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Die britische Königin Elisabeth II. distanziert sich von ihrem Sohn Prinz Andrew. Bild: dpa

Elisabeth II. und Prinz Andrew : Eine besonders schmerzhafte Entscheidung

Prinz Andrew muss die meisten seiner militärischen Titel und Ehrentitel abgeben. Bis zuletzt hatte die Königin gehofft, ihm und der Familie diese Demütigung ersparen zu können.

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          Prinz Andrew muss geahnt haben, was ihn erwartet. Als er am Mittwochabend zum Krisengespräch ins Schloss Windsor fuhr, nahm er seinen Anwalt mit. Der musste dann aber laut Zeugenberichten im Auto warten, draußen vor dem Tor. Als Andrew zum Wagen zurückkehrte, konnte er nur noch berichten, was die Familie beschlossen hatte: Er muss die meisten seiner militärischen Titel und Ehrentitel abgeben – geblieben ist nur der Vize-Admiral. Auch sämtliche Schirmherrschaften sind verloren. Von seinen königlichen Pflichten war er schon im vergangenen Jahr entbunden worden. Privat dürfen ihn sein Anwalt und auch sein Fahrer weiterhin als „Your Royal Highness“ ansprechen, offiziell darf Andrew den Titel nicht mehr benutzen. Der Prinz, hieß es in einer brutal kurzen Erklärung des Buckingham-Palasts, werde sich vor Gericht als „Privatmann“ verteidigen.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Bis zuletzt hatte die Königin gehofft, Andrew und der Familie diese Demütigung ersparen zu können. Aber als am Mittwoch klar wurde, dass das New Yorker Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs seinen Lauf nehmen würde, blieb Elisabeth II. keine Wahl. „Es geht um das Überleben der Institution um jeden Preis“, wurde ein Palastmitarbeiter von der „Daily Mail“ zitiert. Zuvor hatten Veteranen der Armee an die Königin appelliert, Andrew seine militärischen Titel zu entziehen. Sein Verhalten entspreche nicht den hohen militärischen Standards und würde bei einem gewöhnlichen Soldaten auch nicht toleriert.

          Die Distanzierung folgt einem bekannten Muster

          Die Distanzierung folgte dem Muster, das schon im Fall der Sussexes Anwendung gefunden hatte. Auch Harry wurden seine militärischen Titel aberkannt, den in Hofkreisen so wichtigen Titel „Your Royal Highness“ darf er nicht mehr verwenden. Die Institution könne nun „mit Recht behaupten, dass sie nicht involviert ist“, sagte der Palastmitarbeiter. „Es war eine schonungslose und rasche Entscheidung, die vom Prinzen von Wales und dem Herzog von Cambridge empfohlen worden sein dürfte und von der Königin abgesegnet wurde.“ Für Elisabeth II. soll die Entscheidung besonders schmerzhaft gewesen sein, ihr wird eine sehr enge Beziehung zu ihrem zweitgeborenen Sohn nachgesagt.

          Schon im Herbst könnte sich Andrew verantworten müssen. Die Amerikanerin Virginia Giuffre wirft dem Prinzen vor, sie 2001 dreimal zum Sex genötigt zu haben; damals war sie 17 Jahre alt. Andrew sei ihr von Jeffrey Epstein und dessen Freundin Ghislaine Maxwell zugeführt worden. Der Missbrauch habe in deren Wohnungen stattgefunden. Epstein, ein reicher Investmentbanker, wurde 2019 wegen Sexual­delikten verurteilt und später tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden. Maxwell wurde im Dezember wegen Menschenhandels mit Minderjährigen zu Missbrauchs­zwecken verurteilt; ihr drohen bis zu 65 Jahre Haft. Ein weiteres Verfahren läuft.

          Andrew streitet die Vorwürfe vehement ab. Seine Anwälte hatten in den vergan­genen Wochen versucht, den New Yorker Richter davon zu überzeugen, Giuffres Schadenersatzklage fallen zu lassen. Sie führten einen Vergleich ins Feld, den Giuffre – damals noch unter ihrem Mädchennamen Robinson – 2009 mit Epstein vereinbart hatte. Darin hatte sie sich verpflichtet, von Klagen gegen Epstein und dessen Komplizen abzusehen, und dafür 500.000 Dollar bekommen. Das überzeugte den Richter nicht.

          Juristen sehen Andrew vor lauter schlechten Optionen

          Giuffre zeigte sich erfreut. Ihr Ziel sei immer gewesen, zu zeigen, „dass die Reichen und Mächtigen nicht über dem Gesetz stehen“. Juristen sehen Andrew vor lauter schlechten Optionen. Er könnte versuchen, Giuffre mit einer außergerichtlichen Einigung dazu zu bringen, die Klage zurück­zuziehen. Ihr Anwalt hob zwar in dieser Woche gegenüber BBC hervor, dass Giuffre den Prozess anstrebe, sagte aber gleichzeitig, eine finanzielle Einigung solle niemals ausgeschlossen werden. Fachleute schätzen die erforderliche Summe auf fünf bis zehn Millionen Pfund. Um sie im Fall der Fälle verfügbar zu haben, hat Andrew sein Chalet in den französischen Alpen, das er vor Jahren für 17 Millionen Pfund gekauft hat, einem Makler übergeben. Sollte es zu einer solchen Einigung kommen, müsste Andrew mit dem Verdacht leben, sich von einer Schuld freigekauft zu haben.

          Sollte er versuchen, seinen Namen vor Gericht reinzuwaschen, oder aber Giuffre auf das Verfahren bestehen, drohen Andrew und seiner Familie unangenehme Tage. Giuffres Anwälte haben angekündigt, nicht nur Andrew, sondern auch seine frühere Frau Sarah und die Töchter Eugenie und Beatrice befragen zu wollen. Die Aussagen würden wohl auf Video auf­genommen und später im Gerichtssaal abgespielt. Andrew kann nicht gezwungen werden, in einem ausländischen Zivil­gerichts­verfahren auszusagen, und hätte die Möglichkeit, das Gericht ohne sein Dazutun zu einer Entscheidung kommen zu lassen. Aber auch das wäre seiner Reputation vermutlich wenig zuträglich.

          Am Freitag wurden die Rufe lauter, Andrew auch den Titel Herzog von York zu entziehen. Die Abgeordnete des Wahlkreises, Rachael Maskell, bezeichnete es als nicht mehr haltbar, dass sich der Prinz auch nur einen Tag länger mit dem Namen der Stadt schmücke.

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