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Belgien : Darf eine Gesundheitsministerin übergewichtig sein?

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Unglaubwürdig? Maggie De Block kann die Aufregung um ihr Äußeres nicht verstehen. „Ich beurteile Menschen nach dem Inhalt.“ Bild: dpa

Die belgische Politikerin und frühere Hausärztin Maggie De Block wiegt über 100 Kilogramm. Darf man das in ihrem Amt? Über diese Frage zerwerfen sich gerade die Belgier.

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          Es ist, wie schon Ende 2011, zu einem beliebten Ratespiel in Belgien geworden: Wiegt Maggie De Block nun 120, 130 Kilogramm oder, wie böse Zungen behaupten, gar noch mehr? Es ist ein Spiel ohne Gewinner. Denn die Wahrheit wird wohl nie ans Licht kommen. Selbst Ehemann Luc, der nach eigenen Angaben zwischen 100 und 120 Kilos auf die Waage bringt, weiß es nicht.

          Als Maggie De Block vor knapp drei Jahren Staatssekretärin in Brüssel wurde und sich fast alle Welt schon einmal das Maul über ihre äußere Erscheinung zerriss, reagierte Ehemann Luc in der Zeitung „Het Nieuwsblad“ mit einer Klarstellung. Und mit einer öffentlichen Liebeserklärung: „Das Gewicht meiner Frau ist das am besten gehütete Geheimnis unserer Ehe. In 30 Jahren habe ich sie niemals auf der Waage stehen sehen, obwohl ich weiß, dass sie es tut. Glück hängt nicht von der Zahl von Kilos ab. Es gibt in der Welt vielleicht schönere Frauen als Maggie, aber für mich ist sie die ideale Frau.“

          Nicht nur in ihrer flämischen Heimat, auch südlich der niederländisch-französischen Sprachgrenze gehört De Block zu den beliebtesten Politikerinnen. Dabei war der inzwischen 52 Jahre alten Politikerin Ende 2011 als Staatssekretärin für Asyl- und Migrationspolitik eine nicht sehr dankbare Aufgabe zugefallen. Es galt, das Ansehen Belgiens als eines für die Anliegen politisch verfolgter Menschen aufgeschlossenen Landes zu wahren. Zugleich wollte und musste die liberale Politikerin bei unberechtigten Anträgen härter durchgreifen und seltener als ihr Vorgänger vor Abschiebungen zurückschrecken. Mit ihrer resoluten, aber keineswegs unversöhnlich wirkenden Art ist De Block dieser schwierige Balanceakt gut gelungen. So gut, dass sich viele Belgier die Flämin vor den Parlamentswahlen im Mai als Regierungschefin wünschten. Daraus wurde zwar nichts. Aber seit Oktober sitzt sie als Gesundheits- und Sozialministerin im Kabinett des wallonischen Liberalen Charles Michel.

          „Wir vergessen zu häufig, wie das Ausland auf uns blickt“

          Prompt ging das Gerede über Gewicht und Äußerlichkeiten der Politikerin wieder los. Nun allerdings mit einer garstigeren Dimension: ein Fettwanst im Gesundheitsministerium? Noch dazu eine Frau, die bis zu ihrer Berufung zur Staatssekretärin mehr als zwei Jahrzehnte als Hausärztin praktiziert hat, bei der sich jedoch schwerlich vorstellen lässt, wie sie einem Patienten glaubwürdig empfiehlt, den Appetit zu zügeln.

          Ausgelöst hatte die neuerliche Debatte der Twitter-Beitrag eines belgischen Korrespondenten in jenem Land, in dem Körperkult einen hohen Stellenwert hat. Tom Van de Weghe, der für den öffentlichen flämischen Rundfunksender VRT aus den Vereinigten Staaten berichtet, hatte darin folgende Frage aufgeworfen: „Belgien bekommt eine übergewichtige Gesundheitsministerin, Kritik daran wird als Unfug abgetan. Aber wie steht es um ihre Glaubwürdigkeit?“

          Es entbrannte eine hitzige Diskussion. Wenig schmeichelhafte Fotos der Ministerin wurden im Internet zur Massenware. Etwas kleinlaut meldete sich Van de Weghe einige Tage später mit einem Brief an De Block zu Wort. Darin hieß es, er habe niemals dumme Witzchen über das Aussehen von Personen gemacht. Entscheidend sei jedoch eines: „Wir vergessen zu häufig, wie das Ausland auf uns blickt.“ Van de Weghe schloss mit einer Bitte: „Sehr geehrte Frau Ministerin, liebe Maggie. Sollte es ein Glaubwürdigkeitsproblem geben, dann wäre Ihre Amtszeit als Gesundheitsministerin die ideale Gelegenheit, damit aufzuräumen. Beginnen Sie mit einer Gesundheitskampagne, und seien Sie als Vorreiterin dabei. Zeigen Sie Belgien und dem Rest der Welt, wie es geht.“

          Im Parlament loben sie ihre Fachkenntnisse

          Das klang ein wenig, als sei die Ministerin mit ihrer beruflichen Aufgabe, die Kosten für das Gesundheitswesen zu drücken, nicht genügend ausgelastet. Oder als ob ein Verkehrsminister künftig am besten selbst an Kreuzungen die Beachtung der Regeln überwachen sollte. Als De Block Staatssekretärin für Asyl und Migration wurde, eilte ihr ausgerechnet die sozialistische Ministerin Freya Vandenbossche, ein Liebling der Regenbogenpresse, zu Hilfe: „Man muss doch auch nicht ausländischer Herkunft sein, um den Rassismus zu verurteilen.“

