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Bergsteiger Norman Dyhrenfurth : Abenteuerlust ist etwas anderes

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Hinter der Kamera: Norman Dyhrenfurth 1952 während der zweiten Schweizer Expedition im Himalaja. Bild: picture alliance / dpa

Norman Dyhrenfurth, der heute 95 wird, leitete vor 60 Jahren die amerikanische Everest-Expedition. Er war einer der Bergsteiger, die den höchsten Berg der Welt zum ersten Mal überschreiten konnten. Ein Treffen in Salzburg.

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          Die Idee war verwegen. Zehn Jahre waren vergangen, seit zum ersten Mal ein Mensch seinen Fuß auf den Gipfel des Mount Everest gesetzt hatte. Und mit der Shishapangma gab es 1963 nur noch einen Achttausender, dessen Erstbesteigung noch ausstand. Doch die hatten sich die Chinesen vorbehalten - 1964 gelang es ihnen.

          Wer Anfang der sechziger Jahre in die Himalaja-Geschichte eingehen wollte, der musste mehr tun, als auf einen Achttausender zu klettern. Der musste ihn zum Beispiel überschreiten, also auf einer Route hinaufklettern und auf einer anderen wieder absteigen - eine so revolutionäre wie wahnsinnige Idee. Kennen die Bergsteiger weder die Route für den Aufstieg noch die für den Abstieg, kann das zu einem Himmelfahrtskommando werden.

          Norman Dyhrenfurth, der an diesem Dienstag 95 Jahre alt wird, wollte gleich den höchsten Berg der Welt überschreiten. Und es gelang ihm wirklich, 1963, mit der amerikanischen Everest-Expedition.

          Universitätsprofessor im Ruhestand

          Was ist das für ein Mensch, der einen so kühnen Plan ausheckt? Besuch bei Norman Dyhrenfurth in Salzburg. Gerne dürfe man vorbeikommen, am besten am Vormittag, am Abend habe er schon eine Verabredung, schreibt er per Mail. Wenn alpinistischer Sachverstand gefragt ist, tritt er noch immer in Talkshows auf und gibt Interviews. Erst vor wenigen Tagen ist er aus Amerika zurückgekehrt. Der American Alpine Club hatte die noch lebenden Mitglieder der Everest-Expedition und deren Familien nach Kalifornien eingeladen.

          „Vierter Stock“ tönt es aus der Sprechanlage. Ein Surren, die Tür öffnet sich, da steht er. Norman Dyhrenfurth, 1918 in Breslau geboren, Universitätsprofessor im Ruhestand, Filmemacher, Bergsteiger, Expeditionsleiter. Sein Alter sieht man ihm nicht an. Das volle Haar hat er wie auf früheren Fotos nach hinten gekämmt. Sein Blick ist klar, die Stimme fest. Nur auf Berge kann er nicht mehr steigen. Ob ihm das schwer falle? „So ist das Leben.“

          Mit den Antworten macht er es sich nicht leicht. Sie beginnen mit: „Da muss ich etwas weiter ausholen“. Und er hat viel zu erzählen. Von der zweiten schweizerischen Mount-Everest-Expedition im Herbst 1952, bei der er, der Professor für Film an der University of California in Los Angeles, in dessen Vorlesung auch Marilyn Monroe saß, verantwortlich war für Film und Fotografie. Von der Expedition zum Lhotse, die er 1955 leitete. Von der Expedition, die sich 1958 auf die Suche nach dem Yeti machte. Von der schweizerischen Expedition zum Dhaulagiri, deren bergsteigender Filmmann er 1960 war. Von den Freunden, die er am Berg verloren hat. Von der Arbeit mit Clint Eastwood und Fred Zinneman.

          Dyhrenfurth kommt aus einer Bergsteiger-Familie

          Für seinen kühnen Plan brauchte es vor allem Pioniergeist. Den bekam Norman Dyhrenfurth in früher Kindheit mit. Der Großvater war Mitbegründer der Alpenvereins-Sektion Breslau. Norman Dyhrenfurth war noch nicht geboren, da plante sein Vater Günter schon eine Expedition zum Kangchendzönga (8586 Meter). Der Erste Weltkrieg verhinderte das. 1930 und 1934 leitete er dann zwei Expeditionen in den Himalaja und in den Karakorum. Die Mutter Hettie hielt 20 Jahre lang den Höhenrekord bei den Frauen. Am Seil ihres Mannes schaffte sie es bis auf 7315 Meter. Fünf Jahre war Norman Dyhrenfurth alt, da übersiedelte die Familie nach Salzburg, zwei Jahre später in die Schweiz. 1937 folgte Dyhrenfurth seiner Mutter in die Vereinigten Staaten. Ein paar Monate wollte er bleiben und als Skilehrer und Bergführer arbeiten. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs durchkreuzte die Rückkehrpläne. Die Schweizer Botschaft riet von der Überfahrt nach Europa ab. Ein Relikt dieser Zeit sind manche Wörter, die Dyhrenfurth mit einem unverkennbar amerikanischen Einschlag ausspricht. Seinen Vornamen zum Beispiel: Das „o“ etwas nasaler, das „a“ als „ä“. Erst 1970 kam Dyhrenfurth mit seiner Lebensgefährtin wieder ganz nach Europa zurück. Er habe noch immer die amerikanische Staatsbürgerschaft, sagt er. Aber eigentlich sei er Schweizer, auch wenn er seit vielen Jahren in Österreich lebe.

