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Belgisches Königshaus : „Ein langer Albtraum geht zu Ende“

Der frühere belgische König Albert II. mit seiner Frau Königin Paolo Bild: dpa

51 Jahre nach deren Geburt hat der frühere belgische König Albert II. sich öffentlich dazu bekannt, der Vater einer unehelichen Tochter zu sein. Zuvor hatte ein Gericht einen DNA-Test angeordnet.

          3 Min.

          Monarchen haben oft uneheliche Kinder. Dennoch ging der frühere König der Belgier, Albert II., am Montagabend einen ungewöhnlichen Weg, um der Öffentlichkeit eine solche Vaterschaft anzuzeigen: Der 85 Jahre alte ehemalige Monarch ließ ein Kommuniqué seiner Anwälte verbreiten. Darin hieß es, „Seine Majestät“ habe vom Ergebnis eines DNA-Tests Kenntnis erlangt, dem er auf Bitte des Brüsseler Berufungsgerichts nachgekommen sei. „Die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen ergeben, dass Er der biologische Vater von Madame Delphine Boël ist.“ Das klang so, als habe der König erst des DNA-Abgleichs bedurft, um festzustellen, dass er die heute 51 Jahre alte Dame einst selbst gezeugt hatte.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          So war es gewiss nicht. Schon im Jahr 1999 hatte ein Biograph enthüllt, dass Albert zwischen 1966 und 1984 – lange bevor er 1993 den Thron bestieg – eine außereheliche Beziehung gehabt habe. Sie begann im siebten Jahr nach seiner Hochzeit mit der italienischen Prinzessin Paola. Die Geliebte stammte ebenfalls aus adeligem Geschlecht. Baronin Sybille de Sélys Longchamps lebte im Brüsseler Vorort Uccle und war mit dem Stahlmagnaten Jacques Boël verheiratet. Im Februar 1968 wurde Delphine geboren, kurz darauf wurde die Ehe der Boëls geschieden. Die Tochter wusste nicht, wer ihr tatsächlicher Vater war, aber der ging in ihrem Haus ein und aus. Sie nannte ihn „Papillon“ – „Schmetterling“. Mit dieser Widmung schickte er auch Geschenke aus dem Palast. Albert machte sich damals keine großen Hoffnungen, den Thron besteigen zu können. Auf ihm saß sein Bruder Baudouin, der bloß vier Jahre älter war. Doch König Baudouin starb 1993 plötzlich an Herzversagen – und Albert wurde der sechste König der Belgier.

          Tochter klagte nach Abdankung

          Delphine Boël erfuhr erst mit 18 Jahren von ihrer Mutter, wer ihr Vater war. Beide behielten das Geheimnis für sich, mit Rücksicht auf den König. Sie schwiegen sogar noch, als die Affäre erstmals in einer nicht autorisierten Biographie von Königin Paola erwähnt wurde. Albert II. ging indirekt darauf ein, als er in seiner Weihnachtsansprache eine Krise in seiner Ehe eingestand. In den schönen Worten des Königs: „Wenn einige, die heute auf ähnliche Probleme stoßen, aus unserer gelebten Erfahrung ein Motiv der Hoffnung gewinnen könnten, wären wir sehr glücklich darüber.“ Das wurde allgemein als Bestätigung der Enthüllung gewertet – doch folgte nichts daraus. Mit 40 Jahren schrieb Delphine Boël dann ein Buch über ihr Leben: „Die durchschnittene Nabelschnur“. Es mündete in eine bittere Anklage: „Egal ob du König bist oder Förster, du bist verantwortlich für dein Kind“, schrieb sie. „Man lässt es nicht fallen, aber genau das hat mein Vater getan.“

          Delphine Boël, Künstlerin aus Belgien, darf sich jetzt „von Sachsen-Coburg und Gotha“ nennen.

          Als Albert II. 2013 nach 20 Jahren Regentschaft den Thron seinem Sohn Philippe überließ, verlor er seine Immunität als Monarch. Delphine Boël reichte sogleich Klage ein, um seine Vaterschaft gerichtlich feststellen zu lassen. Sie untermauerte ihren Anspruch mit einem Gentest des damaligen Ehemanns ihrer Mutter. Doch sie unterlag 2017 in erster Instanz. Das Gericht stellte die soziale Faktizität heraus: Jacques und Delphine Boël hätten wie Vater und Tochter gelebt, mit gemeinsamem Besitzstand, daher sei er ihr rechtlicher Vater.

          In zweiter Instanz wurde das Urteil jedoch verworfen. Das Berufungsgericht ordnete einen DNA-Test des Königs an. Dessen Anwälte reichten Beschwerde ein, was aufschiebende Wirkung hatte. Allerdings wurde auch diese Beschwerde im Dezember zurückgewiesen. Albert bekam drei Monate Zeit, um eine DNA-Probe abzugeben – und sich zu überlegen, wie er die Öffentlichkeit informieren will.

          Das späte Geständnis des früheren Königs stand am Dienstag auf den Titelseiten der belgischen Zeitungen. Die Bewertung fiel unterschiedlich aus. Während ein Kommentator von einer „befriedenden Geste“ sprach, erhoben andere Vorwürfe. Sie betonten, dass Albert bloß auf den DNA-Test verwies und zudem mitteilen ließ, dass er sich seit der Geburt seiner unehelichen Tochter niemals in familiäre und erzieherische Fragen eingemischt habe. „In diesem Fall war die Unmenschlichkeit dieses Arguments deplaziert und sogar beleidigend“, schrieb die Leitartiklerin von „Le Soir“.

          Der Anwalt Boëls teilte mit, für seine Mandantin sei ein langer Albtraum zu Ende gegangen. Sie hat nun Anspruch auf einen Erbteil, mindestens drei Sechzehntel des königlichen Besitzes, wie Fachleute vorrechneten. Sie darf wohl auch den Namen wechseln und sich künftig „von Sachsen-Coburg und Gotha“ nennen – das Haus, aus dem die Königsfamilie stammt. In der belgischen Thronfolge ändert sich dagegen nichts. Gemäß Verfassung kommen dafür nur Nachfahren in Frage, die in einer Ehe gezeugt wurden, der die Regierung vorher zugestimmt hat.

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