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Nur ein bisschen kleiner

Von NATALIA WARKENTIN (Text) und JAN HELGE PETRI (Fotos)

20.08.2018 · Niko Kappel war Behindertensportler des Jahres 2017, hat paralympisches Gold geholt und ist der amtierende Weltmeister im Kugelstoßen. Bei der Para-Leichtathletik EM in Berlin will er das Triple perfekt machen. Im Interview spricht er über seinen größten Konkurrenten, die Liebe zu seiner schwäbischen Heimat und den Austausch auf Augenhöhe.

H err Kappel, Sie haben im Juni in Nürnberg einen neuen Weltrekord aufgestellt und sind der erste kleinwüchsige Kugelstoßer, der die 14-Meter-Marke geknackt hat. Gehen Sie nach Ihrem neuen Weltrekord entspannter in die Europameisterschaft?

Natürlich war es toll für mich, als erster Kleinwüchsiger über 14 Meter zu stoßen, aber es sind „nur“ 21 Zentimeter weiter als meine alte Bestleistung und sogar nur fünf Zentimeter über dem alten Weltrekord von 13,97 Meter des Polen Bartosz Tyszkowski. Der Wettkampf im Juni ist sehr gut für mich gelaufen, weil ich wirklich topfit war. Ich hatte in dieser Saison immer mal wieder Schwierigkeiten mit dem Knie, das ist inzwischen besser geworden. Deswegen hoffe ich, dass ich diese Woche meine beste Leistung abrufen kann und dann auch eine Chance auf die Goldmedaille habe. Den Polen wird das auch ärgern, denk ich (lacht). Ich glaube, es wird sehr eng und spannend. Von Gelassenheit ist da noch nichts zu sehen bei mir. Aber das ist ja auch gut so. Ein bisschen Nervosität hilft dabei, alles raus zu kitzeln.

Wettkampf auf dem Marktplatz in Biberach. Niko Kappel kommt in seinem besten Versuch auf 13,41 Meter. Der Weltrekord, den er hält, liegt bei 14,02 Metern.

Seit 2010 treten Sie immer wieder gegen Ihren Rivalen und Dauerkonkurrenten Bartosz Tyszkowski an. Er hat Ihnen sogar einen Mail mit der Drohung „I beat you!“, „Ich schlage dich!“, geschrieben. Spornt Sie dieser Zweikampf an?

Ja, schon. Ich finde es zwar auch ein bisschen schade, weil wir uns vor den paralympischen Spielen in Rio 2016, also vor meinem ersten großen Titel, eigentlich ganz gut verstanden haben. Jetzt ist das eingefroren, wir haben uns seit dem auch nicht mehr gesehen. Ich gebe ihm die Antwort auf seine Mail dann auf dem Platz (lacht).

Sie steuern also das Kugelstoß-Triple an?

Sozusagen ja. Es wäre natürlich ein Traum, vor allem, weil die EM ja auch im eigenen Land stattfindet.

Niko Kappel stößt zusammen mit den Frauen, weil sich diese auch mit der 4 kg Kugel messen.
Niko Kappel schmunzelt nach der Siegerehrung in Biberach: „Ich hätte die Kugel auch rückwärts stoßen können. Erster wäre ich sowieso geworden, weil es in der Handicap-Konkurrenz keinen anderen Teilnehmer gab." In Berlin wird das ungleich schwerer.
Die „Wall of Fame“ in Nikos Wohnung in Welzheim. Hier wohnt er zusammen mit seiner Freundin Luisa.
Niko Kappel stößt die Kugel mit der technisch anspruchsvollen Drehstoßtechnik.

Glauben Sie, dass Sie einen Heimvorteil haben?

Ich glaube, dass das ganz schön helfen kann. Ich bin ein Mensch und ein Sportler, der auch von Emotionen lebt, in Form von Anspannung und Energie. Und in größeren Stadien, wenn dann im Publikum Stimmung aufkommt, geht da immer noch ein bisschen mehr. Da habe ich bisher immer sehr gute Erfahrungen gemacht bei den letzten Großereignissen. Deswegen freue ich mich auf das Heimspiel und hoffe, dass das Stadion gut gefüllt ist.

