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Barbara E. : Tragödie mit Pfandbons

„Mein Ruf und Gesicht ist weg. Man hat mein Leben zerstört” Bild: Franka Bruns

Eine Kassiererin aus Berlin hat gegen ihre Kündigung gekämpft und gegen den Vorwurf, sich um 1,30 Euro bereichert zu haben. Sie hat verloren. Aber sie gibt nicht auf.

          6 Min.

          Das Gericht hat keine Revision zugelassen. Es spricht auch nicht mehr von Verdacht. In dem Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg heißt es schwarz auf weiß: Sie hat es getan.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es ist aber nicht so“, sagt Barbara E. „Wer mich kennt, der weiß, dass es nicht so ist.“ Die Berliner Supermarktkassiererin, die berühmt wurde, weil sie wegen 1,30 Euro ihren Job verlor und dagegen vor Gericht gezogen ist, nimmt einen Schluck Kaffee und wiederholt, was sie behauptet, seit sie zum ersten Mal mit den Vorwürfen konfrontiert wurde: „Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.“ Sie sagt auch: „Das, was ich dreißig Jahre in meiner Arbeit aufgebaut habe, ist total weg. Mein Ruf und Gesicht ist weg. Man hat mein Leben zerstört.“

          Auf den ersten Blick wirkt Barbara E. gut beieinander, als sie die Tür zu der engen Wohnung öffnet, die sie bezogen hat, weil Hartz IV nicht mehr erlaubt. Sie behält das Handy am Ohr, während auf dem überfüllten Couchtisch das andere Telefon klingelt, mal ist es ihr Anwalt, mal jemand vom Solidaritätskomitee. Spätestens seit sie Dienstag am Abend nach der Urteilsverkündung bei Kerner in der Talkshow saß, rufen ständig Journalisten an. Am Mittwoch war ihr Fall auf den Titelseiten der Republik, und die „Bild“Zeitung schrieb: „Pleite-Banker dürfen ungestraft Milliarden verbrennen, aber. . .“ Am Donnerstag nannte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse das Urteil „barbarisch“ und „asozial“. Die Fünfzigjährige lächelt triumphierend, wenn ihre Unterstützer solche Neuigkeiten durchtelefonieren wie Erfolgsmeldungen von der Front, als sei der Kampf seit dem Urteil nicht praktisch verloren. Sie redet mit fester Stimme, ihr Blick ist klar, das Lächeln warm, und wenn nach einer fahrigen Bewegung aus ihrer Herzchentasse Kaffee schwappt, verschwindet sie für einen Moment, um im frischen T-Shirt zurückzukommen. Fragt man, wie es ihr geht, sagt sie, sie komme nicht dazu, darüber nachzudenken. Für den Internationalen Frauentag nächste Woche hat sie schon mehr als als ein halbes Dutzend Einladungen: Sie ist zur Galionsfigur des populären Gerechtigkeitsempfindens geworden, zum Aushängeschild des wackeren Protests gegen eine Justiz, die Kritiker seit Jahrzehnten als arbeitnehmerfeindlich geißeln.

          Barbara E. schläft schlecht, seit Dienstag

          Aber Barbara E. schläft schlecht, seit Dienstag. Sie liegt nachts wach, bis sie vor Erschöpfung einnickt, um nach drei Stunden wieder hochzuschrecken, weil ihr Kopf das große Ganze wälzt. Der Streik. Die Kündigung. Der erste Prozess. Die Berufung. Ihr Leben, der Abstieg, die Öffentlichkeit. Und immer wieder: die Bons, die Bons, die Bons.

          Man muss sich ein wenig auf die umständlichen Vorschriften des Kassenwesens in Supermärkten einlassen, um sich vorzustellen, was am 22. Januar 2008 gegen 14.45 Uhr in der Kaiser’s-Filiale in Hohenschönhausen weit im Berliner Osten passiert sein muss. Barbara E. hat nach Schichtende eingekauft, Suppengrün, Kartoffeln, ein paar Tomaten. Beim Bezahlen an der Kasse löst sie zwei Flaschenbons ein, die in ihrem Portemonnaie lagen. Sie sagt, sie erinnere sich weder, wie alt diese Bons waren noch welchen Betrag sie dafür gutgeschrieben bekam. Sie weiß aber, wie Pfandbons von Mitarbeitern auszusehen haben: Ein Kollege muss qua Unterschrift auf dem Zettel bestätigen, dass die Flaschen tatsächlich mit ins Geschäft gebracht worden sind. Barbara E. sagt: „Meine Bons waren immer abgezeichnet.“

