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Barbara E. : Tragödie mit Pfandbons

„Mein Ruf und Gesicht ist weg. Man hat mein Leben zerstört” Bild: Franka Bruns

Eine Kassiererin aus Berlin hat gegen ihre Kündigung gekämpft und gegen den Vorwurf, sich um 1,30 Euro bereichert zu haben. Sie hat verloren. Aber sie gibt nicht auf.

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          Das Gericht hat keine Revision zugelassen. Es spricht auch nicht mehr von Verdacht. In dem Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin-Brandenburg heißt es schwarz auf weiß: Sie hat es getan.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Es ist aber nicht so“, sagt Barbara E. „Wer mich kennt, der weiß, dass es nicht so ist.“ Die Berliner Supermarktkassiererin, die berühmt wurde, weil sie wegen 1,30 Euro ihren Job verlor und dagegen vor Gericht gezogen ist, nimmt einen Schluck Kaffee und wiederholt, was sie behauptet, seit sie zum ersten Mal mit den Vorwürfen konfrontiert wurde: „Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.“ Sie sagt auch: „Das, was ich dreißig Jahre in meiner Arbeit aufgebaut habe, ist total weg. Mein Ruf und Gesicht ist weg. Man hat mein Leben zerstört.“

          Auf den ersten Blick wirkt Barbara E. gut beieinander, als sie die Tür zu der engen Wohnung öffnet, die sie bezogen hat, weil Hartz IV nicht mehr erlaubt. Sie behält das Handy am Ohr, während auf dem überfüllten Couchtisch das andere Telefon klingelt, mal ist es ihr Anwalt, mal jemand vom Solidaritätskomitee. Spätestens seit sie Dienstag am Abend nach der Urteilsverkündung bei Kerner in der Talkshow saß, rufen ständig Journalisten an. Am Mittwoch war ihr Fall auf den Titelseiten der Republik, und die „Bild“Zeitung schrieb: „Pleite-Banker dürfen ungestraft Milliarden verbrennen, aber. . .“ Am Donnerstag nannte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse das Urteil „barbarisch“ und „asozial“. Die Fünfzigjährige lächelt triumphierend, wenn ihre Unterstützer solche Neuigkeiten durchtelefonieren wie Erfolgsmeldungen von der Front, als sei der Kampf seit dem Urteil nicht praktisch verloren. Sie redet mit fester Stimme, ihr Blick ist klar, das Lächeln warm, und wenn nach einer fahrigen Bewegung aus ihrer Herzchentasse Kaffee schwappt, verschwindet sie für einen Moment, um im frischen T-Shirt zurückzukommen. Fragt man, wie es ihr geht, sagt sie, sie komme nicht dazu, darüber nachzudenken. Für den Internationalen Frauentag nächste Woche hat sie schon mehr als als ein halbes Dutzend Einladungen: Sie ist zur Galionsfigur des populären Gerechtigkeitsempfindens geworden, zum Aushängeschild des wackeren Protests gegen eine Justiz, die Kritiker seit Jahrzehnten als arbeitnehmerfeindlich geißeln.

          Barbara E. schläft schlecht, seit Dienstag

          Aber Barbara E. schläft schlecht, seit Dienstag. Sie liegt nachts wach, bis sie vor Erschöpfung einnickt, um nach drei Stunden wieder hochzuschrecken, weil ihr Kopf das große Ganze wälzt. Der Streik. Die Kündigung. Der erste Prozess. Die Berufung. Ihr Leben, der Abstieg, die Öffentlichkeit. Und immer wieder: die Bons, die Bons, die Bons.

          Man muss sich ein wenig auf die umständlichen Vorschriften des Kassenwesens in Supermärkten einlassen, um sich vorzustellen, was am 22. Januar 2008 gegen 14.45 Uhr in der Kaiser’s-Filiale in Hohenschönhausen weit im Berliner Osten passiert sein muss. Barbara E. hat nach Schichtende eingekauft, Suppengrün, Kartoffeln, ein paar Tomaten. Beim Bezahlen an der Kasse löst sie zwei Flaschenbons ein, die in ihrem Portemonnaie lagen. Sie sagt, sie erinnere sich weder, wie alt diese Bons waren noch welchen Betrag sie dafür gutgeschrieben bekam. Sie weiß aber, wie Pfandbons von Mitarbeitern auszusehen haben: Ein Kollege muss qua Unterschrift auf dem Zettel bestätigen, dass die Flaschen tatsächlich mit ins Geschäft gebracht worden sind. Barbara E. sagt: „Meine Bons waren immer abgezeichnet.“

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