale: So viele brauche Berlin nicht. Nach Ablauf der Übergangsfrist im nächsten Jahr, so Yzer, werde man sehen können, wie sich das Verbot der Zweckentfremdung von Wohnraum auswirke.

          Berliner Flair, die Zeitgeschichte – Brandenburger Tor, Reichstag, Gedenkstätte Berliner Mauer – und die Kultur sind die Hauptattraktionen. Wie Berlin mit seiner Geschichte, auch mit den verbrecherischen Teilen davon, umgehe, „gefällt vielen“, sagte Kieker. Sein Unternehmen arbeitet daran, einen am Thema Freiheit und Freiheitskampf orientierten Zugang zur Stadt zu erarbeiten.

          Berlin-Besucher seien häufig gebildete Menschen, sagte Kieker. Sie sind auch älter, als man annehmen könnte, wenn man die Teenagergruppen mit ihren Rollkoffern den Hostels entgegenstreben sieht und hört: Die deutschen Berlin-Besucher sind im Durchschnitt knapp 43 Jahre alt, die amerikanischen, die ältesten, sind 45, und die jüngsten, die Schweizer, 35 Jahre alt. Die nächsten großen Daten des Berlin-Tourismus sind das Luther-Jahr und die Internationale Gartenausstellung in Marzahns „Gärten der Welt“ 2017 und das Bauhaus-Jubiläum 2019.

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          Ein städtebauliches, kulturpolitisches und touristisches Sorgenkind ist das Kulturforum nahe dem Potsdamer Platz. Nun wurde auch noch die Neue Nationalgalerie zur Sanierung geschlossen, so dass es dort eine Attraktion weniger gibt – und der Blick frei über die Betonfläche samt vernachlässigter Grasfläche schweift. Die Gemäldegalerie, Sitz einer bedeutenden Sammlung, hatte seit ihrer Eröffnung 1998 schlechte Besucherzahlen. Nach einiger Zeit der Suche nach einem „diplomatischen Satz“ zum nicht absehbaren Ende des Elends am Kulturforum, sagte Kieker: „Wir helfen gern dabei.“

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