https://www.faz.net/-gum-8i641

Surfen mit Hund : Brettgefährten

  • -Aktualisiert am

Mit allen Wassern gewaschen: Der Terrier Al, mit roter Rettungsweste ausgerüstet, weiß genau, wie er mit Bastien Desvergnes die Kurve kriegt. Bild: Florian Schuh

Auf gleicher Welle: Bastien Desvergnes geht am liebsten in Biarritz surfen. Und am liebsten zu zweit: mit seinem Hund namens Al.

          Al will los. Und zwar sofort. Nichts könnte jetzt wichtiger sein, als aufs Brett zu springen und die Welle entlangzufahren. Da geht es ihm wie Hunderten in Biarritz. Es ist Sonntagmorgen in dem französischen Strandbad, freundliche Wellen sind angesagt und ablandiger Wind, die Sonne scheint. In fast jedem Haus schnappt sich gerade mindestens ein Surfer sein Brett und eilt zum Spot, um keine Welle ungenutzt zu lassen. Jeder will der Erste sein, solange man sich im Line-up nicht drängen muss.

          Aber Al hat nicht wie alle anderen den Wellenreport gecheckt, die Webcams angeschaut und noch schnell eine Wir-treffen-uns-im-Wasser-SMS geschickt. Er kann kein Surfbrett tragen, nicht aufs Meer hinauspaddeln, auch nicht selbst Kurven fahren. Al ist ganz auf seinen Besitzer angewiesen - er ist ein Hund, ein Hund mit Spaß am Wellen reiten.

          Surfen gehört in Biarritz zum Lebensstil

          Jetzt kommt er so schnell die Wendeltreppe herabgeflitzt, dass ihm fast die Beine wegknicken. Im typisch baskischen Innenhof, zwischen Fassaden mit rostroten Fensterläden und voller Hortensien, belädt sein Besitzer Bastien Desvergnes die mattschwarze Vespa. Das Standup-Paddleboard steckt er seitlich in Halterungen. Der elf Jahre alte Terrier bekommt eine Rennfahrerbrille vor die Augen, die vor dem Fahrtwind schützt. In die rote Rettungsweste, die Al schon anhat, steckt Bastien noch eine Gassitüte und einen Tennisball.

          „Allez, monte!“, ruft er dem Hund zu, schwingt sich in Shorts und Flipflops auf den Sitz, klappt den Ständer ein und kurvt hinaus in die engen Gässchen. Die Meeresbrise schlägt ihnen schon an der nächsten Ecke entgegen. Al streckt immer mal wieder verwegen den Kopf zur Seite hinaus. Es geht vorbei an Bäckereien, Konditoreien, Brasserien, Immobilien- und Surfshops. Sie begegnen Menschen mit großen Croissant- und Chocolatinetüten, die noch verschlafen in die Sonne blinzeln. Seinen ersten Ride, wenn auch auf Rädern, hat der Terrier schon hinter sich, als er unterhalb der Klippen an der Côte des Basques ankommt, dem weiten Surfstrand von Biarritz. In der einen Richtung wird er von der prägnanten Villa Belza begrenzt, einem kleinen Haus mit spitzen Türmchen auf einer Felsnase, in der anderen von gar nichts. Man kann so weit an der baskischen Küste entlangschauen, bis sie schon nicht mehr französisch, sondern spanisch ist.

          Terrier Al rutschte anfangs vom Brett

          Bastien Desvergnes kommt aus Bordeaux. Wie viele andere Wellenversessene zog er vor fast 20 Jahren nach Biarritz. Das ehemals mondäne Strandbad, das der Adel liebte, gilt als Wiege des europäischen Surfens. Seit den späten fünfziger Jahren reitet man hier Wellen. Der Sport ist tief in der Lebenswelt am Atlantik verankert, für viele hier gehört er zum Alltag, ist er die große Leidenschaft. Vor seinem vierzigsten Geburtstag hatte Bastien die Idee, sein Terrier könnte ihn bei den Surfsessions begleiten. Lust auf Wasser hatte auch er. Er war klein, agil, sportlich. Und Bastiens Board war groß. Wegen einer kaputten Bandscheibe musste er sich vom gewöhnlichen Surfen verabschieden, seither fährt er die Wellen mit einem Stand-up-Paddleboard. Darauf war Platz genug für Al.

