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Krieg um Bergkarabach : Mein armenischer Freund, der Krieg und der Tod

  • -Aktualisiert am

„Mach dir keine Sorgen, Engelchen, hier ist es nicht gefährlich“, schrieb Ashot von der Front an seine Frau Shushan. Bild: privat

Eine Erinnerung an einen Mann, der in einem Konflikt verstarb, von dem hierzulande kaum jemand etwas bemerkte – ganz weit draußen an Europas Rand.

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          Und übrigens, Ashot ist tot“, sagt Mikhail, ein Freund, den ich wegen der Pandemie-Beschränkungen lange nicht gesehen hatte. „Ach ja“, antworte ich. Um nach einer Weile nachzuhaken: „Wer war jetzt Ashot gleich noch mal?“

          „Ashot, der uns auf seine Party in Eriwan eingeladen hatte“, wird Mikhail jetzt konkreter. „Erinnerst du dich nicht? Am Ende seid ihr mit den Bobby-Cars der Kinder durch seinen Garten gefahren.“

          Aus dem Nebel des Vergessens tauchen diese Bilder von vor fast sechs Jahren wieder auf. Zusammen mit Mikhail und Tamara, Eltern eines Sohnes im gleichen Alter wie unser Jüngster, hatten wir im Sommerurlaub 2015 deren Heimat Armenien besucht. Es war ein großartiger Urlaub. Ashot, Mikhails Jugendfreund, hatte uns zu Ehren ein großes Fest gegeben, was in Armenien automatisch bedeutet, es wird fettig und hochprozentig.

          Und dann finde ich diese alten Fotos von Ashot, seiner blonden Frau Shushan und ihren drei kleinen Kinder. Und alles ist wieder da.

          „Er ist im Krieg gefallen“

          Sie bewirtschafteten damals einen kleinen Hof mit Ziegen und Schafen in dem Dorf Balahovit, in unmittelbarer Umgebung der armenischen Hauptstadt Eriwan. Die Tafel im Garten bog sich an jenem milden Juliabend unter den Speisen – Horovac, das sind Fleischspieße, Montapur, mit Hackfleisch gefüllte Teigtaschen, Dolma, in Weinblätter gerolltes Hackfleisch, Lavash, das traditionell im Erdofen gebackene Fladenbrot, dazu jede Menge Obst und Gemüse. Wer den langen Marsch durch Armeniens kulinarische Vielfalt antritt, lernt dieses Land kennen – und lieben.

          Schwere Geschütze: Artilleriefeuer im September 2020.
          Schwere Geschütze: Artilleriefeuer im September 2020. : Bild: AFP

          Wir waren eine lustige Runde: meine Frau Veronique, ich, unsere Jungs, Mikhail und Tamara, dazu deren Jugendfreunde Ashot, Sarkis, Levon mit Ehefrauen und Kindern. „Wer ist der berühmteste Armenier der Welt?“, fragte jemand in die Runde. Und jeder steuerte Namen bei. Mein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag „Kim Kardashian“ wurde mit allgemeinem Johlen quittiert. Besser kamen da schon Cher, die Tennislegende André Agassi, Artjom Mikojan, der Erfinder der MiG-Kampfflugzeuge, der russische Außenminister Sergej Lawrow, Charles Aznavour oder Aram Cha­tschaturjan an, der Komponist des „Säbeltanzes“. Nach jedem Namen tranken wir einen selbst gebrannten Wodka mit Maulbeer-Aroma. Der Abend gipfelte darin, dass wir Männer uns beschwipst aus dem Fuhrpark der Kinder bedienten und im Garten mit Dreirädern und Bobby-Cars ein Rennen veranstalteten.

          „Woran ist Ashot denn gestorben?“, fällt meiner Frau Veronique endlich zu fragen ein. „Er war doch erst 42?“

          „Er ist im Krieg gefallen“, gibt Mikhail sichtlich niedergeschlagen zurück.

          Und Veronique und ich sehen uns mit großen Augen an: Krieg, war da was?

          Der unbekannte Krieg

          Wenn Menschen im Alter von 42 Jahren sterben, kann das in unserer Zeit viele Ursachen haben: Da gibt es diese Pandemie, es gibt Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Verkehrsunfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen, Drogen . . . Aber Krieg? In Europa, selbst an dessen Peripherie, stirbt man im 21. Jahrhundert nicht im Krieg, war ich bis vor Kurzem überzeugt. „Im Krieg gefallen“, das klingt nach vorigem Jahrhundert, nach Dokumentationen von Guido Knopp, nach Omas Erzählungen am Kaffeetisch über das Schicksal ihres Lieblingsbruders Onkel Walter.

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