          Weder von der Hausärztin noch von der Gesundheitsministerin De Block ist überliefert, dass sie die mit Fettleibigkeit einhergehenden Risiken kleingeredet hätte. Von dem neuerlichen Wirbel um ihre Person zeigte sie sich unbeeindruckt. In der beliebten Talkshow „Reyers laat“ entgegnete sie auf eine Frage des Moderators: „Das ist einfach kein Thema. Das sagt für mich mehr über diejenigen aus, die darüber zwitschern und zwatschern, als über mich.“ Als sie nach ihrer Berufung zur Staatssekretärin mit ähnlichen Fragen konfrontiert worden war, konterte sie: „Ich finde die Bemerkungen ziemlich geschmacklos. Ich beurteile Menschen nie nach ihrem Äußeren, sondern vielmehr nach dem Inhalt. Im Parlament sprechen sie auch nicht über mein Gewicht, sondern loben meine Fachkenntnisse.“

          Für viele Belgier ist sie die Frau von nebenan

          Unter mangelndem Selbstbewusstsein hat De Block nie gelitten. Ihr Vater verunglückte tödlich, als sie acht Jahre alt war und ihre Mutter das dritte Kind erwartete. „Maggie war unsere Vaterfigur, als Papa nicht mehr lebte“, erzählte ihr Bruder Eddie, der Bürgermeister der rund 15 Kilometer nordwestlich von Brüssel gelegenen flämischen Heimatgemeinde Merchtem ist, bei Dreharbeiten zu einem vom Fernsehsender „Vier“ ausgestrahlten Porträt der Politikerin. Schon mit 19 Jahren heiratete sie ihren Mann Luc, der damals Vorsitzender des Ortsverbandes der Liberalen war. Die Hochzeitsfotos zeigen die Braut Anfang der achtziger Jahre in einem langen weißen Kleid. Schon damals war sie etwas molliger, allerdings deutlich weniger als auf Bildern, die sie einige Jahre später als Hausärztin zeigen.

          Dass in ihrer Familie seit Generationen Diabetes häufiger auftritt, hat De Block preisgegeben. Ansonsten schweigt sie eisern zu den Ursachen ihres Übergewichts. Ihr Ehemann vertraute dem Fernsehpublikum an, dass zwar einmal pro Woche der in Belgien übliche Gang zur örtlichen Frittenbude anstehe sowie hin und wieder auch Eis auf den Speiseplan komme. Die vierköpfige Familie schlage aber keineswegs ständig kulinarisch über die Stränge. Regelmäßig gebe es Gemüse, Fisch und Schalentiere, außerdem werde in der Küche mit Olivenöl gekocht. „Äße ich so viel, wie ich wollte, wäre ich doppelt so dick“, hat Maggie De Block einmal gesagt.

          Der Kommunikationsexperte Fons Van Dyck, der De Block nach ihrem Wechsel von der Hausarztpraxis in Merchtem in das Parlament beraten hat, sieht einen entscheidenden Grund für ihre Popularität. Der Beginn ihrer politischen Laufbahn habe einem Spießrutenlauf geglichen. Dies habe sie in den Augen vieler Flamen zu dem gemacht, als das sie sich selbst empfänden: als eine Art Underdog. De Block sei für viele Belgier die Frau von nebenan, die man einfach mit dem Vornamen anreden könne.

          „Persönlichkeit des Jahres“

          Dass politischer Ruhm schnell vergänglich sein könne, habe er der Politikerin schon früh eingetrichtert. Im Sender VRT erläuterte Van Dyck, was er damals De Block geraten habe: „Bleibe einfach du selbst. Halte diejenigen auf Abstand, die heute oder morgen einen Superstar aus dir machen wollen. Denn das wollen die Flamen partout nicht.“

          Maggie De Block kann, wenn es um ihre äußere Erscheinung geht, durchaus Sinn für Selbstironie zeigen. „Was kann ich tun, außer das Tragen von Miniröcken und gestreiften Oberteilen zu vermeiden?“, lautet einer ihrer überlieferten Standardsätze. Der Zeitungsgruppe „Sudpresse“ vertraute sie 2013, kurz nachdem ein belgisches Magazin sie zur „Persönlichkeit des Jahres“ ausgerufen hatte, offenherzig an: „Zu Zeiten von Rubens hätte ich den damaligen Geschmack getroffen. Ich bin wohl zu spät oder auf dem falschen Kontinent zur Welt gekommen.“

          Bei aller nach außen gezeigten Gelassenheit ist die Politikerin keineswegs immun gegen die Diskussion um ihre äußere Erscheinung. Trotzig klang sie einerseits, als sie nach ihrer Ernennung zur Staatssekretärin verkündete: „Mein Gewicht hat mich nicht daran gehindert, meine Träume zu verwirklichen: Ärztin zu werden, zwei Kinder zu haben, seit 30 Jahren mit meinem Mann glücklich zu sein, Politik zu betreiben.“ Fast im gleichen Atemzug fügte sie andererseits hinzu: „Könnte ich eine andere Silhouette wählen, dann täte ich es natürlich. Wer hätte nicht gerne den perfekten Körper?“

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