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Barbara E. : Tragödie mit Pfandbons

Barbara E. ist eine Kämpferin. Sie hat nach 13 Jahren Beziehung ihre drei Töchter allein großgezogen und für Verdi die Streiklisten geführt, so wie sie vor der Wende FDJ-Sekretärin war. Sie ist eine, die sagt, was ihr nicht passt, aber wenn sie sich angegriffen fühlt, wird ihre Stimme schneidend, und das Gegenfeuer prasselt los. Kein Wunder, dass nicht alle Kollegen gut auf sie zu sprechen waren. Aber nachdem das Gros der Kaiser’s-Streikenden zurück bei der Arbeit war, nach Vier-Augen-Gesprächen mit Vorgesetzten, wurde die Stimmung eisig. Barbara E. berichtet, man habe sie geschnitten und ihr die schlechtesten Schichten aufgehalst, bis wohlwollende Kollegen warnten: Sie stehe auf der Abschussliste ganz oben. Und man sei angehalten worden, auf Unregelmäßigkeiten zu achten.

Der bärtige Stichwortgeber vom Solidaritätskomitee schwadroniert über Schikanen für Betriebsräte bei Daimler und die Verdachtskündigung als Willkürinstrument in der Hand von Arbeitgebern, um unliebsame Mitarbeiter loszuwerden. Mit Boykottaufrufen gegen Kaiser’s und Demonstrationen hat das Komitee für eine Menge Wirbel gesorgt; Barbara E. beim Umzug geholfen haben die Unterstützer auch. „Alleine hätte ich das gar nicht reißen können“, sagt sie. Alleine hätte sicher auch sie das Angebot zum Vergleich angenommen wie „Hunderttausend andere“. Zweimal stand im Raum, die fristlose Kündigung in eine fristgerechte umzuwandeln, was ihr immerhin ein ordentliches Zeugnis beschert hätte und eine Art kleine Abfindung. Aber sie sagt: „Wenn ich mittendrin aufgehört hätte zu kämpfen, ich hätte mich nicht mehr im Spiegel ansehen können.“ Jetzt jedoch ist da dieses neue Urteil, in dem steht, dass sie es gewesen sein muss mit den Bons, ohne Zweifel. Revision nicht zugelassen. Und die vermeintliche Frontfrau im Kampf für Arbeitnehmerrechte erscheint plötzlich wie das abgehalfterte Zugpferd vor einem Karren, der gar nicht ihr eigener ist. Oder auch nur: wie die fragwürdige Heldin ihrer ganz persönlichen Tragödie. Selbst wenn ihr Anwalt vors Verfassungsgericht ziehen will. Die schriftlich formulierte Bitte, sie wieder arbeiten zu lassen, und sei es nur zum Auspacken, ohne Kassenzulage, hat Kaiser’s abgelehnt.

Das Prinzip der Verdachtskündigung

„Wie soll das Unternehmen mit einer Mitarbeiterin zusammenarbeiten, die das Blaue vom Himmel heruntergelogen hat?“, fragt Anwältin Schindler-Abbes. „Welches Vertrauen soll denn das Unternehmen noch in diese Mitarbeiterin haben?“ Damit bringt sie das Prinzip der Verdachtskündigung und der herrschenden Rechtsprechung auf den Punkt, auch wenn Anwalt Hopmann für die Gegenseite faucht: „Das ist doch völlig verrückt! Da fällt die Perspektive der Beschäftigten völlig unter den Tisch!“ Da ist es nämlich egal, ob es um 1,30 oder 1300 Euro geht – wenn das Vertrauen des Arbeitgebers zerstört ist, kann ihm nicht zugemutet werden, einen Mitarbeiter weiter zu beschäftigen.

Barbara E. legt plötzlich ihre Brille zu den Streikfotos. Der Komitee-Mann ist gegangen und die Fotografin auch, da bricht es aus ihr heraus: „Eigentlich müsste mein Vertrauensverhältnis gestört sein, so wie die mit mir umgehen.“ Sie greift nach Taschentüchern, ihr Mund zittert, sie ist jetzt sehr blass um die Nase. Wie oft sind ihre Töchter ohne sie in Ferien gefahren, weil sie nicht zum richtigen Zeitpunkt Urlaub bekam. Wie oft waren die Kinder nachmittags allein, weil sie wieder Spätschicht hatte. 31 Jahre – und immer hat sie alle Aufgaben auf ihrem breiten Kreuz geschultert und im Sinne des Arbeitgebers gedacht. Sie blättert in den Fotos, die sie von ihrem geliebten ehemaligen Balkon aus aufgenommen hat, Himmelsstimmungen aus dem 11. Stock in Senf, Lachs oder Indigo. Ihre Augen laufen gleich nochmal voll mit Tränen, weil sie so schöne Bilder wohl nie wieder machen wird. Dann zeigt sie auf einen Häuserblock im Hintergrund und sagt: „Dahinter ist mein Markt.“ Manchmal, sie flüstert fast, würde sie am liebsten die Zeit zurückdrehen. Aber wohin? Sie schweigt.

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