          Die beiden Bons am 22. Januar trugen nach Aussage der Kollegin an der Kasse keine Unterschrift. Die Kasse hat elektronisch registriert, dass es sich um Bons im Wert von 48 und 82 Cent handelte. Eben zwei solche Bons waren zehn Tage vorher am Backshop gefunden und auf einem Regal im Büro deponiert worden für den Fall, dass ein Kunde den Verlust beklagte. Wie Kollegen bezeugen, waren beide Bons am Nachmittag des 22. Januar verschwunden. Barbara E. sagt: „Ich habe diese Bons nicht genommen, und ich habe diese Bons nicht eingelöst.“

          Ihre Kunden sprach sie mit Namen an

          Barbara E. wirkt nicht wie eine Frau, die lügt. Erst recht nicht, wenn es um ihre Arbeit geht. Das ist doch ihr Leben. In der DDR hat sie „Fachverkäufer für Waren des täglichen Bedarfs“ gelernt, und ihr Arbeitsvertrag mit der Kaiser’s Tengelmann AG war bis zuletzt ihr erster, 31 Jahre alter Kontrakt aus realsozialistischen Zeiten. Sie kann über das Auspacken von Erdnussflips fachsimpeln und jede der strengen Extravorschriften für Kassiererinnen vorbeten, und sie ist stolz darauf. Ihre Kunden sprach sie mit Namen an. Sie sagt: „Wenn ich dagesessen habe, waren die Schlangen bei mir am längsten, und trotzdem waren die Leute bei mir eher draußen.“ Sie sagt „wir“, wenn sie von dem Unternehmen spricht, das ihr fristlos gekündigt hat, und: „Ich würde da auch wieder arbeiten gehen. Ich will da wieder rein.“ Man denkt: Die Supermärkte von heute mit ihren überforderten Aushilfskassiererinen müssten froh sein über eine solche Kraft.

          Wie aber die fraglichen Bons am jenem Januartag in ihrem Portemonnaie oder in der Kasse gelandet sein sollten, ohne dass sie selbst etwas damit zu tun hätte, kann Barbara E. nicht erklären. Sie verheddert sich in Bon-, Kassen- und Portemonnaiegeschichten, die sich zu einer ordentlichen Verschwörungstheorie auswachsen, weshalb das Gericht in erster Instanz sie schalt, sie würde ihre Kolleginnen beschuldigen, und die zweite Instanz kritisiert, Barbara E. widerspreche sich selbst. Die Supermarkt-Anwältin, Karin Schindler-Abbes, schimpft: „Ich habe noch nie ein Verfahren geführt, wo eine Partei so oft ihren Vortrag gewechselt hat.“ Benedikt Hopmann hingegen, Rechtsbeistand der Kassiererin, weist auf die knifflige Konstruktion einer sogenannten Verdachtskündigung im Arbeitsrecht hin, bei der der Gekündigte selbst für seine Entlastung sorgen müsse: „Es ist ganz logisch, dass man verschiedene Möglichkeiten durchspielt: Es könnte so, es könnte so gewesen sein. Aber wir haben immer von Denkmöglichkeiten gesprochen.“

          Im Wohnzimmer von Barbara E. ist die Verschwörungstheorie Person geworden. In einem Sessel gegenüber der Eckcouch, die mitten im Zimmer steht, weil es in der Wohnung keine ausreichend große Ecke mehr für sie gibt, sitzt ein massiger Rentner mit struppigem Vollbart und gütigen Augen, ein ehemaliger Dreher bei Daimler, Gewerkschaftler, Gründungsmitglied des Komitees „Solidarität mit Emmely“, wie die Kassiererin in Abwandlung ihres Nachnamens genannt wird. Er soll ihr Beistand leisten beim Interview. Er hat sie während des Arbeitskampfs im Winter 2007/2008 kennengelernt, als Barbara E. in einem Plastikkittel mit Verdi-Logo über die Straße zog und ein Schild hochhielt mit der Aufschrift: „Qualität, Service und Frische haben ihren Preis! Wir auch!“ Und weil sie in Kameras hinein ihr Streikrecht pries, als die Kolleginnen längst wieder brav im Supermarkt standen, ereifert sich der Solidaritäts-Aktivist über die Kündigung: „Für jeden Außenstehenden war das völlig klar, dass das eine Reaktion war auf eine Rädelsführerin, und dass es nicht um Bons geht.“

          Sie ist eine, die sagt, was ihr nicht passt

          Barbara E. ist eine Kämpferin. Sie hat nach 13 Jahren Beziehung ihre drei Töchter allein großgezogen und für Verdi die Streiklisten geführt, so wie sie vor der Wende FDJ-Sekretärin war. Sie ist eine, die sagt, was ihr nicht passt, aber wenn sie sich angegriffen fühlt, wird ihre Stimme schneidend, und das Gegenfeuer prasselt los. Kein Wunder, dass nicht alle Kollegen gut auf sie zu sprechen waren. Aber nachdem das Gros der Kaiser’s-Streikenden zurück bei der Arbeit war, nach Vier-Augen-Gesprächen mit Vorgesetzten, wurde die Stimmung eisig. Barbara E. berichtet, man habe sie geschnitten und ihr die schlechtesten Schichten aufgehalst, bis wohlwollende Kollegen warnten: Sie stehe auf der Abschussliste ganz oben. Und man sei angehalten worden, auf Unregelmäßigkeiten zu achten.

