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Amoklauf bei „Batman“-Premiere : Dem Massenmörder entkommen

  • -Aktualisiert am

Nach außen stark: Marcus Weaver hat sich gleich nach dem Anschlag wieder in einer gemeinnützigen Einrichtung um Obdachlose gekümmert. Bild: Getty

Vor fünf Jahren tötete James Holmes bei einer „Batman“-Premiere zwölf Personen. Marcus Weaver überlebte damals schwer verletzt. Heute hat er zurück ins Leben gefunden – und gelernt zu vergessen.

          Das Wort „Schießerei“ kommt Marcus Weaver bis heute nicht über die Lippen. Wenn der Amerikaner über den Anschlag am 20. Juli 2012 spricht, nennt er ihn „die Nacht im Kino“. Damals stürmte der frühere Student James Holmes während der nächtlichen Premiere des Films „Batman – The Dark Knight Rises“ schwerbewaffnet einen Kinosaal in Aurora, einem Vorort von Denver. Zwölf Personen kamen ums Leben, weitere 70 wurden verletzt. Einer der Verletzten war Marcus Weaver. Bis der Terrorist Omar Mateen im Sommer 2016 in einem Nachtclub in Orlando 49 Menschen tötete und fast 60 Partygänger durch Schüsse verletzte, blieb Holmes’ Verbrechen der verheerendste Anschlag mit Schusswaffen in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

          „Die Nacht im Kino hat Aurora stärker gemacht, mich aber auch“, sagt Weaver. Der Sechsundvierzigjährige zieht den Ärmel seines Hemdes hoch, um die vernarbten Schusswunden an seiner rechten Schulter zu zeigen. Auch ohne die blauroten Flecken holt die Schießerei ihn jeden Tag aufs Neue ein. „Ich habe in den vergangenen fünf Jahren viel über Wut, Trauer und die Erwartungen vieler Mitmenschen gelernt“, sagt Weaver. „Die Nacht im Kino hat meinem Leben eine andere Richtung gegeben. Auch wegen Rebecca.“

          Wie der Sozialarbeiter am Esstisch seines Hauses erzählt, lernte er die Einunddreißigjährige ein paar Wochen vor dem Anschlag durch das Internet kennen. „Wir tauschten uns über Religion und unsere Familiengeschichte aus. Uns beide schien viel zu verbinden.“ Da Rebecca Wingo noch nie einen Film der „Batman“-Saga gesehen hatte, schlug Weaver vor, gemeinsam die Premiere der Episode „The Dark Knight Rises“ im Kino Century 16 wenige Kilometer von seinem Haus entfernt zu besuchen. „Sie rief mich kurz vor 19 Uhr an, um mich zu erinnern, die Tickets für die Vorstellung um Mitternacht zu kaufen“, erinnert sich Weaver. Als die beiden ein paar Stunden später das Kino erreichten, trafen sie im Foyer auf kostümierte „Batman“-Fans und einige Bekannte. „Mein Freund Pierce war da und Kaylan mit ihrer Kusine, die ich aus der Kirche kannte.“ Die Polizeibeamten, die zum Schutz vor Querelen rivalisierender Jugendbanden an Wochenenden wie üblich vor dem Kino präsent waren, waren nicht zu sehen.

          Zuerst dachten alle an ein Rahmenprogramm

          Weaver saß mit Wingo in der fünften Reihe, als kurz nach Beginn des Films ein Zischen laut wurde. Innerhalb weniger Sekunden füllte sich der Kinosaal mit Rauch, dann fielen die ersten Schüsse. Wie Ermittlungen später zeigten, hatte Holmes zwei selbstgebaute Bomben mit Tränengas geworfen. „Zu Beginn dachte ich, das sei das Rahmenprogramm für die Premiere. Ein paar Spezialeffekte, um das Publikum auf den Film einzustimmen.“ Zwei Wochen zuvor hatte der Bundesstaat Colorado aus Angst vor Flächenbränden die meisten der traditionellen Feuerwerke zur Feier des amerikanischen Unabhängigkeitstages abgesagt. „Viele Besucher dachten, das sei eine Art Wiedergutmachung.“ Vor der Leinwand tauchte dann plötzlich die Silhouette eines maskierten Manns auf, der ein Gewehr in den Händen hielt. „Er sah aus wie ein Monster. In aller Ruhe schoss er auf das Publikum, Reihe für Reihe, Sessel für Sessel.“

          Nach einigen Sekunden wurde Weaver bewusst, dass der Unbekannte mit den schwarzen Kontaktlinsen und den rot gefärbten Haaren nicht zu den Showeinlagen der Premiere gehörte. Er hörte, wie Kinogänger in ihren Sitzen von Kugeln getroffen wurden. „Ich wusste instinktiv, dass ich mich auf den Boden legen musste, um zu überleben.“ Die Tatortfotos, die der Staatsanwalt den Geschworenen während Holmes’ Mordprozesses drei Jahre später vorlegte, zeigten fünf Einschusslöcher in Weavers Sessel.

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