Wie haben Sie sich auf die Europameisterschaft vorbereitet, physisch und mental?

Die Vorbereitung auf die Saison beginnt immer kurz nach dem letzten Höhepunkt, das war im August letzten Jahres. Wir haben ein bisschen Grundlagentraining gemacht und geschaut, was in der letzten Saison gut gelaufen ist und was nicht und wo ich eventuell körperliche, aber auch psychische Schwächen habe. Wenn man etwas eigentlich beherrscht, es am Tag des Wettkampfes aber nicht abrufen kann, da machen wir uns immer viele Gedanken darüber. Im Mai sind wir dann so richtig in die Saison gestartet. Meistens braucht man etwas länger um da rein zu finden, ich hatte ein paar Anlaufschwierigkeiten. In der Vorbereitung trainieren wir dann in der Regel sechs Tage die Woche, zwei Einheiten am Tag. Dazu kommen dann noch die aktive Regeneration und die Physiotherapie. Man verbringt den Tag schon in der Halle oder auf dem Platz. Umso näher der Wettkampf kommt, desto individueller wird die Trainingsvorbereitung. Jetzt gerade geht es nur noch darum, dass ich mit mir selbst im Reinen und zufrieden bin. Dass ich weiß, dass ich in der Vorbereitung alles so gemacht habe, wie ich es mir vorgenommen hatte. Man braucht einen klaren Kopf.

Wettkampf in Biberach in Baden Württemberg: Viele der Sportler sind eng miteinander befreundet. Niko kennt hier fast jeden.

Sie sind seit diesem Jahr Vollzeitprofisportler. Empfinden Sie jetzt mehr Druck, Titel gewinnen zu müssen?

Ich würd eher sagen, dass ich froh bin, mich nur noch auf den Sport konzentrieren zu müssen, weil der Kopf dann einfach frei ist. Man hat genügend Zeit für die Prävention und die Regeneration. Die ist in den letzten Jahren immer zu kurz gekommen. Das habe ich dann daran gemerkt, dass das ein oder andere Wehwehchen aufkam. Ich denke, nur die Erwartungen, die ich an mich selbst stelle, sind dadurch nach oben geschraubt worden. Von meinem Umfeld – meinem Trainer, meiner Familie, meiner Freundin – bekomme ich die nötige Ruhe. Wir sind ja auch ein wirklich, über lange Zeit gewachsenes Team. Mein Grundgerüst war schon vor meinem Durchbruch in Rio dasselbe, daran hat sich nichts geändert. Ich werde da wirklich toll unterstützt.

Sie setzen sich sehr für Inklusion ein und gehen offen mit Ihrer Behinderung um. Wie ist das Feedback innerhalb der Community?

Viele Para-Sportler haben ähnliche Ansichten wie ich. Wir sind uns da größtenteils sehr einig. Ich gehe damit ja wirklich sehr offensiv um. Das gefällt nicht jedem. Inklusion ist gut und wichtig, aber wichtig ist auch, dass der Austausch auf Augenhöhe passiert. Es darf nicht dazu führen, dass Menschen mit Einschränkung bevorzugt werden. Gleichstellung bedeutet für mich mit allen Vorteilen, aber auch mit allen Nachteilen. Es muss fair bleiben. Sonst entsteht Unmut. Man wird zwar akzeptiert, aber als nichtbehinderter Mensch traut man sich ja auch gar nicht irgendwas zu sagen, wenn jemand mit einer Einschränkung unverschämt wird. Sowas sollte immer auf beiden Seiten stattfinden. Umso weniger Sonderkompromisse ich finden muss, desto besser funktioniert auch die Inklusion.

Niko Kappel (l) beratschlagt sich zusammen mit seinem Trainer Peter Salzer.
Niko trainiert mit schweren Gewichten. Sein Motto: Bei meiner Körpergröße gibt es den „toten Punkt“ einfach nicht. Dann können es ruhig ein paar Kilo mehr sein.
Niko Kappel hängt sich beim Zirkeltraining im Kraftraum des Olympiastützpunktes in Stuttgart voll rein.
Niko trainiert am Olympiastützpunkt in Stuttgart zusammen mit allen anderen Profisportlern und denen, die es noch werden wollen.