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Ein Surfgang mit Hund? Kaum jemand wollte ihm das glauben. Es klang wie eine der verrückten Ideen, die aufkommen, wenn auf Partys weinselig diskutiert wird, die dann aber bald wieder vergessen sind. Bei Bastien war das anders. Er zog die Sache durch. Und Al machte sich prima als Surfbuddy. Oder sagen wir: den Umständen entsprechend. Denn das Board war anfangs zu glatt. Eine Schicht Surfwachs mag Menschenfüßen Halt geben, aber nicht harten Hundepfoten. Der Parson Russell glitt immer wieder vom Brett. Die Sache war zu gewagt. So konnten die beiden jahrelang nur ab und zu gemeinsam surfen. Bis Bastien auf den Gedanken kam, auf die gesamte Oberfläche Antirutschpads zu kleben. Seither sieht man sie regelmäßig bei gemeinsamen Sessions. Bastien ist Mitgründer eines kleinen Unternehmens. Es entwickelt Soundsysteme, die in Wänden und Bildern verschwinden. „Wenn die Bedingungen gut sind, gehen wir jeden Tag“, sagt Bastien über das Surfen zu zweit. Auf diese Weise hat Al an der Leidenschaft seines Besitzers teil und freut sich über das Miteinander jenseits des Gassigehens.

          Nicht der Hund, sondern der Mensch ist an der Leine

          Al trottet hinter Bastien die Steinstufen zum Strand hinunter. Bastien trägt das sperrige Brett über die ersten Felsen und schiebt es dann durchs Wasser, dorthin, wo er die besten Chancen sieht, mit Hund über die brechenden Wellen hinwegzukommen. Al springt von Fels zu Fels am Meeressaum entlang, bis Bastien ihn mit einem Pfiff zu sich ruft. Al springt in die Fluten und schwimmt zum Brett, Bastien packt ihn am Griff der Rettungsweste und setzt ihn aufs Surfboard. Sein Platz ist ganz vorn, wo er nicht stört und Bastien ihn im Blick hat. Dass ihm die Gischt ins Gesicht spritzt, scheint ihm nichts auszumachen. Er beweist ein gutes Gespür, wie er sich in die Kurven legen muss und kann sogar Hang Ten - das machen Longboardfahrer, wenn sie auf der Welle zur Boardspitze spazieren und dort die Fußzehen über die Kante hängen lassen. Bei Al wäre es demnach Hang Eight.

          Zwischen zwei Rides darf Al an Land dem Tennisball nachjagen. „Es ist die Mischung aus Ballspielen und Surfen, die ihm besonders gefällt“, sagt der 47 Jahre alte Bastien. Ein wenig nagt dennoch der Zweifel: Will der Hund das wirklich? „Er ist ja nicht angebunden. Wenn er nicht möchte, springt er sowieso runter.“ Tatsächlich hat in diesem Fall der Mensch die Leash, die Leine, am Bein, damit das Board nicht verloren geht.

          Auch Neoprenanzüge für Hunde erhältlich

          In Frankreich waren Bastien und Al Pioniere mit ihren Surfsessions. Vor zwei Jahren stand der Terrier als erster Hund den Mascaret von Saint Pardon, eine Gezeitenwelle auf der Dordogne. Bis heute gehen wenige Surfer mit ihren Lieblingen regelmäßig in die Wellen. An der baskischen Küste sind Bastien und Al die Einzigen. In der Geschichte des Wellenreitens gab es immer wieder Hunde, die surften. Oft gehörten sie Wellenreitern oder Surflehrern und wollten nicht nur am Strand warten. Inzwischen wird das Interesse größer. Immer mehr Menschen möchten das Surfen mit Hund ausprobieren. „Immer mehr gewinnen Vertrauen“, hat Bastien beobachtet.

          See-Hund: Der Terrier Al hat beim Surfen seinen Spaß.

          Deshalb gibt es nun auch schon Neoprenanzüge für Hunde. Und wer am 13. September vergangenen Jahres 50 Kilometer nördlich von Biarritz trotz schlechten Wetters am Strand war, zweifelt nicht an deren Sinn. In Vieux-Boucau fanden zum zweiten Mal die europäischen Hundesurfmeisterschaften statt, für Mensch-Hund-Duos wie auch für Solosurfer auf vier Pfoten, organisiert vom Verein „Toutous Surfeurs“ (Wauwau-Surfer). Beim Vereinsnamen hat man sich an die „Tontons Surfeurs“ angelehnt, die Surf-Onkels - so nennt man die menschlichen Surfpioniere an der baskischen Küste. Die ersten Surfmeisterschaften für Hunde gab es natürlich in Kalifornien, schon vor zehn Jahren. Die Zahl der Wettbewerbe und der Teilnehmer wächst dort beständig. Auch Australien ist schon dabei.