          Der bärtige Stichwortgeber vom Solidaritätskomitee schwadroniert über Schikanen für Betriebsräte bei Daimler und die Verdachtskündigung als Willkürinstrument in der Hand von Arbeitgebern, um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden. Mit Boykottaufrufen gegen Kaiser’s und Demonstrationen hat das Komitee für eine Menge Wirbel gesorgt; Barbara E. beim Umzug geholfen haben die Unterstützer auch. „Alleine hätte ich das gar nicht reißen können“, sagt sie. Alleine hätte sicher auch sie das Angebot zum Vergleich angenommen wie „Hunderttausend andere“. Zweimal stand im Raum, die fristlose Kündigung in eine fristgerechte umzuwandeln, was ihr immerhin ein ordentliches Zeugnis beschert hätte und eine Art kleine Abfindung. Aber sie sagt: „Wenn ich mittendrin aufgehört hätte zu kämpfen, ich hätte mich nicht mehr im Spiegel ansehen können.“ Jetzt jedoch ist da dieses neue Urteil, in dem steht, dass sie es gewesen sein muss mit den Bons, ohne Zweifel. Revision nicht zugelassen. Und die vermeintliche Frontfrau im Kampf für Arbeitnehmerrechte erscheint plötzlich wie das abgehalfterte Zugpferd vor einem Karren, der gar nicht ihr eigener ist. Oder auch nur: wie die fragwürdige Heldin ihrer ganz persönlichen Tragödie. Selbst wenn ihr Anwalt vors Verfassungsgericht ziehen will. Die schriftlich formulierte Bitte, sie wieder arbeiten zu lassen, und sei es nur zum Auspacken, ohne Kassenzulage, hat Kaiser’s abgelehnt.

          Das Prinzip der Verdachtskündigung

          „Wie soll das Unternehmen mit einer Mitarbeiterin zusammenarbeiten, die das Blaue vom Himmel heruntergelogen hat?“, fragt Anwältin Schindler-Abbes. „Welches Vertrauen soll denn das Unternehmen noch in diese Mitarbeiterin haben?“ Damit bringt sie das Prinzip der Verdachtskündigung und der herrschenden Rechtsprechung auf den Punkt, auch wenn Anwalt Hopmann für die Gegenseite faucht: „Das ist doch völlig verrückt! Da fällt die Perspektive der Beschäftigten völlig unter den Tisch!“ Da ist es nämlich egal, ob es um 1,30 oder 1300 Euro geht – wenn das Vertrauen des Arbeitgebers zerstört ist, kann ihm nicht zugemutet werden, einen Mitarbeiter weiter zu beschäftigen.

          Barbara E. legt plötzlich ihre Brille zu den Streikfotos. Der Komitee-Mann ist gegangen und die Fotografin auch, da bricht es aus ihr heraus: „Eigentlich müsste mein Vertrauensverhältnis gestört sein, so wie die mit mir umgehen.“ Sie greift nach Taschentüchern, ihr Mund zittert, sie ist jetzt sehr blass um die Nase. Wie oft sind ihre Töchter ohne sie in Ferien gefahren, weil sie nicht zum richtigen Zeitpunkt Urlaub bekam. Wie oft waren die Kinder nachmittags allein, weil sie wieder Spätschicht hatte. 31 Jahre – und immer hat sie alle Aufgaben auf ihrem breiten Kreuz geschultert und im Sinne des Arbeitgebers gedacht. Sie blättert in den Fotos, die sie von ihrem geliebten ehemaligen Balkon aus aufgenommen hat, Himmelsstimmungen aus dem 11. Stock in Senf, Lachs oder Indigo. Ihre Augen laufen gleich nochmal voll mit Tränen, weil sie so schöne Bilder wohl nie wieder machen wird. Dann zeigt sie auf einen Häuserblock im Hintergrund und sagt: „Dahinter ist mein Markt.“ Manchmal, sie flüstert fast, würde sie am liebsten die Zeit zurückdrehen. Aber wohin? Sie schweigt.

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