Das ist aber doch sicher eine Einstellung, die sich erst mit der Zeit entwickelt hat, oder?

Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, da gab es das Wort „Inklusion“ noch gar nicht, oder es war zumindest nicht so politisch. Aber das heißt nicht, dass sie nicht existent war. Ich hab ganz normal am Sportunterricht teilgenommen, wie jeder andere auch. Dass ich im Bockspringen keine Eins bekommen habe, war klar. Als Mensch, der ein bisschen kleiner war, hatte man es in dieser Disziplin einfach schwer. Das Problem hatten meine anderen kleinen Mitschüler aber auch. Wenn ich da an meinen besten Freund zurückdenke, der war 1,80 m groß, der hat seine Hände gar nicht gebraucht, um über den Bock zu kommen. Aber drei Wochen später ging es dann ans Bodenturnen, da hatte ich mit meinen kurzen Hebeln natürlich einen Riesenvorteil.

In der Leichtathletik unterscheiden sich die Sportler in ihren jeweiligen Disziplinen zum Teil auch sehr voneinander.

Ein Fabian Hambüchen wird kein Kugelstoßer, aber ein David Storl wird bestimmt auch kein Turner, weil die körperlichen Voraussetzungen einfach nicht die gleichen sind. Da findet jeder seinen eigenen Platz und es wäre schön, wenn wir diese Denkweise auf die Gesellschaft übertragen. Jeder von uns muss für sich selbst herausfinden: Was bin ich für ein Mensch? Was macht mir Spaß, was kann ich gut? Wenn wir alle gleich wären, zum Beispiel alle Banker wie ich, das wäre ganz sicher nicht gut. Ob jemand im Rollstuhl sitzt oder nicht, macht in seinem Beruf als Kaufmann zum Beispiel keinen Unterschied. Klar muss er an seinen Arbeitsplatz kommen, das muss gewährleistet sein. Dass dieser Mensch aber kein Bauarbeiter wird ist klar, und dass ich kein Basketballer werde auch. Da ist es immer wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu stecken und für sich selbst herauszufinden, was man will und was man kann.

Zusammen mit seinem Trainingspartner und Kumpel Mathias Mester (r) geht Niko zum Krafttraining. Mathias tritt bei der Para-EM beim Sperrwurf an.

Sie gehen sehr humorvoll mit Ihrer Einschränkung um, sei es in den sozialen Netzwerken oder Anfang des Jahres bei den Winter-Paralympics in Pyeongchang. Dort haben Sie mit ihrem Freund und Kollegen Mathias Mester für die ARD berichtet.

Diese Diskussion über die Ernsthaftigkeit gibt es ja leider immer wieder, weil jeder meint, sich einmischen zu müssen. Was ich ehrlich gesagt nicht verstehe. Es kamen direkt Kommentare, dass es nicht würdigend sei und unsere Witze über uns selbst als „zwei Halbe“ unangemessen seien. Damit haben wir auch gerechnet und dementsprechend schnell reagiert. Wir möchten ja genau das erreichen. Dass man aufhört so streng darüber zu denken. Dass die Leute aufhören zu sagen: „Oh, das war jetzt aber gemein“ oder: „Oh, die Armen“. – Nein. Wir sind nicht arm, wir sind ein bisschen kleiner, aber das war´s dann auch. Wir können unser Leben so gestalten, wie wir wollen. Und ich wüsste nicht, warum ich manche Dinge nicht tun sollte, nur weil ich kleiner bin. Hier im Trainingslager wurden Bögen ausgeteilt, auf denen gefragt wurde, ob ich mit der Länge meiner Bettdecke zufrieden sei. Find ich klasse! Diese Frage hab ich mir tatsächlich noch nie in meinem Leben gestellt. Da sieht man mal: Für mich nie ein Thema, für Leute, die extrem groß sind, schon. Die fangen dann aber auch nicht an, alles in der Welt schlecht zu machen, nur weil die Bettdecke nicht angemessen ist. Letztlich geht es uns darum, dass die Leute aufhören, Menschen mit Handicap in Watte zu packen. Auch wenn sich jemand daneben benimmt, nicht denken „Der arme Kerl“ – nur weil er im Rollstuhl sitzt oder nur noch einen Arm hat, sondern das Problem dann auch thematisieren. Genau wie bei jedem anderen auch. Bei Sportlern sind die Witze und der lockere Umgang mit der Einschränkung weit verbreitet. Ich habe vor meiner Leichtathletik-Karriere lange Fußball gespielt, das war es auch so. Da wusste man genau, welche Schwächen der Gegner hat – und ich hab dann immer schön reingegrätscht (lacht). Austeilen ja – einstecken ist aber genauso wichtig.