          In seinem Arbeitszimmer in Salzburg sitzt er wie der Archivar seines Lebens zwischen Büchern und Relikten einer vergangenen Zeit: seine Schneidemaschine mit Folie abgedeckt, damit sie nicht verstaubt, daneben das Matterhorn in Öl, der Dalai Lama auf Fotopapier, der Vater in Bronze. Im Regal liegen die Medaillen des Prix Olympique d’Alpinisme, die seine Eltern 1936 vom Internationalen Olympischen Komitee verliehen bekamen. Daneben die Hubbard-Medaille, die Präsident John F. Kennedy ihm und den Expeditionsmitgliedern zum Erfolg am Everest überreichte.

          Der Mount Everest: Seit Jahrzehnten zieht der höchste Berg der Welt die Menschen magisch an.
          Der Mount Everest: Seit Jahrzehnten zieht der höchste Berg der Welt die Menschen magisch an. : Bild: REUTERS

          Immer wieder die Everest-Expedition. Sie war aus der Not geboren. Dyhrenfurth stand Anfang der Sechziger nämlich ohne Arbeit da. Die Leitung der UCLA Film School hatte er schon 1952 zurückgegeben, nachdem er vom Everest zurück war. Er hatte auf die finanzielle Sicherheit eines Professors verzichtet, um in die Berge zu gehen und darüber Filme zu machen, die bei den großen Festivals gezeigt und ausgezeichnet wurden. Während er am Dhaulagiri war, wurde er bei seiner Fernsehshow „Expedition!“ von einem Tiefseetaucher als Moderator ersetzt. Andere Arbeit tat sich auch nicht auf. „Da entschloss ich mich, alles zu versuchen, um eine rein amerikanische Everest-Expedition zu organisieren.“ Der Everest war ein lang gehegter Traum. Norm Dyhrenfurth inserierte in den Magazinen der amerikanischen Bergsteigervereine und bat um Bewerbungen. Weil er wusste, dass Amerikaner sich von ihren Frauen von so einer Expedition abhalten lassen würden, wollte er auch ihre Frauen treffen. Deshalb besuchte er jeden einzelnen Bewerber zu Hause. „Anscheinend habe ich ein Talent, Frauen amerikanischer Expeditionsteilnehmer davon zu überzeugen, ihre Männer freizugeben“, sagt Dyhrenfurth. Noch ein halbes Jahrhundert später freut er sich über das Geschick des Charmeurs von damals.

          Mehr als zwei Jahre investierte er in die Vorbereitungen. Fast eine halbe Million Doller trug er zusammen. Den ersten Dollar, den er bekam, hat er noch heute. Er hängt in einem Rahmen rechts von der Eingangstür. 909 Träger waren nötig, um die 27 Tonnen Material und Ausrüstung ins Basislager zu schaffen. Es war die Zeit der übertrieben großen Expeditionen. Kein Vergleich zu heutigen Unternehmungen, die unter dem Stichwort „by fair means“ auf technische Unterstützung so weit wie möglich verzichten und die mit möglichst wenig Aufwand unterwegs sind.

          Der Everest als Event? „Das ist verrückt.“

          Es war ein Bergsteigen voller Leidenschaft. Die vermisst er bei den Massen, die sich auch in diesem Mai wieder am Mount Everest drängeln. „Das ist verrückt. 85000 Dollar zu bezahlen, um von Sherpas an Fix-Seilen so hoch wie möglich raufgezogen zu werden, das hat mit Bergsteigen nichts zu tun. Da ist keine Liebe für die Berge da“, sagt er bestimmt.

          Vor der Kamera: Norman Dyhrenfurth im Februar in Berkeley.
          Vor der Kamera: Norman Dyhrenfurth im Februar in Berkeley. : Bild: AP/dpa

          Damals war an Massenaufläufe nicht zu denken. Da war das Höhenbergsteigen zwar ein Wettlauf der Nationen - die Engländer am Everest, die Deutschen am Kangchendzönga, die Italiener am K2. Aber es war die Passion Einzelner. Die höchsten Gipfel waren Niemandsland. Die Anmarschwege, die damals von den Pionieren ausgekundschaftet wurden, werden heute von Trekkinggruppen zuhauf begangen.

