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Behindertensportler Michael Teuber : „Ich bemitleide mich nicht“

  • Aktualisiert am

Michael Teuber mit Sportgerät bei sich zu Hause in Dietenhausen. Bild: Müller, Andreas

Mit 19 Jahren wurde Michael Teuber durch einen unverschuldeten Autounfall querschnittsgelähmt. Heute ist er Radprofi und einer der erfolgreichsten deutschen Behindertensportler. Ein Gespräch.

          6 Min.

          Herr Teuber, am Dienstag steht wieder eine Anhörung von Oscar Pistorius an, dem berühmtesten Behindertensportler. Sie kennen ihn auch . . .

          Jedenfalls ist er jetzt noch berühmter.

          Er war der erste versehrte Leichtathlet, der bei Olympia angetreten ist: Superstar, Werbestar, Heldenfigur, Vorbild für Millionen von Menschen mit Handicap. Jetzt ist er des Mordes an seiner Freundin angeklagt.

          Pistorius hat mit seinem Prothesenlauf Menschen inspiriert und wurde zu einem sehr wichtigen Teil unserer Bewegung gemacht. Meine Rationalität und meine Lebenserfahrung sagt mir, dass die Art und Weise, wie jemand sich in der Öffentlichkeit gibt, wie nett er aussieht, wie freundlich er einem gegenübertritt, nichts darüber aussagt, wer er wirklich ist und was er sonst noch so treibt. Klar bin ich geschockt. Mir ist die paralympische Bewegung wichtig, insofern bewegt mich der Fall. Ich bin zwar kein Psychologe, aber vieles weist darauf hin, dass er eine bestimmte charakterliche Fehlentwicklung schon vor der Tötung seiner Freundin zeigte.

          Wie meinen Sie das?

          Es gab etliche Vorfälle in den letzten Jahren, die bekannt wurden: sein ausufernder Lebensstil, seine Arroganz, sein Hang zu Waffen, seine Neigung zu Gewalt, Jähzorn und Eifersucht. Eine dermaßen fatale Tat konnte natürlich keiner vorhersehen.

          Werbung und Sponsoren interpretierten ihn als eine perfekte Menschmaschine, eine Art Übermensch.

          Von einigen Firmen wurden Kampagnen gefahren, die ganz bewusst auf dieses machohafte und martialische Übermenschliche abgezielt haben. Und ganz offensichtlich hat Pistorius dabei die Bodenhaftung verloren.

          Wie schwer schadet der Fall denn der Behindertensport-Bewegung allgemein?

          Ich glaube, dass er der paralympischen Bewegung nicht direkt schaden kann, weil jeder vernünftige Mensch weiß, dass es da keinen direkten Zusammenhang zu den Paralympics gibt. Vielleicht ist es jetzt der richtige Augenblick, um auf den Reset-Knopf zu drücken und zu sagen, wir müssen aufhören, Einzelne gottgleich zu glorifizieren.

          Das vergangene Jahr hat gerade in Deutschland viel Bewegung in das Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne Behinderung gebracht: der Erfolg der Behindertenkomödie „Ziemlich beste Freunde“, die grandiosen Paralympics in London, die neue rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Pilotprojekte in den Schulen mit inklusiven Klassen. Gibt es tatsächlich ein neues Miteinander?

          Das kann man sicher sagen, dass sich der Umgang in den letzten Jahren in Deutschland enorm entspannt hat. Da hat sich aus verschiedenen Richtungen etwas entwickelt: mehr Akzeptanz, mehr Integration, mehr Verständnis und ein viel größeres Miteinander. Seit Ex-Bundespräsident Horst Köhler die Paralympics besucht hat, wurde auch der Druck auf die Leitmedien immer größer, ausführlicher über die Paralympics zu berichten. Das war sicher die Initialzündung für diese Entwicklung.

          Wie fanden Sie den Film „Ziemlich beste Freunde“, den neun Millionen Bundesbürger sahen?

          Ich war nicht so überschwänglich berührt wie die meisten, aber ich fand die Geschichte sehr charmant. Dieser Film zeigt, was ich an meinem eigenen Verhalten in den letzten 25 Jahren gelernt habe: Wenn der behinderte Mensch von sich aus auf Menschen zugeht, selbst keine Berührungsängste hat, sich seine Lebensfreude bewahrt, sich selbst nicht nur auf sein Behindertsein fokussiert, dann kann die Beziehung zu seinem Umfeld, zur sogenannten normalen Welt eine lockere und normalere sein. Es ist nicht immer nur die Gesellschaft dran schuld, dass es eine Ausgrenzung, eine Nicht-Akzeptanz gibt, sondern oft auch der behinderte Mensch selbst. Weil er sich verschließt, weil er sich auf seine Behinderung zurückzieht und nur noch das zum Thema macht.

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