Auf Ihrem Instagram-Account findet man viele Bilder von Ihnen und Ihrer Freundin Luisa Holzwarth. Wieviel Anteil hat sie an Ihrem Erfolg?

Ich bin jetzt schon seit über vier Jahren mit Luisa zusammen und sehr glücklich mit ihr. 2015 sind wir dann auch zusammen gezogen. Sie kennt mich inzwischen wahnsinnig gut. Den Sport gab es zwar auch schon 2013, als wir uns kennen gelernt haben, aber da habe ich noch lange nicht so viel trainiert wie rund um Rio. Ich bin heute viel mehr unterwegs, aber unsere Beziehung ist daran gewachsen. Sie hält mir immer den Rücken frei. Ich würde mich nicht gerade als Organisationstalent bezeichnen, um es mal nett auszudrücken. Luisa ist da stärker als ich. Sie unterstützt mich in allen Bereichen, erinnert mich an Termine und sorgt dafür, dass ich nicht ständiges alles vergesse. Sie ist eine sehr große Hilfe und Unterstützung für mich. Dafür bin ich dankbar.

Niko und seine Freundin Luisa sind schon seit einigen Jahren ein Paar und wohnen zusammen in Welzheim.

Sie kommen aus Welzheim im Schwäbischen Wald. Wie wichtig ist Ihnen die Heimat?

Ich bin in Welzheim aufgewachsen und 2015 bei meinen Eltern ausgezogen, lebe aber immer noch im Ort. Das ist mein Zuhause und ich fühle mich dort sehr wohl. Ich bin ganz lange für meinen Heimatverein gestartet, bin dann nach 2015 zum VfL Sindelfingen, der auch sehr familiär organisiert ist, gewechselt. Aber wir stehen immer noch in sehr engem Kontakt. Mit meinem Trainer Peter Salzer arbeite ich jetzt seit 2014 zusammen. Das zeigt ja ganz gut, dass sich nach meinem bisher größten Erfolg in Rio nichts an meinem Umfeld geändert hat. Das Team ist lediglich gewachsen. Ich glaube, man darf nie vergessen, wo man herkommt. Und man muss sich immer darüber im Klaren sein, warum man dort gelandet ist. Auch meine Sponsoren sind überwiegend hier aus der Region. Die habe ich bei Veranstaltungen kennengelernt und es hat einfach gepasst. Ich glaube, wir haben da eine tolle Struktur geschaffen. Ein paar von ihnen kommen auch mit zur EM und sind live dabei im Stadion. Das freut mich total. Wenn man was geben kann und natürlich auch was zurückbekommt.

Gibt es schon Pläne für nach der EM? Sie sind ja mittlerweile sehr bekannt, waren Behindertensportler des Jahres 2017.

Ich würde die Para-Leichtathletik gerne voranbringen, sie soll sportlicher und professioneller aufgestellt werden. Schauen, wo man noch Verbesserungspotenzial hat. Dazu würde ich gerne beitragen. Außerdem bin ich auch in der Politik aktiv, sitze seit fast fünf Jahren im Gemeinderat in Welzheim. Natürlich ist das nicht mit den bundespolitischen Debatten zu vergleichen, wir sind eine Ortschaft mit 12.000 Einwohner, da geht es darum, was das Beste für Gemeinde ist und dann wird darüber abgestimmt. Dass man da nicht immer einer Meinung ist, ist klar, aber es läuft deutlich humaner ab, als im Bundestag zum Beispiel. Es macht Spaß und ich hab schon viel dazugelernt. Jetzt steht für mich aber erstmal der Sport im Vordergrund und was danach kommt, werden wir dann sehen.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 20.08.2018 08:29 Uhr