          Nicht Abenteuerlust habe ihn getrieben, sagt Dyhrenfurth. „Das Wort in diesem Zusammenhang hasse ich. Diese Expeditionen waren kein Abenteuer. Da war immer alles sehr genau vorbereitet.“ Natürlich stößt die Planung in den Bergen an Grenzen. Sollte aber das Wetter passen und die Akklimatisation gut verlaufen, könne er sich vorstellen, dass einer am 1. Mai auf dem Gipfel stehe, notierte er Ende März in sein Tagebuch.

          Dyhrenfurth stieg bis auf 8700 Meter

          So sollte es kommen. Am 1. Mai 1963 hisste Jim Whittacker auf dem Gipfel des Mount Everest jene amerikanische Flagge, die vorher auf dem Kapitol geweht hatte. Dyhrenfurth selbst war an diesem Tag mit dem Sherpa Ang Dawa bis auf fast 8700 Meter aufgestiegen. Dieser Aufstieg sei das Highlight seines Bergsteigerlebens, sagt Dyhrenfurth. Der Höhepunkt, der höchste Punkt. Ob sie die letzten 150 Höhenmeter bis zum Gipfel nicht auch noch hätten schaffen können? „Der Preis erschien mir zu hoch. Am Gipfel wäre uns der Sauerstoff ausgegangen und der Tod durch Atemnot und Erschöpfung wäre nur eine Frage der Zeit gewesen“, sagt Dyhrenfurth, der zunächst davon ausgegangen war, höchstens auf den Südsattel zu klettern. Doch weil der zweite Kameramann, der eigentlich dafür vorgesehen war, ausfiel, stieg Dyhrenfurth selbst mit seiner schweren Kameraausrüstung auf, um bewegte Bilder mit nach Hause zu bringen. Daraus machte er einen spektakulären Film. Die National Geographic Society eröffnete ihr Fernsehprogramm 1965 mit Dyhrenfurths „Americans on Everest“.



          Die Expedition hatte ihr Ziel erreicht. Das erste Ziel. Denn da war ja noch Norman Dyhrenfurths Idee der Überschreitung. Schon bei seinem ersten Besuch bei Tom Hornbein in San Diego hatte Dyhrenfurth über diesen Traum gesprochen. Hornbein war zunächst zurückhaltend. Aber er trug die Idee weiter mit sich herum. Und wie Hornbein kürzlich sagte, war er gemeinsam mit Willi Unsoeld und Dick Emerson mehr und mehr davon überzeugt, man solle versuchen, über den Westgrat auf den Berg zu steigen, dort oben auf eine andere Seilschaft zu treffen, die über den Südsattel heraufgekommen war und mit ihnen auf dieser Route abzusteigen.

          So sollte es kommen. Am 22. Mai 1963 gelang Tom Hornbein, der heute in Colorado lebt und mit seinen 82 Jahren noch immer in höheren Schwierigkeitsgraden klettert, mit Willi Unsoeld, der 1979 in einer Lawine am Mount Rainier ums Leben kam, das schier Unmögliche. Sie erreichten den Gipfel des Mount Everest auf einer neuen Route. Über den Westgrat waren sie gekommen, in die Nordwand abgezweigt und durch eine steile Rinne, die in Erinnerung an den Routenfinder heute Hornbein-Couloir heißt, weiter Richtung Gipfel aufgestiegen, auf dem sie gegen 18.15 Uhr standen. Dann stiegen sie über den Südsattel ab - es war die erste Überschreitung des höchsten Berges der Welt.

          Nachfrage bei Elizabeth Hawley in Katmandu. 89 Jahre ist die Chronistin des Himalaya-Bergsteigens mittlerweile alt. Sie telegrafierte als erste die Überschreitung des Everest durch die amerikanische Expedition zu ihrer Redaktion. „Sie haben etwas vollkommen Wahnwitziges gemacht“, sagt sie. Für die immer kühl und distanziert wirkende Hawley ist das mehr als ein großes Lob. Nur 18 Bergsteigern ist es bislang gelungen, den Everest durch diese Rinne zu besteigen, so sagt es Hawleys Statistik. Auch heute noch, bei besseren Voraussetzungen durch bessere Ausrüstung und bessere Wetterprognosen, ist dieses Couloir eine echte Herausforderung. Eine der großen Taten des Alpinismus nannte Reinhold Messner die Überschreitung des Everest durch die Amerikaner einmal.

          Norman Dyhrenfurth hat ein neues Kapitel im Höhenbergsteigen aufgeschlagen. „Ein Wunschtraum, der Wirklichkeit wurde.“ So telegrafierte der Vater dem Sohn nach Nepal.

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