          Früh am Morgen fanden sich am Strand von Vieux-Boucau mehr als 50 Hunde mit ihren Besitzern ein. Die einen als Teilnehmer, andere aus Neugier. Manche wollten einfach herausfinden, ob ihr Hund Talent hat, schließlich waren eigens Hundetrainer gekommen. Es gab kleine Zelte für die Anmeldung, Tierärzte, Tier-Osteopathen und eine Hundesnackbar. Jeder Hund musste sich untersuchen lassen - sei es, um am Wettbewerb teilzunehmen, sei es um das Schnuppersurfen mitzumachen. Und jeder bekam eine Rettungsweste verpasst.

          Surfen verbindet Hund und Herrchen

          „Am wichtigsten ist, dass der Hund Spaß hat“, sagt Damien Médan, einer der beiden Tierärzte, die den Wettbewerb ins Leben riefen. „Wir wollten nicht, dass Leute nur zu ihrem eigenen Vergnügen mit dem Hund surfen“ - ein Verdacht, der naheliegt.

          An Land: Jetzt kann Terrier Al wieder dem Tennisball nachjagen, wie der kleine Hund es zwischen den Surf-Session öfter einmal macht.

          Damien und sein Kollege waren auf die Idee mit dem Wettbewerb gekommen, weil sie in Gesprächen immer wieder von Hunden auf Surfbrettern gehört hatten. Das verblüffte und interessierte sie. Und aus tierärztlicher Sicht sprach nichts dagegen. „Es ist gut für die Beziehung zu den Hunden“, sagt der 34 Jahre alte Tierarzt. „Man macht etwas mit ihnen. Man könnte natürlich auch Ball spielen, aber hier ist das Surfen tief in der Mentalität verwurzelt. Wenn man einen Hund hat, schafft das gemeinsame Surfen eine besondere Verbindung.“ 25 Hunde konnten am Ende das Surfen ausprobieren, die Warteliste war lang. Doch jeder Einzelne sollte gut betreut werden, und alle Ärzte, Trainer und Helfer arbeiteten ehrenamtlich.

          Tierärztin attestiert positive Effekte

          Wie etwa Manon François. Sie untersuchte die Hunde nach ihrem Ritt über die Wellen - horchte auf die Atmung, schaute sich die Schleimhäute an, nahm eine kurze osteopathische Untersuchung des Rückens vor. Sie massierte die Hunde, befreite Augen und Ohren von Sand. Die Fünfunddreißigjährige ist Tierärztin, Osteopathin und Physiotherapeutin. Sie ist davon überzeugt, dass Surfen für Hunde gesund ist: „Es trainiert die Haltungsmuskulatur und das Zusammenspiel all der kleinen Bewegungen.“ Im Grunde sei es ein Sport für alle Hunde, sogar für ältere. Nicht in großen Wellen natürlich - und nur, wenn das Tier seinen Spaß hat.

          Auch Bastien und Al sind in Vieux-Boucau am Start. Küsschen hier, Küsschen da, alle kennen ihn oder haben zumindest von ihm und seinem surfenden Hund gehört. Den Sieg teilt sich der Titelverteidiger an diesem Tag mit Balou, dem Mischlingshund eines Surflehrers und einer Hundetrainerin. Dass den vierbeinigen Champions ihr Erfolg zu Kopf steigen könnte, ist nicht anzunehmen. Die Sponsoren stehen noch nicht Schlange, niemand bittet um Autogramme. Und die Gewinne werden in Naturalien ausgezahlt: Es gibt Hundefutter.

          Weitere Themen

          Sophia L. war allgegenwärtig

          Urteil im Mordprozess : Sophia L. war allgegenwärtig

          Für den Mord an der Studentin Sophia L. muss ein Lastwagenfahrer lebenslang ins Gefängnis. Für den Richter war es ein besonderes Verfahren: Sonst stehe immer der Angeklagte im Zentrum – diesmal sei es das Opfer gewesen.

          Topmeldungen

          Die EU und Großbritannien : Warten auf Boris

          Einen Monat vor dem europäischen Gipfeltreffen, das Klarheit über den britischen EU-Austritt schaffen soll, wächst die Anspannung. Die EU hofft weiter auf konkrete Vorschläge aus Großbritannien. Doch die Zeit wird knapp.
          Jan (rechts) und Niclas Stemplewski

          Start-up Iubel : Klagen, Kassieren, Jubeln

          Der Prozessfinanzierer Iubel bietet schnellen Rechtsschutz und lässt per Algorithmus Chancen ermitteln. Auch am Dieselskandal will das Start-up mitverdienen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.